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Die Kunst des Kistenpackens

Ökokisten aus Großseelheim Die Kunst des Kistenpackens

Die „Ökokiste“ ist eine Kiste voller Obst und Gemüse, Brot und Käse, Milch und Wein. Jede Woche neu und jede Woche anders. Gepackt wird sie auf dem Bosshammersch Hof im Kirchhainer Stadtteil Großseelheim.

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So sieht sie aus: Die Ökokiste vom Bosshammersch Hof. Der Inhalt variiert natürlich von Woche zu Woche und Kunde zu Kunde.

Quelle: Nadine Weigel

Großseelheim. Großseelheim. Brita Firsching ist gründlich. Jeder Handgriff sitzt, ist jahrelang erprobt. Eine Stange Lauch wandert in eine grüne Kiste aus Plastik, eine Schale Trauben, ein Spitzkohl, ein paar Möhren und Äpfel tun es dem Lauch nach. Bis die Kiste voll und die Bestellung damit abgearbeitet ist. Die „Ökokiste“ ist fertig.

Rund 2 000 dieser Ökokisten verlassen den Bosshammersch Hof Woche für Woche. Kiloweise Obst und Gemüse, Molkereiprodukte, Käse, Brot und Wein – zu 100 Prozent aus biologischem Anbau – erreichen Kunden in der Region. Und das ohne, dass diese überhaupt das Haus verlassen müssen. Bestellt wird zumeist online, manchmal auch per Telefon. Im Büro werden die Bestellungen automatisch erfasst, eingelesen und dann an das Lager weitergegeben.

„Weil unsere Kunden ihre Ware nicht selbst begutachten können, müssen wir auf gute Qualität achten“, berichtet Karl-Heinz Firsching, Chef der Ökokiste in Großseelheim, bei einem Rundgang durch den Betrieb. Gute Qualität setzt der 51-Jährige mit Makellosigkeit gleich. „Denn genau das will der Verbraucher“, weiß er aus Erfahrung. Am Beispiel eines Apfels zeigt er, was er meint: Rund muss das Obst sein, leicht rosig aussehen und keine Flecken oder Schäden haben. „Äpfel, die am Straßenrand wachsen, die auch mal einen schwarzen Fleck haben oder eine schorfige Stelle, würde der Kunde im Supermarkt nie aussuchen. Also können wir solche Waren auch nicht einpacken“, betont er. Jede Kiste werde einzeln gefüllt, die Produkte handverlesen.

„Die Kunst ist es nicht, Obst und Gemüse von A nach B zu schippern, sondern das Zusammenwirken der verschiedenen Stationen von der Bestellung über den Einkauf und das Lager bis zur Auslieferung zu steuern“, betont Firsching und verweist nicht ganz ohne Stolz auf die technischen Besonderheiten seines Betriebs: Eine spezielle Software sorgt dafür, dass die Bestellungen vom Online-Shop direkt verarbeitet werden ohne dass ein Mitarbeiter sie abtippen muss. Für die Fahrer hat er zudem in Kooperation mit der Universität Marburg eine App für Tablet-PCs entwickelt, die Navigation und Routenplanung übernimmt.

An drei Schritten werden die Kisten befüllt

Drei Stationen muss die Ökokiste durchlaufen, bis sie zur Auslieferung bereit ist. An der Vorverpackung wird loses Obst und Gemüse – wie Spinat, Salat und Weintrauben – in Tüten gepackt. „Vor knapp 20 Jahren, als wir damit begonnen haben, kam in die Kisten hinein, was wir da hatten“, erklärt Firsching, wie sich der Inhalt zusammensetzt. Eine Zeitlang hatten die Kunden dann die Möglichkeit, Produkte aus der Kiste herauszuwählen, die sie auf keinen Fall haben wollten. „Ergänzt wurde dies dann wieder von einem Produkt, das wir auf Lager hatten“, so der Unternehmer. Mittlerweile gibt es im Online-Shop einen Kisten-Vorschlag, der von jedem Kunde individuell geändert werden kann. „Man kann sich eine Ökokiste ganz nach dem eigenen Geschmack und Bedarf zusammenstellen“, so Firsching.

An der zweiten Station packen unterdessen Mitarbeiter des Betriebes schweres, druckfestes Obst und Gemüse in die grünen Plastikkörbe. „Wir können ja schlecht den Salat unten hineinlegen, der wäre dann völlig zerknautscht, wenn er beim Kunden ankommt“, erläutert Brita Firsching. An der dritten Station kommen die leichten und weichen Waren hinzu sowie die in der Vorverpackung gepackten Tüten. „Zum Schluss wird die Kiste um Käse, Brot, Milchprodukte, Kartoffeln und was der Kunde sonst noch bestellt hat, ergänzt“, betont die 50-Jährige. Dann geht alles in den Vorratsraum, aus dem heraus die Fahrer am nächsten Morgen ihre Fahrzeuge bestücken.

Kooperationen mit Biobauern aus der Region

„Wir sehen uns auch ein Stück weit als Logistiker für die Landwirte aus der Region“, erklärt Karl-Heinz Firsching. Es liege ihm am Herzen, die Bauern im Vertrieb zu unterstützen. „Vor allem die kleinen Betriebe, deren Ertrag bei Weitem nicht ausreichen würde, um eine Supermarktkette zu beliefern.“ Als Beispiel nennt der 51-Jährige die Kooperation mit der Riedmühle in Momberg. Dort legen Hennen in mobilen Ställen „Bio-Eier“.

Für die Legehennen-Nachzucht werden allerdings nur die weiblichen Küken gebraucht. „In großen Mastbetrieben werden die männlichen Küken vergast und zu Futter verarbeitet“, schildert Firsching das Vorgehen. Mit der Riedmühle sei nun eine Vereinbarung getroffen worden, dass deren männliche Küken zu Masthähnchen herangezogen würden: „Wir verkaufen die Hähnchen an unsere Kunden – obwohl sie im Vergleich zu echten Masthähnchen magerer sind, weil sie nur langsam Fleisch ansetzen, aus Kostengründen aber nicht so lange gemästet werden können.“

Die Legehennen werden nach einem Jahr als Suppenhühner in der Ökokiste weitervermarktet. Von den Kistlern, wie die Abonnenten genannt werden, wird dieses Angebot laut Firsching sehr gut angenommen. „Sie zahlen gerne mehr für Eier und Hähnchen, wenn sie wissen, dass  dafür keine männlichen Küken geschreddert werden“, berichtet der Unternehmenschef. Gemeinsam mit den Erzeugern will er eben solche Nischen besetzen: „Denn die Kunden legen Wert darauf, dass ihre Waren nicht einfach nur ein Massenprodukt sondern nachhaltig hergestellt sind.“

Fakten zum Bosshammersch Hof:

Die Mitarbeiter
Firschings beschäftigen in ihrem kleinen Unternehmen gut 40 Mitarbeiter.
Der Fuhrpark
Der Fuhrpark des Großseelheimer Betriebs umfasst zehn Fahrzeuge. Acht davon sind ständig im Einsatz.
Die Produktherkunft
Was Firschings und ihre Mitarbeiter in die Ökokiste packen ist zu 100 Prozent biologisch angebaut. Die Waren kommen zum größten Teil aus der Region – sprich einem Radius von etwa 100 Kilometern. „Im Frühjahr ist der Radius etwas größer, damit wir weiterhin eine gewisse Vielfalt anbieten können“, so Karl-Heinz Firsching. Natürlich könne er keine regionalen Bananen anbieten, die kämen, wie die im Supermarkt auch, meist aus Übersee.
Die Produkte
Angeboten werden in der Ökokiste neben Gemüse und Obst auch Käse sowie verschiedene Molkereiprodukte. Zudem können Nudeln, Reis, Mehl, Marmeladen und Honig mit eingepackt werden. Ebenso im Portfolio des Betriebs sind Brot, Weine und Naturkosmetika.
Die Kunden
Beliefert werden Kunden im Landkreis Marburg-Biedenkopf, aber auch darüber hinaus, beispielsweise im Vogelsbergkreis, in Gießen und in Nordrhein-Westfalen.
Der Internet-Auftritt
Unter www.bosshammersch-hof.de findet sich der Online-Shop der Ökokiste im Internet. Neben der Bestellung, die dort aufgegeben werden kann, erfährt der Nutzer auch viel Nützliches rund um Gemüse und Obst, beispielsweise die genaue Herkunft der Produkte, sowie Rezeptvorschläge.
Die Vision(en)
Karl-Heinz Firsching ist ständig dabei, die Arbeitsabläufe zu verbessern. So schwebt ihm für die Zukunft eine App vor, die dem Verbraucher genau sagt, von welchem Erzeuger die Karotte kommt, die in der Ökokiste geliefert wurde. Zudem ist eine App in Entwicklung, in welcher der Verbraucher ein oder mehrere Rezepte auswählen kann, die Anzahl der mitessenden Personen eingibt und dann seine Kiste entsprechend gepackt und geliefert bekommt. Dafür arbeitet Firsching mit Informatik-Studenten der Philipps-Universität Marburg zusammen.
Terminhinweis
Am Freitag, 26. September, findet ab 17 Uhr das Federweißer Fest auf Bosshammersch Hof statt.

Rezepte und alles Weitere zu Ökokiste finden Sie auf der Website des Bosshammersch Hof.

von Katharina Kaufmann

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Frisch, unbehandelt und aus der Region haben es immer mehr Verbraucher am liebsten: Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und das Bewusstsein für die Herkunft der Waren wächst. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es eine Vielzahl von Direktvermarktern. Die OP stellt sie in dieser Serie vor. 

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