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Ein Hallimasch kommt selten allein

Pilze sammeln Ein Hallimasch kommt selten allein

Es gibt weit mehr essbare Pilze, als Steinpilz und Pfifferling. Wer sich auskennt – oder einen Experten um Rat fragen kann – findet auch dann noch eine Pilzpfanne im Wald, wenn die Steinpilze abgeerntet sind.

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Pilze sammeln will gelernt sein - am besten mit einem Experten. Hier eine Ansammlung Hallimasche.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Die Pilzsammler waren am Donnerstag am Spiegelslustturm leicht zu erkennen. Anders als die meisten Ausflügler hatten sie Körbe mitgebracht und hielten Ausschau nach dem Pilzexperten.

Manche hatten schon ein paar Pilze im Korb, um sie Gerhard Guthörlein zu präsentieren. Der Marburger nahm die Herausforderung gerne an. Er ist Mitglied im Verein der Freunde und Förderer der Pilzkunde, der das Pilzkundemuseum in Bad Laasphe betreibt. Seine Vereinskollegin Elisabeth Böhm-Tatzl ist auch Mitglied im Kulturteam des Spiegelslustturms und hatte die Idee zu dieser ersten Marburger Pilzwanderung.

Ob essbar oder nicht - die Bestimmung ist wichtig

Den ersten Pilzfund macht der Pilzexperte schon auf der Straße hinter dem Turm. Am Randstein wächst ein ganzer Busch Pilze. Sie machen da am Bordstein wuchernd keinen besonders appetitlichen Eindruck, doch Guthörlein weiß: „Das sind Hallimasche. Sehr schmackhafte Pilze. Aber wo der Hund sein Bein hebt, würde ich sie nicht unbedingt zum Essen pflücken.” Das ist doch schon mal ein guter Start. Auch wenn es den Kennern zufolge in den vergangenen Tagen zu wenig geregnet hat, gibt es im Wald über der Stadt noch viele Pilze. Aber es sind vor allem solche, die wenige Laien kennen und deshalb stehen lassen. Oder solche, die man nicht essen kann. Aber - das ist den Experten unter den Pilzwanderern wichtig - es kommt bei der Pilzwanderung nicht nur darauf an, ob man einen Pilz essen kann oder nicht. Giftige Pilze zu bestimmen finden sie genauso interessant.

Die Gruppe verteilt sich im lichten Unterholz, um sich kurz darauf wieder um die Pilzexperten zu scharen und zu erfahren, was sie gefunden haben. An einem Baumstumpf wachsen die Grünblättrigen Schwefelköpfchen (nicht essbar), etwas weiter zwischen den Bäumen die nebelgrauen Trichterlinge (nicht giftig, aber weder schmackhaft, noch sonderlich bekömmlich).

Gerlinde Wiegand vom Verein Mobilo hat die Pilzwanderung mitorganisiert. Sie hat sich auf die kleinen Pilze eingeschossen und einen Strauß leckerer Pilze gesammelt. Hier etwas verblasste Violette und Rote Lacktrichterlinge. Welche von beiden es genau sind ist im Grunde egal: Beide sind essbar.

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Ein Teilnehmer kommt mit einem giftigen Knollenblätterpilz zu Guthörlein, ein anderer findet den ersten wirklich schmackhaften Waldpilz: Den Sternschuppigen Riesenschirmling.

„Ich will wissen, wie die Pilze heißen, die ich nie mitnehme und ob es richtig ist, dass ich sie stehen lasse”, sagt Brigitte Scholz, die zweite Vorsitzende von Mobilo, dem Verein, der das Café im Spiegelslustturm betreibt. Ein Pilz, den keiner der Teilnehmer ohne fachkundigen Begleiter in den Korb gelegt hätte, ist das Stockschwämmchen. Er wächst in Gruppen und gerne auf Holz. Er kann leicht mit dem giftigen Nadelholzhäubling verwechselt werden. Der wächst aber - wie der Name schon sagt - meist in der Nähe von Nadelbäumen. Eine weitere interessante Entdeckung macht Elisabeth Böhm-Tatzl: Am Wegesrand ragen zwei dürre Pilze aus dem Laub. Es sind Knoblauchschwindlinge (kl. Bild links). Sie riechen und schmecken tatsächlich wie Knoblauch. Zum Schluss wird ihre Suche sogar noch mit einem Steinpilz belohnt.

DIE FAKTEN

2500 Arten: Es gibt rund 2500 Arten der Wald- und Wiesenpilze. Der eigentliche Pilz – das Myzel – ist unter der Erde. Das, was als Pilz geerntet wird, ist lediglich der Fruchtkörper. Das Myzel liegt gut geschützt zwischen fünf und 20 Zentimetern unter der Erdoberfläche.

Luftiger Transport: „Auf keinen Fall mit Plastiktüte in den Wald gehen“, sagen viele Pilzbücher. Aber Gerhard Guthörlein sieht das nicht so eng. „Wenn ich spazieren bin und einen Steinpilz sehe, packe ich ihn auch in eine Plastiktüte.“ Dennoch: Pilze sollten luftig transportiert und gelagert werden und dazu eignet sich am besten ein Korb. Übrigens: Auch in Stofftaschen kommen die Pilze oft zerdrückt oder gar matschig in der heimischen Küche an.

Erstes Sammeln: Vor der ersten Sammelaktion sollte man sich bereits etwas mit der Materie beschäftigt haben. Ein gutes Buch gibt einen ersten Überblick über die vielen Pilzarten. Die Sammlerkarriere beginnt man am besten mit den Röhrenpilzen, denn dort kann es auch bei Verwechslungen nicht zu dramatischen Vergiftungen kommen.

Unbekannte bestimmen: Wer auf unbekannte Pilze trifft, sollte diese keinesfalls in großen Mengen ernten: Einfach nur ein oder zwei Fruchtkörper zur Bestimmung mit nach Hause nehmen. Sollten sich die Pilze als essbar erweisen, kann auch zu einem späteren Zeitpunkt an die Fundstelle zurückgekehrt werden. Die Krause Glucke und auch andere Pilzsorten wachsen jede Saison an derselben Stelle. Der moderne Pilzsammler kann die Fundstellen also auch mit einer GPS-App im Handy markieren.

Ganzen Stiel miternten: Ob man den Pilz aus dem Boden herausdreht oder mit dem Messer abschneidet: Es gilt, darauf zu achten, dass der ganze Stiel mitgeerntet wird – schließlich findet sich der Unterschied zwischen essbaren und giftigen Sorten oft „unterirdisch“ (siehe Knollenblätterpilz).

Schneiden oder Drehen: Wer mit dem Messer erntet, nimmt das Moos um den Pilzfuß weg, hebelt den Stiel mit Hilfe des Messers tief aus dem Boden heraus und legt anschließend das schützende Moos wieder auf die Stelle. Keine Angst: Die Gefahr, den eigentlichen Pilz – das unterirdische Myzel – mitzuernten geht praktisch gegen null.

Ausbreiten und lagern: Zu Hause die Pilze sofort ausbreiten und luftig lagern. Gesammelte Pilze sollten grundsätzlich innerhalb von 24 Stunden sauber geputzt, von etwaigen Wurmstellen befreit, zubereitet oder haltbar gemacht werden. Tipp: Abgesehen von Pfifferlingen, lassen sich Pilze auch einfrieren.

DIE PILZE (zu sehen in der Foto-Galerie)

Krause Glucke: Sieht giftig aus, ist es aber nicht. Sie schmeckt gebraten sehr gut. Allerdings muss man sie gut reinigen. In dem Gewirr setzen sich Tausendfüßler und Kellerasseln fest. Zu finden: Derzeit am Christenberg.

Sternschuppige Riesenschirmling: Guthörlein zufolge schmeckt er ausgesprochen gut. Erkennbar ist der Sternschuppige Riesenschirmling am krausen Hut und dem lockeren Ring um den Stiel.

Knollenblätterpilz: Achtung, giftig! Dieses Exemplar des Knollenblätterpilzes sieht obenrum gar nicht knollig aus. Ein Beispiel, warum man den Stiel miternten sollte, auch wenn man ihn nicht mitkochen will: Die charakteristische Knolle liegt hier unter der Erde versteckt.

Stockschwämmchen: Die leckeren Stockschwämmchen wachsen in Ansammlungen und gerne auf Holz. Sie können leicht mit den Nadelholzhäublingen verwechselt werden. Diese wachsen aber – wie der Name schon sagt, meist in der Nähe von Nadelbäumen.

Steinpilz: Der Steinpilz ist nach den trockenen Tagen kaum noch im Landkreis zu finden. Aber wenn das Wetter mitspielt, es regnet und warm bleibt, kommen Steinpilz und Rotkappe vielleicht zurück.

Frauentäubling: Der Frauenteubling ist normalerweise violett bis grün, wie dieser. Die Lamellen splittern nicht wie die Lamellen der meisten anderen Pilze. Roh schmecken die Frauentäublinge schon nussig und lecker.

Hallimasch: Ein Hallimasch wächst selten allein. Zurzeit sind sie überall rund um den Spiegelslustturm zu finden. Man erkennt sie am seifigen Geschmack, der sich breitmacht, wenn man sie kräftig kaut.

Der Experte: Gerhard Guthörlein

„Am Wochenende sammele ich mit meiner Frau Pilze zum Essen. Wenn ich Pilze finde, die ich nicht kenne, dann bestimme ich sie. So bin ich überhaupt zur Mykologie gekommen”, erzählt der Marburger. Erst wollte er wissen, welche Pilze er essen kann und dann kam das Interesse für alle anderen Pilze dazu. Ob der Rindenspringer, der sich an morschem Holz unter der Rinde fortpflanzt, oder der weltgrößte Hallimasch in den USA – Guthörlein weiß Bescheid. Er ist Mitglied im Verein der Freunde und Förderer der Pilzkunde, der das Pilzkundemuseum in Bad Laasphe unterstützt.

von Thomas Strothjohann

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