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Riesling und Spätburgunder vom Schlossberg

Wein aus Marburg Riesling und Spätburgunder vom Schlossberg

Die Weinbau-Experten von der Fachhochschule Geisenheim verstehen den Marburger Schlossberg als nördliche Dependence des Rheingaus. Auch vor dem Hintergrund des Klimawandels sind sie hochinteressiert am raren „Landgraf-Philipp-Tropfen“.

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Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Ein Samstagmorgen Mitte Oktober. Während die ersten Touristengruppen den Schlossberg erklimmen, setzt sich die Sonne langsam gegen den Nebel durch und erobert das Lahntal. Doch nicht nur Touristen sind unterwegs: Zwischen den Serpentinen des Fußwegs bestellen die Schlossbergwinzer ihren Weinberg. Vielen Marburgern sind die Reben am Schlossberg noch nie aufgefallen. Auch das Produkt, den „Landgraf-Philipp-Tropfen“, kennen nur Wenige. Marburg ist keine Weinstadt, aber das Kleinklima an der Schlossmauer finden selbst die Experten von der Fachhochschule Geisenheim interessant: Die Mauer speichert die Sonnenwärme und schützt die Reben am Südosthang.

Doch es gibt Gefahren, vor denen selbst die mächtige Schlossmauer die Reben nicht schützen kann. In diesem Jahr war es s zu feucht. Der viele Regen im September und Oktober hat die Winzer um einen großen Teil ihrer Ernte gebracht. Die Marburger gehen von einem Drittel dessen aus, was sie in guten Jahren ernten.

Waschbären im Weinberg

Die letzte Reihe, in der sie am Samstag lesen, zeigt, was das Problem ist: Viele Trauben sind verschimmelt. Und sobald die blauen Schutznetze geöffnet sind, stürzen sich – wenn es so warm ist – die Wespen auf die süßen Früchte. Doch die Marburger Winzer wollen nicht meckern. Erstens müssen sie von ihrem Wein nicht leben und zweitens war es auch schon viel schlimmer: „Im Jahr 2012 hatten wir keine einzige Traube“, erzählt Thomas Rotarius. Wer die Trauben gestohlen hatte, fanden sie erst heraus, als Manfred Schäfer ein Nachtsichtgerät installiert hatte: Die Waschbären öffneten die Schutznetze und fraßen die Trauben. Trotz aller Sympathie für die „putzigen Kerlchen“ mussten die Hobbywinzer reagieren. Seitdem ist der Weinberg durch einen Elektrozaun gesichert.

Die Marburger Weinkultur war nach der Blütezeit im 15 Jahrhundert weitgehend eingeschlafen und wurde erst im Jahr 2000 wiederbelebt. Der damalige Unikanzler Bernd Höhmann hatte die Idee und fand unter anderem in Horst Olbrich, dem heutigen Chef der Marburger Winzer, Mitstreiter, die Weinberg und Weinkeller wiederbeleben wollten. Beides gehört bis heute der Uni und wird von den Hobbywinzern betrieben.

„Die Leute kennen alle die Rote Tür an der  Landgraf-Philipp-Straße, aber die Wenigsten wissen, was dahinter steckt“, sagt Rotarius. Er hat früher in der Werbung gearbeitet und blogt, seitdem er in Rente ist, auf meine-marburger-region-entdecken.de über regionale Besonderheiten wie den Marburger Wein.

Einer derjenigen, die wissen wollten, was hinter der roten Tür passiert, ist Peter Streibelt. Der Zahntechniker im Ruhestand ist schon seit 2000 dabei: „Die Tür stand offen und da habe ich mal hineingeschaut – so bin ich dazu gekommen. Seitdem“, sagt Streibelt, „nehme ich Qualitätsunterschiede beim Wein besser wahr.“ Gut, dass sich auch die Qualität des Marburger Weins  verbessert hat. „2013 war ein hervorragender Jahrgang“, sagt Rotarius. Der Wein sei allerdings fast ausgetrunken. „Die Leute, die bei der Nacht der verborgenen Geschichte bei uns waren, sind total aus dem Häuschen gewesen“, erzählt er. 400 Menschen hätten sie mit ihrem Superjahrgang bei Kerzenschein im historischen Keller versorgt. Dazu kredenzten Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule Häppchen.

Dass sich der Wein so verbessert hat, ist auch ein Verdienst von Horst Hess. Der Laborbiologe hat die Kellerwirtschaft der Marburger Winzer mit seinen Erfahrungen weiter gebracht: Mit Hefe und Gärprozessen hatte er sich schon beim heimischen Bierbrauen beschäftigt und die jahrelange berufliche Laborpraxis kann Hess auch im Weinkeller anwenden: Während seine Kollegen die Trauben pressen, reinigt er die Behälter und nimmt erste Proben.

Traditionelle Herstellung

Die Trauben werden durch ein Tuch gepresst. Dann wird der Trester, also die Schalen und Ästchen der Trauben aufgelockert und ein zweites Mal gepresst. Wenn alle Trauben einmal in dieser Weise doppelt gepresst wurden, kommt zum Abschluss der gesamte Trester noch einmal in die Presse. Theoretisch könnte der Saft bitter werden, wenn die Winzer den Trester zu fest pressen. Aber praktisch ist das mit Manneskraft kaum zu schaffen.

Nach dem Pressen wird der Most in einen, Ballon genannten, bauchigen Glasbehälter gefüllt. Hess stellt fest, dass der Wein zu sauer ist und wirkt mit etwas Calciumcarbonat entgegen. Eventuell muss auch nachgezuckert werden, wenn die Trauben zu wenig Sonne bekommen haben und der sogenannte Oechsle-Wert zu niedrig ist. Denn aus Zucker wird später Alkohol und ein Wein der zu wenig Alkohol hat, hat nicht nur weniger Geschmack, er ist auch nicht haltbar. Das seien in diesen Mengen alles zugelassene Techniken, sagt Hess.

Walter Rösner kümmert sich mit dem Laborbiologen hauptsächlich um die Kellerwirtschaft. Dem Sozialpädagogen macht besonders Spaß, dass er jedes Jahr wieder etwas dazulernt. Profi-Winzer werden besucht oder kommen vorbei, um den Schlossbergwein zu kosten, der hier im „nördlichsten Teil des Rheingaus“ mit einfachsten Mitteln produziert wird. Kein Witz: Auf den Etiketten des Marburger Weins steht tatsächlich Rheingau als Anbaugebiet!

Wenn Hess seine Arbeit abgeschlossen hat, stellt er den Ballon auf das Lagerbrett. Die festen Bestandteile setzen sich dann nach und nach von selbst auf dem Boden ab – der Prozess nennt sich Klärung. Weil er vielen Profis zu lange dauert und sie den 2014er Wein schon Anfang des Jahres vermarkten wollen, filtern sie ihn. In Marburg lassen sich die Winzer dagegen Zeit: Erst im Juni werden die 25 Liter 2014er Riesling in Flaschen gefüllt.   Über das Marketing brauchen sich die Hobbyisten keine Sorgen zu machen: Ihr Wein ist unverkäuflich.

von Thomas Strothjohann

Die Fakten
Riesling
Riesling ist eine der wichtigsten Rebsorten in deutschen Anbaugebieten. Die Rebe mit den weißen Trauben nimmt laut statistischem Bundesamt 22,4 Prozent der deutschen Rebflächen ein. In Marburg sind es etwa 40 Prozent der Reben.
Spätburgunder
Der rote Spätburgunder (ebenfalls 40 Prozent der Marburger Reben) wurde am Schlossberg schon Anfang Oktober gelesen. Es war eine „Notlese“, erzählen die Winzer. Sonst wären noch mehr Trauben verschimmelt. Die Rebsorte ist empfindlich gegen Mehltau, Rohfäule und andere Pflanzengefahren.
Frühburgunder
Ein kleiner Teil der Reben am Marburger Schlossberg ist von der Sorte Frühburgunder. Sie ist durch natürliche Mutation aus der Spätburgunder-Rebe entstanden und zeichnet sich – wie der Name schon sagt – durch besonders frühe Reife aus. Er wird mit weiteren teilweise auch weißen Sorten aus dem Bestand zum „Schillerwein“ verarbeitet.
Warum Rotwein rot wird...
Rote Weintrauben sind zwar außen rot, ihr Saft ist aber ähnlich hell, wie der Saft weißer Trauben. Wieso ist der Wein dann rot? Nach dem Pressen wird der Trester, also die Schalen und Ästchen, dem Wein wieder zugegeben. Während des Gärungsprozesses geben die Schalen dann die Farbe an den Most ab. Nach etwa zwei Wochen wird der Trester dann noch einmal ausgepresst und vom Wein getrennt.
...und Rosé rosa.
Roséwein entsteht, wenn der Wein nur kurz oder gar nicht mit den roten Häuten in Kontakt kommt.
Rosen am Weinberg
Die Rosen stehen nicht nur zur Zierde am Weinberg – sie haben auch eine Warnfunktion: Der Mehltau befällt zuerst die Rosen und kurze Zeit später erst den Wein. Wenn  auf den Blättern der Rose ein weißer, Tau-Belag erscheint, der aussieht wie Tau, ist es allerhöchste Zeit, den Wein zu lesen – auch wenn der Zuckergehalt der Trauben noch nicht so hoch ist wie gewünscht.
Mehltau
Mehltau ist nicht eine einzelne Pflanzenkrankheit, sondern der Sammelbegriff für verschiedene Pilzkrankheiten. Dabei bildet sich ein weißer Flaum auf den Blätter.
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Frisch, unbehandelt und aus der Region haben es immer mehr Verbraucher am liebsten: Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und das Bewusstsein für die Herkunft der Waren wächst. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es eine Vielzahl von Direktvermarktern. Die OP stellt sie in dieser Serie vor. 

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