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Ernte teilen - Gemeinschaft gewinnen

Besser Esser Ernte teilen - Gemeinschaft gewinnen

Täglich werden tonnenweise Lebensmittel weggeworfen. Dies ist nur ein Grund, weshalb sich Menschen in einer solidarischen Landwirtschaft organisieren. Das Ziel dabei lautet, sich gesund und
regional zu versorgen.

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Gemüsefahrer Alexander Ruppel vor dem hofeigenen Lieferbus.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Als die erste Ernte im Frühjahr 2013 eingeholt war, schaute so manches Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft Marburg (Solawi, siehe Hintergrundkasten) etwas verwirrt in die kaum gefüllten Gemüsekisten. Sollten das bisschen Salat und die zwei Kohlrabis etwa alles sein? Dafür der ganze Aufwand und der monatliche Beitrag? Schnell wurde der Gemeinschaft klar, dass auch magere Zeiten zu einer regionalen landwirtschaftlichen Versorgung gehören.

Denn genau darum geht es den Initiatoren: Im Vordergrund steht der Gedanke, sich von den großen Lebensmittelketten unabhängig zu machen und zu wissen, woher das Essen stammt, das da auf dem Tisch beziehungsweise in der Kiste landet.

Ein Jahr später ist die anfängliche Skepsis bei den Mitgliedern gewichen. Die wöchentlich ausgelieferten Kisten sind prächtig gefüllt. Solawi-Mitbegründer Gunter Kramp spricht sogar von einer wahren „Karotten-Schwemme“.
Das Projekt der regionalen Selbstversorgung scheint zu funktionieren. Der Marburger Verein wächst rasant. Kramp berichtet von Mitgliedern, die ihre Dankbarkeit darüber ausdrückten, nun nach unzähligen Meldungen über Lebensmittelskandale selbst aktiv werden zu können. In der Praxis bedeutet das, dass die Solawi-Mitglieder dazu angehalten sind, sich beim Säen, Pflegen und Ernten des Gemüses zu beteiligen.

Dies alles geschieht beim Kooperationsbetrieb von Uwe Engelhard in Kirchvers. Auf dem Hof „Grünzeug“ erfahren die „Bio-Bauer-Gehilfen“, was ökologischer Anbau bedeutet. „Außerdem ist es eine schöne Erfahrung auf dem Feld zu stehen und gemeinsam etwas zu schaffen“, sagt Vera Zimmermann von der Solawi Marburg.

Die Verteilpunkte

Auf dem Hof werden außerdem jeden Mittwoch die Gemüsekisten gepackt und am Donnerstag an die insgesamt zehn Verteilpunkte (sieben in Marburg und drei in Gießen) geliefert, wo sich die Mitglieder ihren Anteil selbst zusammenstellen.
In dieser Woche besteht ein Gemüseanteil aktuell aus zwei Kürbissen, einem Kilo Möhren, 100 Gramm Postelein, zwei Salaten und einem Radiccio.

Engagement ist an vielen Stellen im Verein gefragt. Nicht nur mit Gummistiefeln und Harke auf dem Feld. Beteiligungsmöglichkeiten gibt es zum Beispiel bei der Internetpräsenz, dem Finanzsektor oder der allgemeinen Koordination von Abläufen innerhalb der Gemeinschaft. „Jeder soll und kann seine Stärken mit einbringen“, erklärt Vera Zimmermann.

Die „Bieterunde“

Die Solawi Marburg verlangt von ihren Mitgliedern einen monatlichen Beitrag, um in aufgenommen zu werden. Der derzeitige Richtwert für einen Gemüseanteil liegt bei 54 Euro im Monat. Richtwert bedeutet in diesem Zusammenhang, dass dieser Betrag zunächst als Orientierungsmarke dient.

In einer Bieterunde, die immer im Frühjahr abgehalten wird, können die Interessierten ihr Gebot anonym auf einen Zettel schreiben. Die Idee dahinter: Jeder kann sich gemäß seiner finanziellen Situation beteiligen. Indem die Vermögenden etwas mehr geben, wird es finanziell schwächer gestellten Menschen ermöglicht, weniger für einen Gemüseanteil zu bezahlen.

Dieses System funktioniert jedoch nur, wenn am Ende alle Teilnehmer im Durchschnitt den Richtwert bezahlt haben. „Wir sind nicht an Gewinn interessiert, müssen aber natürlich die Kosten des Landwirtschaftsbetriebs decken“, sagt Gunter Kramp. Fehlt am Ende noch Geld, folgt eine weitere geheime Bieterunde. Das geht dann so lange, bis der Haushalt gedeckt ist. Haben anschließend alle ihre gewünschten Anteile bestellt, gehen die Aufträge raus an den Landwirtschaftsbetrieb „Grünzeug“ in Kirchvers. Auf dem Hof von Uwe Engelhard.

Der Verein versteht sich nicht als Konkurrent für andere Bio-Lebensmittelbetriebe in der Region. Im Gegenteil: Gunter Kramp wünscht sich, dass noch mehr Betriebe nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft arbeiten, also nicht auf einen finanziellen Gewinn abzielen. Deutschlandweit gibt es derzeit 55 Solawi-Höfe, die ihre Mitglieder in einem eigenen Wirtschaftkreislauf mit Nahrung versorgen.

Zukunftsaussichten

Visionen haben Kramp und seine Mitstreiter noch genügend. Ein Fernziel ist das kulinarische Angebot in Zukunft um tierische Produkte zu erweitern. Bereits im kommenden Jahr sollen die Mitglieder auch Honig beziehen können. Die Solawi Marburg steht deswegen schon mit einem heimischen Imker in Kontakt, berichtet Kramp.

Vorbild für die Marburger Solawi ist der vor Hamburg gelegene Buschberghof Fuhlenhagen. Dieser Versorgungsbetrieb besteht bereits seit 1988 und hat es in dieser Zeit geschafft, ein ganzes Netzwerk an Versorgungsmöglichkeiten aufzubauen. Zum Hof gehört zum Beispiel auch eine Bäckerei und eine Käserei.

Zahl der Plätze ist begrenzt

Für die nähere Zukunft hat es sich der Verein jedoch zunächst zunächst zur Aufgabe gemacht, „die Qualität unserer Gruppenprozesse und Organisationsstrukturen“ zu verbessern, berichtet Kramp. Damit verbunden ist auch der Wunsch, in der nächsten Saison, die im Mai beginnt, nicht wieder so stark zu wachsen wie im vergangenen Jahr. „Wer zukünftig bei uns mitmachen will sollte sich also frühzeitig melden, da die Zahl der Gemüseanteile begrenzt ist“, teilt Kramp mit. Für die laufende Saison sind die Kapazitäten schon ausgelastet. Die nächste Möglichkeit für einen Einstieg ist Mai 2015.

Kontakte und Hintergrundinformationen zum Thema gibt es unter der Email-Adresse solawi@solawi-marburg.de sowie auf der Homepage http://solawi-marburg.de.

Hintergrund
Stichwort „Solidarische Landwirtschaft“
Als solidarische Landwirtschaft bezeichnet man den Zusammenschluss von einem landwirtschaftlichen Betrieb oder einer Gärtnerei (selten mehreren) mit einer Gruppe privater Haushalte. Der Hof liefert Gemüse, Obst und andere landwirtschaftliche Produkte an die Mitglieder, die einen regelmäßigen Monatsbetrag zahlen und damit dem Hof die nötigen finanziellen Mittel zur Produktion bereitstellen. Die Grundidee besteht darin, einen möglichst geschlossenen Wirtschaftskreislauf aufzubauen, in dem Entscheidungen gemeinsam getroffen und Risiken wie Ernteausfälle gemeinschaftlich getragen werden. Ziel ist es, eine transparente, faire und ökologische Form der landwirtschaftlichen Produktion in der Region zu etablieren.
Der Marburger Verein
Der Verein Solawi Marburg gründet sich am 2. November 2012. Bereits im ersten Jahr registriert der Verein 120 Mitglieder. In der ersten Saison wurden 81 Ernteanteile verteilt, was einen Umsatz von 42 000 Euro entspricht. Im Wirtschaftsjahr 2014/15 steigerte sich die Mitgliederzahl auf 214 (146 Ernteanteile) und der Umsatz auf 89 300 Euro.
Im Oktober 2013 wurde zudem ein Kühllagerraum auf dem Kirchverser Hof „Grünzeug“ errichtet.  Die Investition in Höhe von 12 000 Euro wurde dabei durch die Einlagen der Mitglieder getragen. Somit kann der Verein seine Mitglieder auch über den Winter versorgen.
Der Partner:
Der etwa elf Hektar große landwirtschaftliche Betrieb „Grünzeug“ tritt seit Dezember 2012 als Kooperationspartner der Solawi Marburg in Erscheinung. Hofbesitzer Uwe Engelhard (Foto: Thorsten Richter) baut bereits seit 2003 Gemüse auf dem Kirchverser Gelände an. Nach den obligatorischen „Anlaufschwierigkeiten“, die ein solches Projekt mit sich bringe, seien die Arbeitsabläufe jedoch recht schnell in Gang gekommen, berichtet Engelhard. Von der Idee einer solidarischen Landwirtschaft ist der zertifizierte Bio-Bauer überzeugt.

von Dennis Siepmann

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Frisch, unbehandelt und aus der Region haben es immer mehr Verbraucher am liebsten: Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und das Bewusstsein für die Herkunft der Waren wächst. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es eine Vielzahl von Direktvermarktern. Die OP stellt sie in dieser Serie vor. 

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