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Der Traum vom Marburger Spargelfeld

Besser Esser: Spargel Der Traum vom Marburger Spargelfeld

Spargel aus dem Landkreis – das gab es lange nicht. Neben dem Hofgut Dagobertshausen beweisen jetzt aber auch die Bellnhäuser: Er wächst auch hier. Zu kaufen direkt am Feld und nächstes Jahr auch rund um die Uhr am Automaten.

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Margit Jung baut in Bellnhausen Spargel an. Dieses Jahr genießt sie die erste große Ernte.

Quelle: Thomas Strothjohann

Bellnhausen. Mit einem Korb in der Rechten und dem Spargelmesser in der Linken, stapft Margit Jung um sieben Uhr morgens durch Nieselregen und Matsch. Alle eineinhalb Meter stellt sie den Korb ab und bückt sich mit gradem Rücken über den Spargeldamm. Für ungeübte Augen kaum zu erkennen, lugt ein weißer Spargelkopf aus der Erde. Jung packt ihn mit der rechten Hand und stößt von der Seite mit dem Spargelmesser in den Hügel. Obwohl das Messer kaum breiter als eine Spargelstange ist, trifft sie unterirdisch den Schaft, durchtrennt ihn und hebt die Stange in ihren Korb. Weiter gehts. Korb abstellen, Kopf packen, stechen, in den Korb und weiter.

Direkt an der L 3048

Wer morgens um sieben Uhr auf dem Weg zur Arbeit über die L 3048 fährt, sieht zwischen Bellnhausen und Fronhausen Margit Jung bei der Arbeit. Seit Ende März kommt sie jeden Morgen auf ihr Feld zum Spargelstechen. In diesem Jahr ohne echten Winter fast drei Wochen früher als in normalen Jahren. Vielleicht ist es beim ersten Mal Mitleid, das die Autofahrer dazu bringt anzuhalten. „Die Arme muss bei dem Wetter auf dem Feld buckeln“, könnten sie denken. Aber nach dem ersten Einkauf bei Margit Jung am Feld steht fest: Diese Frau sticht Spargel aus Überzeugung.

Die Familie Jung betreibt neben dem Hofgut Dagobertshausen das zweite Spargelfeld im Landkreis Marburg Biedenkopf. Ein Feldbesuch in Bellnhausen. Zum Artikel.

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„Als ich vor 16 Jahren nach Bellnhausen gekommen bin, habe ich davon geträumt, irgendwann Spargel anzubauen“, erzählt die 43-Jährige. Vor drei Jahren hat Jung angefangen, sich diesen Traum zu erfüllen. Auf dem Acker an der Landstraße, der sonst nicht für viel geeignet war, hat sie damals die ersten Spargelpflanzen gepflanzt. Im letzten Jahr gab es die erste kleine Ernte – „vor allem, um die Wurzelproduktion anzuregen“, sagt Jung. Nach drei Jahren läuft seit Ende März die erste große Ernte. Und Margit Jung kann sagen: „Das Experiment ist geglückt!“ Vorher, sagt sie, hätten ihr alle gesagt, dass das nichts werden würde mit dem Spargel in Oberhessen. Doch bei der Auswahl der Sorte sei sie gut beraten worden. Die Pflanzen kommen mit dem lehmigen Boden klar, während Spargel in Südhessen eher auf sandigen Böden angepflanzt werde. Der Vorteil am Lehmboden: Er speichert Wasser besser. Margit Jung ist begeistert von ihrem Spargel. Weitere Spargel-Infos finden Sie weiter unten.

Spross einer Spargelfamilie

Die Bellnhäuserin kommt ursprünglich aus einer fränkischen Spargelanbauer-Familie aus der Nähe von Erlangen. Sie weiß also, wovon sie spricht. Heute ist ihre eigene Familie auf dem besten Wege auch eine Spargelanbauer-Familie zu werden – die einzige in Marburg-Biedenkopf. Sie, ihre vier Kinder und ihr Mann Günter stechen alle Spargel – nicht jeden Tag, aber ohne die Hilfe aus der Familie würde sich das Spargelfeld nicht tragen. „Ich will keine Erntehelfer zu Hungerlöhnen anstellen“, sagt Margit Jung mit Blick auf die Großbetriebe. Als Familienbetrieb sei das Feld und das zweite, das sie und ihr Mann gerade für weitere 8.000 Pflanzen anlegen, ein gutes zusätzliches Standbein.

Verkauf direkt vom Feld...

Ein Auto fährt von der Landstraße ab, folgt dem Landwirtschaftsweg parallel zur Straße in Richtung Feld. Monika Schmidt ist Grundschullehrerin in Fronhausen und fährt jeden Morgen am Spargelfeld vorbei. „Kann ich den Spargel hier auch kaufen?“, fragt sie. Kann sie natürlich. Kunden sind die einzigen, die sie bei der morgendlichen Meditation auf ihrem Traumfeld stören dürfen. Ihr Handy lässt sie lieber zu Hause.

Jung lässt ihre Neukundin selber wiegen, bittet um Verständnis für die viele Erde auf den ungewaschenen Spargelstangen und macht zum Schluss etwas sehr Ungewöhnliches: „Nehmen Sie lieber etwas weniger“, sagt sie der Kundin. Es sei besser täglich frischen Spargel zu kaufen, als die Stangen im Kühlschrank zu lagern. Wer es logistisch einrichten kann, kauft morgens am Feld oder von 13 bis 18 Uhr im Hofladen der Jungs in Bellnhausen den gewaschenen Spargel fürs Mittag- oder Abendessen. Und weil der Spargel an Sonn- und Feiertagen nicht aufhört zu wachsen, gibt es auch dann frische Ware.

...oder am Automaten
Den Bellnhäuser Spargel gibt es nur am Feld und im Hofladen zu kaufen. Margit Jung will keine Buden in der Stadt aufstellen oder über Dritte verkaufen. „Das gibt es in Franken auch nicht. Da fahren die Leute zu den Bauern raus aufs Land und holen den frischen Spargel.“

Das wäre Margit Jung am liebsten. Konservativ kann man ihren Vertrieb trotzdem nicht nennen: Im nächsten Jahr will sie ihren Spargel im ersten vollautomatischen Hofladen Mittelhessens verkaufen – die Kartoffeln (aus Niederwalgern) gibt es dann gleich dazu. Das System hat sich in Bellnhausen schon bewährt. Bisher füllen die Jungs den kühlschrankgroßen Automaten aber nur mit Milch aus der Marburger Molkerei und Eiern, Marmelade und Wurstwaren aus eigener Produktion. Wenn die Spargelsaison geschafft ist, will Margit Jung einen größeren Automaten aufstellen, in dem dann auch Kartoffeln und nächste Saison auch der Spargel rund um die Uhr zu haben sein wird.

Spargel bis zum Muttertag

Bis zum Muttertag wollen die Jungs noch täglich stechen. Dann wird der Acker platt gemacht und den Rest des Jahres in Ruhe gelassen, damit die Pflanzen genügend Sprossen bilden können. Die Pflanzen geben acht bis zehn Jahre lang Spargel ab. Erst dann wird gepflügt und neu gepflanzt.

Bio ist der Spargel aus Bellnhausen übrigens nicht: „Einmal im Jahr braucht er Dünger“, sagt Margit Jung. Bio-Spargel sei sehr aufwändig zu produzieren. Gülle und auch Pflanzenschutz kommt ihr aber nicht aufs Feld. Ersteres sorgt für den falschen Geschmack. Letzteren braucht sie nicht: „Das nächste Spargelfeld ist so weit weg – da kann kein Schädling oder Pilz herüberkommen. Das ist alles perfekt!“

von Thomas Strothjohann

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Spargel-Wissen:

Weiß oder grün?
Weißer Spargel wächst unter der Erde und wird gestochen, sobald der Kopf das Licht erblickt, grüner Spargel wächst auf dem flachen Feld (nicht in Spargeldämmen) und ohne Abdeckung – also in der Sonne. Dadurch bildet der grüne Spargel die Stoffe, die er zur Photosynthese benötigt. Und die macht ihn grün. Theoretisch können Sie aus weißem Bleichspargel Grünspargel machen, indem Sie keine Spargeldämme anhäufen und ihn ohne Folie wachsen lassen. Allerdings gibt es inzwischen spezielle Grünspargel- und Bleichspargel-Sorten.
Grünspargel ist gesünder als Bleichspargel, weil er mehr Inhaltsstoffe und Vitamine enthält. Außerdem schmeckt grüner Spargel anders als Bleichspargel. Der Unterschied ähnelt dem Verhältnis zwischen Blumenkohl und Broccoli.

Spargel lagern
Während der Saison wird jeden Morgen Spargel gestochen – idealerweise kochen Sie also mittags den Spargel, der am Morgen noch auf dem Feld stand. Falls das nicht geht, lagern Sie frischen Spargel sauber, kalt und zugedeckt. Gekühlt und in ein feuchtes Tuch gewickelt kann frischer Spargel relativ gut für 2 bis 3 Tage aufbewahrt werden. Grünspargel lagern Sie am besten aufrecht, in Wasser stehend.

Zeichen für Frische
Frischen Spargel erkennen Sie laut Margit Jung an folgenden Eigenschaften:
1. Wenn der Spargel frisch und gewaschen ist, quietschen die Stangen,wenn man sie leicht aneinander reibt.
2. Das Ende der Spargelstange ist bei frischem Spargel noch feucht, nach ein bis drei Tagen trocknet es aber aus.
3. Nur frischer Spargel ist schön weiß – später wird er immer brauner.
4. Spätestens, wenn der Spargel sich nicht mehr knackig, sondern wie Gummi anfühlt, ist er nicht mehr frisch – „Ich habe schon Spargel im Supermarkt liegen sehen, den ich nicht einmal meinen Kühen geben würde“, sagt die Spargel-Enthusiastin Margit Jung.

Spargel mit Banane
Ein Kunde aus Niederwalgern, der seinen Namen nicht verraten wollte, gab uns dafür ein Rezept: Butter zerlassen und Kochschinken darin braten. Eine aufgeschnittene Banane dazu und einen Moment lang mitbraten. Dann geben Sie das ganze über den gekochten Spargel. Zucker im Spargelwasser können Sie sich mit dem Rezept sparen.

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Frisch, unbehandelt und aus der Region haben es immer mehr Verbraucher am liebsten: Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und das Bewusstsein für die Herkunft der Waren wächst. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es eine Vielzahl von Direktvermarktern. Die OP stellt sie in dieser Serie vor. 

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