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Geistreich und mit viel Geschmack

Spezialitätenbrennerei Behlen Geistreich und mit viel Geschmack

In Wenkbach werden feinste Spirituosen gebrannt. Ganz neu im Programm: der Fortbacher Single Malt Whisky.

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Seniorchef Jürgen Behlen ist nach wie vor für die technischen Abläufe in der Brennerei verantwortlich. Stolz ist er auf das neue Produkt des Hauses: den Fortbacher Single Malt Whisky.

Quelle: Tobias Hirsch

Wenkbach. Im Bahnhofsweg 26 in Wenkbach steht zurzeit das Telefon kaum still. Ein großer Teil der Anrufer preist sein Obst an, will es verkaufen. Andere möchten die Früchte aus dem eigenem Garten zu einem geistigen Getränk verarbeiten lassen, das sie selbst genießen wollen. Nicht alle, aber die meisten Wünsche kann die Hessische Spezialitätenbrennerei Behlen erfüllen. Nicht jeder potentielle Neukunde kennt die Erträge aus dem Obst, das er anbietet.

Seniorchef Jürgen Behlen erklärt: „Aus 100 Kilogramm Himbeeren gewinnt man einen Liter Alkohol.“ Als reiner Brand sei das unbezahlbar, dann koste die Flasche mindestens 1 000 Euro. Aus 100 Kilo Zwetschgen erhalte man 5,5 Liter Brand, aus der gleichen Menge an Äpfeln 3,5 bis 4 Liter, aus 100 Kilo Birnen 4 Liter Brand. Unter dem Strich koste ein im Auftrag hergestellter Obstbrand mit 40 Prozent Alkohol – etwa aus den eigenen Äpfeln – mit Steuer etwa 20 Euro. Es gebe in den Märkten Obstbrand in der 0,5-Liter-Flasche für 4,99 Euro. Bei solchen Preisen empfiehlt der Landwirtschaftsmeister und gelernte Brenner genauer auf das Kleingedruckte zu schauen.

Alkohol wird aus eigenem Getreide hergestellt

Auf dem Etikett erfahre man nämlich, dass der Obstanteil bei 20 Prozent liege, der Rest bestehe aus Korn. „Was sich Kunden aus ihrem Obst privat brennen lassen, kann man nicht kaufen“, versichert Behlen. Er nennt als Beispiel die Quitte: Da müsse der Pelz abgerubbelt werden. Das sei aufwendig. Er hat Privatkunden, die dieses Putzen der Früchte selbst erledigen. Ein guter Quittenbrand in Österreich koste nicht unter 80, 90 Euro. „Das hat schon seinen Grund. Leute, die auf der hochpreisigen Schiene kaufen, wissen schon, warum“, sagt der Fachmann.

Solche Kleinaufträge sind aber nicht das Hauptgeschäft des Unternehmens. Die zwei wichtigsten Standbeine sind die Herstellung von Alkohol aus eigenem Getreide und die eigenen Marken. Christiane Striepecke, die in diesem Jahr neben Wolfgang Schratz die Geschäftsleitung übernommen hat, berichtet, dass bekannte Produkte von übernommenen Brennereien aus der Region nach wie vor unter den bekannten Namen vermarktet werden.

Single Malt Whiskey made in Wenkbach

So kaufte Behlen 2002 die Weinbrennerei und Likörfabrik Hans Quambusch in Gießen, zwei Jahre später die Firma Lauterbacher. Der Kräuterlikör „Marburger Nachtwächter“ wird für die Firma Pfeiffer aus der Marburger Oberstadt in Konzession hergestellt.
Zahlreiche Spirituosen aus dem Hause Behlen laufen unter dem Stammnamen Fortbacher. Fortbach ist der Name des Hofgutes bei Ilschhausen, auf dem die Familie lange Zeit dem Brennhandwerk nachging. Vater und Großvater kauften 1942 das Gut. Sie hatten bereits in Lelbach bei Korbach eine Brennerei und setzten ihr Handwerk nun im Ebsdorfer Grund fort. 1971 übernahm mit Jürgen und Karin Behlen die nächste ­Generation den Hof und die Brennerei.

Auf dem 180 Hektar großen ehemaligen Klosterbetrieb wurden aus dem eigenen Obst und Getreide Alkohol und Spirituosen gewonnen. 2007 zog die Firma nach Wenkbach um, eine neue, modernere Brennerei entstand. Und auch dort baut man den eigenen zertifizierten Weizen an. Zu den etwa 50 Produkten, die inzwischen hergestellt werden, zählen die Fortbacher Obstbrände: „Der echte Hesse“. In Hessen vollgereiftes Obst wird sortenrein geerntet und zu Edelobstbränden verarbeitet.

Organisation von Fässern ist größtes Problem

Die Brennerei produziert im Kundenauftrag, etwa für Gemeinden aus der Region und vertreibt ihre Produkte weltweit, etwa nach Indien. Die Palette reicht von den altbewährten Produkten des Hauses über Vodka und Gin bis hin zu – neuerdings – Whisky. Der erste reift seit fast vier Jahren in Holzfässern und wird jetzt abgefüllt. „Bei Whisky-Tastings haben wir ihn vorgestellt, und es gab richtig gute Rückmeldungen“, berichtet Christiane Striepecke.

Entsprechend groß sei die Nachfrage nach dem Termin gewesen, wann man den Fortbacher Single Malt Whisky endlich kaufen könne.„Die Idee, Whisky zu brennen, hatte ich schon lange“, sagt Jürgen Behlen.

Erst als die dafür nötigen Fässer organisiert waren, konnte er sich den Traum erfüllen. Der Whisky aus Wenkbach wird in Bordeaux- und Cherryfässern gelagert. „Fässer sind auf dem Markt nur sehr schwer zu bekommen“, berichtet der Seniorchef und ergänzt: „Vor zwei Jahren haben wir uns noch einmal richtig eingedeckt.“ Wenn man heute welche bekomme, dann seien diese völlig überteuert. „Bis zu 500 Euro werden pro Fass verlangt.“ Die Fässer für die Brennerei in Wenkbach wurden aus Finnland geliefert.

Färben der Spirituosen steht nicht zur Debatte

Wie oft die 225-Liter-Fässer belegt werden können, weiß Behlen nicht. „Keine zehn Mal“, da ist er sich sicher. Das Holz gebe am Schluss nicht mehr genügend Gerbstoffe ab, erklärt er. Bei Zweitbelegung benötige man bereits die doppelte Zeit, um die gleiche Farbe zu erhalten. „Und wir wollen nicht färben, da bin ich ein absoluter Gegner“, betont er.

Künftig sollen die Spirituosen des Hauses auch über einen Onlineshop verkauft werden. Dann kann man auch andere neue Produkte wie Bio-Vodka und Haselnussliköre per Mausklick ordern. Bereits jetzt werde viel per Post verschickt. Die Leute rufen einfach bei uns an, das hat sich etabliert“, sagt die neue Geschäftsführerin. Während die neue Geschäftsleitung die Geschicke lenkt, will sich das Ehepaar Behlen langsam aus dem Unternehmen zurückziehen. Derzeit ist der 78-jährige Jürgen Behlen als Brenner noch voll im Geschäft.

von Hartmut Berge

Hintergrund

Obstbrand
Obstler, Obstwasser oder Obstbrand bezeichnet eine Spirituose, die aus verschiedenen Früchten wie beispielsweise Birnen, Äpfeln oder Zwetschgen hergestellt wird. Die Früchte werden gemeinsam gemaischt und diese Maische wird einer alkoholischen Gärung unterworfen. Daraus wird durch Destillation, man spricht vom Brennen, ein Schnaps gewonnen. Der Mindestalkoholgehalt beträgt 37,5 Volumenprozent.

Die verschiedenen Arten von Obstbränden sind unter Spirituose aufgeführt. Bei Obstwasser/Obstbrand ist vorgeschrieben, die verwendeten Früchte in absteigender Reihenfolge – nach der verwendeten Menge – auf dem Etikett aufzuführen, beispielsweise Obstwasser aus Äpfeln und Birnen.

Ein Obstler wie Mirabellenbrand/Mirabellenwasser etwa wird aus nur einer, der namensgebenden, Frucht destilliert. Es dürfen keine weiteren Früchte zugesetzt werden. Wird eine Sorte in den Namen aufgenommen, wie bei Williams-Christ Birnenwasser, dürfen keine Birnen einer anderen Sorte zusätzlich verwendet werden.
Früchte
Die Qualität eines Obstbrandes hängt wesentlich von der Qualität der zur Herstellung verwendeten Früchte ab. Das Brennobst sollte die optimale Genussreife erreicht haben, damit ein ausgeprägtes und sortentypisches Aroma vorhanden ist. Je höher der Zuckergehalt, desto größer ist die Alkoholausbeute. Um Branntweinfehler zu vermeiden, muss das Obst frei von Erde, Gras und Blättern sein. Unreife, faule, verschimmelte und schlecht ausgebildete Früchte sind nicht geeignet. Sie enthalten wenig Zucker und kaum gute Aromastoffe.

Geschichte des Whiskys

Es waren wohl christliche Mönche, die im 5. Jahrhundert unter anderem den Kelten die Technik des Destillierens von Flüssigkeiten vermittelten und so die Grundlage zur Herstellung des Whiskys schufen. 1494 wurde erstmals der Begriff „aqua vitae“ urkundlich in schottischen Steuerformularen erfasst. Während man in Irland überwiegend Gerste und Hafer zur Produktion verwendete, wurde in Schottland nahezu jede Getreideart zum Brennen verwendet.

Viele Brenner siedelten ab dem 17. Jahrhundert nach Amerika aus, wodurch das Getränk auch dort seine Verbreitung fand. Dort nutzte man neben dem üblichen Getreide außerdem Mais und Roggen zur Herstellung des Whiskys.
Das Brennen wurde optimiert, leichtere Sorten eroberten den Markt, welche die irländischen Produkte zu verdrängen drohten. Hinzu kam die Konkurrenz des Blended Scotch aus Schottland. Beim Blended Scotch handelt es sich um eine Mischung von verschiedenen Whiskys, welche dann für einige Zeit in einem Fass gelagert werden, um in ihrer geschmacklichen Verbindung zu reifen.

Der amerikanische Whisky etablierte sich auf dem Markt. Ab dem Ersten Weltkrieg erlebte er in Amerika schwere Zeiten. Brennereien wurden zur Produktion von Schießpulver gezwungen. Von 1917 bis 1919 wurde der Alkoholgenuss komplett verboten.
Mit der Vernichtung aller Whisky-Vorräte begann die Zeit des Schmuggels. Als Konsequenz kippte das Gesetz zum Verbot von Alkohol 1933. Ab dem Zweiten Weltkrieg wurde der amerikanische Bourbon verstärkt nach Europa verschifft. Die Produktpalette der Sorten aus traditioneller Herstellung findet aber immer noch viele Anhänger.

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