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Eine zuckersüße Tradition

Neujahrsgebäck "Berjes" Eine zuckersüße Tradition

Ihre Form variiert je nach Region. Der Name auch. Die Zutaten und die Zubereitung sind jedoch im Grunde überall die selben. Neujahrsgebäcke gelten als Glücksbringer und haben eine lange Tradition – auch in Kirchhain.

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Das fertige Neujahrsgebäck "Berjes".

Quelle: Archivfoto

Kirchhain. Wer mit Hefe backen will, muss Zeit mitbringen. Und Zeit, die ist an den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr zumeist reichlich vorhanden. Also wird gebacken – und zwar mit Hefe. Neujahrsgebäck nennt man das, wenn es fertig ist. Alten Überlieferungen zufolge soll es Glück und Segen bringen sowie vor Krankheit und Hunger schützen.
Backen lässt sich das Neujahrsgebäck recht einfach. Die Zutaten sind fix zusammengestellt – außer Hefe braucht man Milch, Mehl, Zucker, Eier sowie Salz. Und natürlich Zeit.
Denn wenn die Zutaten erst einmal alle vermischt und der Teig ordentlich durchgeknetet ist, muss er mindestens eine halbe Stunde lang „gehen“.
Zeit, sich dem Ursprung der Gebäckform zu widmen: Bereits seit dem 15. Jahrhundert wurde Neujahrsgebäck verschenkt – und zwar von den Paten an ihre Patenkinder. In Kirchhain hat die Tradition des Neujahrsgebäcks einen ganz eigenen Namen: Die „Berjes“ kennt außerhalb der Ohmstadt nämlich kaum jemand.

Um den „Berjes“ wird in Kirchhain gewürfelt

„Der Berjes ist in unserer Zeit ein wohlschmeckendes in Zopfform gebackenes Produkt der Kirchhainer Bäcker“, erklärt die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Kirchhain, Kerstin Ebert. Es handele sich um einen geflochtenen Hefezopf, um den zwischen den Jahren bei den traditionellen Würfelabenden (siehe Kasten) gewürfelt wird. „Laut Kirchhainer Chronik ist das Glücksspiel um die Kirchhainer ,Berjes‘ ein jahrhundertealter Brauch“, so Ebert.

Doch woher stammt jetzt eigentlich der Begriff „Berjes“? Die Kirchhainer Chronik aus dem Jahr 1963 weiß Rat. Dort heißt es: „In der Kirchhainer Mundart kommen immer wieder Worte vor, die unstreitig jüdischen Ursprungs sind. Etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie durch den ständigen Kontakt mit den jüdischen Mitbürgern und Händlern in die Umgangssprache übernommen. So sind auch Bärches, Bärges, Bärjes oder Berches, Berges, Berjes zu erklären.“

Um aus dem gegangenen Hefe-Teig einen solchen „Berjes“ zu fertigen, ist Fingerspitzengefühl gefragt: Nach dem Durchkneten wird die Masse in fünf etwa gleiche Teile geteilt. Aus diesen werden fünf lange Rollen geformt. Drei davon werden zu einem Zopf verflochten, die anderen beiden am oberen und unteren Ende mehrfach wie zu einer Schnecke eingerollt und dann an den Hefezopf angedrückt.
Damit der „Berjes“ nachher schön glänzt, wird er mit einer Eigelb-Milch-Mischung eingepinselt. Dann ist noch einmal Geduld gefragt: Der „Berjes“ muss „gehen“ und zwar solange, bis er sich sichtlich vergrößert hat. Noch einmal Zeit also, um in die Vergangenheit einzutauchen. Denn was bedeutet „Berjes“ jetzt eigentlich?

Eine eindeutige Schreibweise des Wortes ist nach Angaben des Kirchhainer Heimat- und Geschichtsvereins nicht bekannt – mittlerweile hat sich eben die Schreibweise „Berjes“ eingebürgert. Im hebräischen Original heißt es „brikat“ oder „beracha“ und bedeutet Segen. Es ist ein Sabbat-Weißbrot, auch als „jüdisches Brot“ und als Weißbrot mit Mohn bekannt. Der „Berjes“ ist also eine Art Weißbrot – nur mit Hefe gebacken.
Und Backen ist jetzt das Stichwort: Hat sich der Zopf sichtlich vergrößert kann er endlich in den Ofen geschoben und gebacken werden. Frohes neues Jahr!

von Katharina Kaufmann

Jahrhundertealter Brauch

In Kirchhain gibt es „zwischen den Jahren“ einen jahrhundertelangen Brauch: das Würfeln. Ab dem 27. Dezember wird in Kneipen, Bars, Cafés und Restaurants um Backwaren und Torten gespielt.  
In der Stadtchronik von Heinrich Grün aus dem Jahr 1952 ist unter anderem folgendes zu lesen:

„An den beiden ersten Würfeltagen kam meistens Kleingebäck zum Auswürfeln und der von den Spielern zu leistende Einsatz betrug hierbei je Kopf und Spiel 1 oder 2 Pfennig. Schon wochenlang vorher hatten die Schulkinder in den Haushaltungen Knochen und Lumpen gesammelt und diese dann an einen Lumpensammler verkauft, um die nötigen ,Würfelheller‘ zu bekommen. An den weiteren Würfelabenden winkten größere Stücke dem Gewinner, aber auch die Einsätze betrugen 5 oder 10 Pfennig je Spiel. Gewürfelt wurde mit 3 Würfeln und gültig war nur der Wurf, wenn dabei wenigstens zwei Würfel die gleiche Augenzahl hatten. Solange dies nicht erreicht war, musste der Spieler weiter oder wie man dafür sagte ,besser werfen‘. Sieger in jedem Spiel wurde der Spieler, der mit seinen Würfeln die höchste Augenzahl erreicht hatte…“
Noch heute hat die Tradition Bestand. Mittlerweile beträgt der Einsatz zwischen einem und fünf Euro. Zu gewinnen gibt es neben den traditionellen „Berjes“ auch Restaurant-Gutscheine, Wurst und halbe Schweine.
Nicht nur in Kirchhain war und ist es ein jahrhundertealter Brauch um das Neujahrsgebäck zu spielen. In anderen Regionen Deutschlands wurde und wird auch heute zum Teil noch um die Gebäcke gekegelt oder Karten gespielt.

Das Rezept

  • 1 Würfel Hefe oder
  • Päckchen Trockenbackhefe
  • 250 Milliliter Milch
  • 500 Gramm Mehl
  • 80 Gramm Zucker
  • Zitronen-Schale (abgerieben) nach Bedarf
  • 2 Eier
  • 1 Messerspitze Salz
  • 1 Eigelb
  • 1 Esslöffel Milch

Die Milch als erstes ein wenig erwärmen. Dann werden Hefe und lauwarme Milch miteinander verrührt und anschließend mit dem Mehl, dem Zucker, der Zitronenschale, den Eiern und dem Salz verknetet. Einfacher geht es mit Trockenbackhefe: Diese wird mit dem Mehl vermischt. Dann werden die restlichen Zutaten untergemischt und verknetet. Den Teig nun etwa 30 Minuten gehen lassen.
Danach wird der Teig in fünf Teile aufgeteilt, aus dreien wird ein Zopf geflochten. Aus den anderen beiden werden Rolle geformt, die am oberen Ende in Schnecken enden. Diese werden links und rechts an den Zopf angelegt. Das fertige Backwerk nochmal gehen lassen, bis es sich sichtbar vergrößert hat. Das Gebäck mit dem mit der Milch (1 Esslöffel) verquirlten Eigelb bestreichen und bei 160 Grad Heißluft etwa 30 Minuten backen.

Das Würfeln

  • Die Tradition des Neujahrsgebäcks – oft auch als Neujährchen bezeichnet – ist im deutschsprachigen Raum regional unterschiedlich ausgeprägt. Die als Glücksbringer geltenden Gebäcke gibt es in Form von Broten, Kuchen, Törtchen oder Waffeln.
  • In seiner ursprünglichen Bedeutung sollte das Neujahrsgebäck vor Unglück, Hunger und Krankheit schützen und Glück sowie Gesundheit bringen. Meist wird es als Baum, Hase, Hirsch, Schwein, Brezel oder Zopf gebacken.
  • Im Rheinland, im Bergischen Land und an der Mosel wurde das Neujahrsgebäck etwa seit dem 15. Jahrhundert in Form von Kränzen, Kleeblättern und Tieren von den Paten an deren Patenkinder verschenkt.
  • In der Eifel war es im 19. Jahrhundert Brauch, Hefebrote in Form von gepressten Bildwerken zu verschenken.
  • Am Niederrhein sind es Brezeln – sogenannte Wängel – und s-förmige Gebäcke, die Nöijjöarkes, die an Neujahr verschenkt werden.
  • Mit Möhrensaft hergestellte fladenbrotartige Hafermehlwaffeln gelten dagegen im oberbergischen Land als traditionelles Neujahrsgebäck.
  • Im Münsterland verschenkt man einen aus Hefe gebackenen Neujahrskranz.
  • Die ostfriesischen „Neejahrskoken“ werden in einem Eiserwaffeleisen gebacken und danach zu kleinen Hörnchen geformt.
  • In Oberfranken ist der Jahreswechsel traditionell eine typische Zeit für Krapfen.
  • In Rheinhessen wird an Neujahr der sogenannte „Neujahrsbopp“, in Frankfurt kleiner und als „Stutzweck“ bekannt, gebacken.
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