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Eine Ga(r)be der Natur

Schafgarbe Eine Ga(r)be der Natur

Unkraut – schimpfen die einen. Ein Wunder der Natur – sagt Hildegard Herr. Die 62-Jährige hat derzeit viel zu tun. Auf den Wiesen und Feldern wächst gerade ihr Jahresvorrat an Heilkräutern. Und der will geerntet und verarbeitet werden.

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Das Heilkraut Schafgarbe ist für Hildegard Herr ein "Wunder der Natur".

Quelle: Nadine Weigel

Niederasphe. Über sie wird häufig getuschelt. Manchmal wird sie auch belächelt. Verrückt sei sie. Ein bisschen zumindest. Da kauft sie sich mit 62 Jahren ein baufälliges Haus. Eines, in das sie ganz allein eingezogen ist. Das sie selbst renoviert. Zimmerchen für Zimmerchen. Eines, in dem sie einhundert Jahre alt werden will. Mindestens. Und irgendwie klingt dieser Plan gar nicht mehr so verrückt, wenn man ihn sich von Hildegard Herr erzählen lässt.

 

Es ist nicht ihre Wortwahl, die überzeugt. Es ist ihre Ausstrahlung. Ihre Lebensfreude. Ihr Optimismus. Das kleine Häuschen ist ihr wahr gewordener Lebenstraum. Im alten Schweinestall hat sie sich ihre Kräuterküche eingerichtet. Schöner Wohnen lässt grüßen. Moderner Landhausstil. Verspielt, funktional, hell und trotzdem urig. Hildegard Herr ist eine Kräuterfrau. Eine, die nahezu alles über die kleinen Helfer am Wegesrand Bescheid weiß. Eine, die der festen Überzeugung ist, dass die Natur die besten Heilmittel bereit stellt. Sie bietet Interessierten Kräuterspaziergänge an. Gibt ihr Wissen weiter. „Ich kann damit doch nicht hinter dem Berg halten“, sagt Hildegard Herr und riecht an einem Strauch Schafgarbe. Ein unscheinbares Kraut mit einem aufdringlichen Geruch. Markant. Unverwechselbar – irgendwie bitter. Gelber Blütenstaub bleibt auf ihrer Nase haften. „Schafgarbe ist ein Wunder der Natur – das ist das Heil der Welt“, erklärt sie. „Wenn ich nicht weiß, was die Leute haben, dann empfehle ich Schafgarbe. Dann geht es ihnen immer besser.“

Dem Kraut, das derzeit überall auf Wiesen und an Wegesrändern blüht, wird nachgesagt, gegen allerlei Zipperlein wie Magen- und Unterleibsschmerzen oder auch Husten zu helfen. Die Blätter der Schafgarbe wirken blutstillend. „Einfach kauen und auf die Wunde geben“, lautet der Tipp der Kräuterfrau. „Das ist ein Wiesenpflaster.“
Die 62-Jährige schwört auf die Heilkraft der Kräuter. Und auf deren Geschmack. „In den Pflanzen stecken viele tausende Wirkstoffe, die noch kein Mensch erforscht hat und denen keiner einen Namen gegeben hat. Das ist der Geist der Pflanze. Das kann niemand chemisch nachbauen.“ Um genau diesen „Pflanzengeist“ soll es heute in der Kräuterküche gehen. Schafgarbensirup will Hildegard Herr aufsetzen. Die Zubereitung ist einfach, die Vorbereitung erfordert festes Schuhwerk und die Bereitschaft, gewohnte Wege zu verlassen. Einfach einmal querfeldein gehen. Ein Körbchen und ein scharfes Messer sind ein Muss. Und dann sammeln. Eine Fleißaufgabe. Aber eine schöne, wie Hildegard Herr findet. Denn in der Natur gibt es immer etwas Neues zu entdecken. „Wenn ich ein Kraut sehe, das ich noch nicht kenne, dann muss ich es mit nach Hause nehmen und erst einmal in einem Buch nachblättern.“

120 Gramm Blüten braucht sie für ihren Sirup. Die Pflanzen vor der Zubereitung abwaschen? Fehlanzeige. Das, so Hildegard Herr, würde den ganzen Blütenstaub den Abfluss hinab jagen. Eine Verschwendung. Ohnehin ist sie der festen Überzeugung, dass ein bisschen Naturschmutz dem Bauch nicht schaden könne. Und so wandern die Blüten in ein hohes Einmachglas. Die Blätter der Schafgarbe schmeißt die 62-Jährige nicht weg. „Die kann man statt Petersilie in den Salat tun“, erklärt sie. „Wenn ich in der Natur etwas pflücke, dann schaue ich immer, ob es auch gesund aussieht.“ Machen die Kräuter einen appetitlichen Eindruck – wandern sie ins Körbchen. Warnt schon das Auge vor dem Verzehr, bleiben sie stehen.

Plastik kommt ihr nicht ins Haus

In der kleinen Kräuterküche wiegt Hildegard Herr derweil die Blüten. „Als Kräuterfrau habe ich eine geeichte Waage“, erklärt sie. 120 Gramm Blüten – ein gelb-weißer Haufen. „Den Blütenstaub hat verschiedene Farben. Es gibt weiß, gelb und sogar ein helles Mädchenpink.“ Während sie spricht, kocht sie Wasser auf. Einen Liter, versehen mit einem Kilogramm Rohrzucker. Mit einem Holzlöffel rührt sie um. Plastikgeschirr kommt ihr nicht ins Haus. Alles soll so natürlich wie möglich bleiben.

„Ach ja, das Haus“, seufzt sie. „Ich war noch nie so glücklich mit einer Entscheidung.“ Der Garten gleicht noch einer Baustelle. Luftschlösser wagt sie trotzdem schon zu bauen. Kräuterbeete, geordnet nach Krankheitsschwerpunkten sollen entstehen. Hier etwas für die Verdauung, da etwas gegen Husten.  (Foto: Uschi Dreiucker/ pixelio.de) Und in der Ecke, gleich neben dem Apfelbaum, sollen Kräuter gegen Frauenleiden wachsen. Schafgarbe will sie auch pflanzen. Nur wo – das weiß sie noch nicht. Irgendwie ist das Wunderkraut nicht recht einzuordnen. Während sie erzählt, hat Hildegard Herr schon zwei Zitronen ausgepresst und über die Blüten geträufelt. Die Schale hat sie in große Würfel geschnitten und ebenfalls hinzugefügt. Alles zusammen übergießt sie mit dem heißen Zuckerwasser. Und dann heißt es warten, bis der Sirup gefiltert und noch einmal aufgekocht werden kann. Einen Tag, zwei, drei – manchmal auch vier.
Das Tempo rausnehmen und genießen. Das kann die Kräuterfrau. Erst vor zwölf Jahren hat sie ihre Leidenschaft für die Heilpflanzen entdeckt.

Kräuterspaziergang mit der Fachfrau

„Auf meinen Spaziergängen habe ich immer die Vielfalt der Pflanzen bewundert und mir gedacht: Damit muss man etwas machen können. Die sind in solch einer Fülle vorhanden.“ Sie belegte Kurse, las sich Wissen an, machte ihre Ausbildung zur Phytotherapeutin, also zur Heilkräuter-Fachfrau.
Ein bisschen dauert es noch, bis sie in den Ruhestand gehen kann. Obwohl – ruhiger wird es in ihrem Leben nicht werden. Sie will sich voll in die Arbeit stürzen. Ihr Wissen verbreiten. Der Blick in die Zukunft lässt sie strahlen. Hier, an diesem Ort, wird sie einhundert Jahre alt. Der Blütenstaub auf ihrer Nase schimmert in der Sonne. Ja, so sieht Zufriedenheit aus.

  • Interesse an einem Kräuterspaziergang mit Hildegard Herr? Nächster Termin: Sonntag, 3. August, 10.30 Uhr. Sammeln und Verarbeiten von Wild-Kräutern. Anmeldung und Information unter 06423 / 964777 oder www.amoenauer-kraeuterfrau.de
Schafgarben-Sirup
  • 1 Liter Wasser
  • 1 Kilogramm Rohrzucker
  • 2 Zitronen
  • 120 Gramm Schafgarbe-Blüten

Schafgarbe sammeln und die Blüten mit einem kleinen Messerchen abtrennen. Wasser mit Rohzucker aufkochen, so dass sich der Zucker vollständig auflöst. Die Zitronen auspressen und die Schale in grobe Würfel schneiden. Saft der Zitronen und Schale zu den Blüten geben und mit dem heißen Zuckerwasser übergießen. Alles gut verrühren, abdecken und kühl stellen. Während der folgenden drei Tage mehrmals täglich umrühren. Nach drei Tagen den Saft durch ein feines Sieb filtern und in einem Topf erneut aufkochen. Den Sirup in saubere Flaschen füllen und Verschließen.
Serviertipp: Sirup mit Wasser verdünnen und mit einem Spritzer Zitrone und einem Minzblatt verfeinern. Statt Wasser schmeckt auch Prosecco oder Sekt.

Fakten:

  • Legendärer Name: Achillea millefolium – so lautet der korrekte Name der Schafgarbe. Und ja, hier hat der Name tatsächlich etwas mit der Legende zu tun, die sich um die Pflanze rankt. Die Pflanze soll nämlich im trojanischen Krieg entstanden sein. Der Legende nach wuchs sie aus den rostigen Spänen, die von Achilles Speer absplitterten. Er habe, so die Überlieferung, die Pflanze fortan genutzt, um die verwundeten Soldaten zu behandeln. Die Schafgarbe ist auch unter dem Namen „Soldatenkraut“ bekannt. Sie soll auf dem Schlachtfeld ihre Verwendung gefunden haben
  • Kraut der Liebenden: Wussten Sie schon, dass sich ein Wiesen-Abstecher vor der Hochzeit lohnt? Schafgarbe in einem Brautstrauß soll dafür sorgen, dass die Liebe mindestens sieben Jahre andauert. Das Kraut scheint ohnehin den Liebenden wohl gesonnen. Aphrodite soll Achilles selbst die Schafgarbe auf die schmerzende Wunde gelegt haben.
  • Kraut gegen Frauenleiden: Ein altes Sprichwort besagt: „Schafgarbe im Leib tut wohl jedem Weib“. Schafgarbe wird nachgesagt, besonders bei Frauenproblemen zu helfen: Durchblutungsstörungen im Becken, kalten Fingern, wetterbedingter Migräne, Problemen mit der Menstruation oder bei Zysten. Die Schafgarbe stärkt die Nerven und das Herz, sie kann außerdem bei Nervenentzündungen in den Beinen und Armen helfen – natürlich auch bei Männern.
  • Drei Wirkstoffe: Die Bitterstoffe, die in der Schafgarbe enthalten sind, regen die Produktion von Verdauungssäften an. Ätherische Öle wirken entzündungshemmend, krampflösend und entblähend. Den Gerbstoffen fällt eine blutstillende Wirkung zu.
  • Erntezeit: Die blühende Schafgarbe wird ab Ende Juni bis Ende August gesammelt. Beste Sammelzeit: bei trockenem Wetter, nach zwei sonnigen Tagen. Wer bei starker Sonneneinstrahlung sammeln geht, der sollte am Vormittag zwischen 10 und 12 Uhr losziehen. In der Mittagssonne ist die Verdunstungsrate an ätherischen Ölen zu hoch. Ist das Wetter bedeckt, rät es sich erst ab 14 Uhr zu ernten. Der Gehalt an ätherischen Ölen ist zur Mittagszeit am höchsten.
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