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Bio-Eier vom Startup-Bauernhof

Besser Esser Bio-Eier vom Startup-Bauernhof

Nach Jahren in chinesischen Megastädten ist Sarah Bindbeutel in ihre Heimat zurückgekehrt. In Momberg verwirklichen sie und ihr Mann sich den Traum vom Leben in der Natur auf ihrem Biobauernhof, der Riedmühle.

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In Momberg gibt es seit drei Jahren Bio-Eier.

Quelle: Thomas Strothjohann

Momberg. Stefan Wagner steht im Hühnerstall und sortiert Eier von einem Fließband in Kartons. Ein Fließband auf dem Biobauernhof? Ja. Aber es läuft nur zweimal am Tag und nur für wenige Minuten. „In der Natur legen die Hennen ihre Eier gerne in Hecken oder Büsche. Hier gehen sie in den Kasten“, erklärt Sarah Bindbeutel. Und zweimal am Tag setzt sich der Boden des Legenestes in Bewegung und transportiert die Eier zu Stefan Wagner. Einmal am Morgen und für die Nachzügler einmal am Abend – „damit das Haltbarkeitsdatum stimmt“, sagt Bindbeutel. Eine Henne würde normalerweise zehn bis zwölf Eier in ihr Nest legen und sich dann erst draufsetzen, um sie auszubrüten. Weil das Nest aber jeden Tag geleert wird, legt die Henne brav weiter Eier.

In Momberg gibt es seit drei Jahren Bio-Eier.

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Sarah Bindbeutel ist neu im Geschäft mit den Eiern: Erst vor einem Jahr hat sie den ersten mobilen Hühnerstall auf der Riedmühle in Betrieb genommen. Doch ihr Produkt „Eier von glücklichen Hühnern“ ist gut angekommen – der dritte Stall ist schon in Produktion.
Die Hühner auf der Riedmühle sind ein Wandervolk. Ihre Ställe haben Räder; und wenn sie die Wiese auf der Suche nach Würmern durchgewühlt und das Gras gefressen haben, werden sie einige Meter weiter gezogen. Das ist auch wichtig, weil der Kot der Hühner den Boden belastet. Wenn der Stall weitergezogen ist, kann sich die Wiese erholen.

In Stall Nummer 1 des Lege­betriebs 5025 (siehe Grafik links) leben derzeit 192 Hennen und vier Hähne. Normalerweise, sagt Bindbeutel, leben in einem Stall rund 1000 Hühner. Damit sie Eier legen, brauchen sie Wasser, gutes Futter und 14 bis 15 Stunden Licht. Früher gab es deshalb im Winter keine frischen Eier. Mit zunehmender Dunkelheit setzt bei den Hennen nämlich die Mauser ein. Sie wechseln ihre Federn einmal durch und legen in dieser Zeit – wenn überhaupt – nur wenige Eier. Heutzutage helfen die Bauern mit künstlichem Tageslicht aus LED-Strahlern nach. Selbst jetzt im Frühling schaltet Sarah Bindbeutel den Strahler noch täglich etwa eine Stunde ein.

Bruderhahn-Zucht: das ethisch korrekte Ei

Ganz können die Bauern die Mauser aber nicht verhindern. Nach einem guten Jahr nehmen sie die Legehennen deshalb aus dem Produktionsprozess heraus und verkaufen sie als Suppenhühner. Als Suppenhühner und nicht als Brathähnchen, weil Legehennen relativ mager sind.
Für den Laien ist Huhn gleich Huhn, aber wer ein paar Hühner in seinem Garten halten will, muss sich entscheiden: Legt er es auf die Eier oder auf ein fettes Grillhähnchen an? Die moderne Züchtung hat Spezialhennen zum Mästen hervorgebracht und Hochleistungslegehennen.
Die einen legen mehr als 300 Eier im Jahr, die anderen sind schon fast fett genug zum Schlachten, wenn sie das erste Ei legen. Das betrifft beides nur die weiblichen Tiere. Die Männchen werden in der Eierproduktion nicht gebraucht und setzen Futter langsamer in Fleisch um
als Weibchen. Deshalb ist es wirtschaftlich sinnvoller, nur die Hähne durchzufüttern, die man zur Fortpflanzung der Hühner braucht. Aber was passiert mit den männlichen Küken? „In der Industrie werden sie zu Futtermittel verarbeitet“, sagt Sarah Bindbeutel.
Für ihren Hof ist sie auf der Suche nach einem Kompromiss. Sie will Hühner halten, die regelmäßig Eier legen und trotzdem Fleisch ansetzen. Ein Kollege hat sie auf die französische Rasse Cou Nu gebracht. Die Hennen sollen immerhin 200 Eier im Jahr legen. Neue Hühner bekommt Bindbeutel in der Regel von einem Aufzuchtbetrieb in Anzefahr – im Alter von 18 Wochen. Biohühner seien allerdings zurzeit nicht leicht zu kriegen. Die Nachfrage ist groß.

Auf die Hähne will die Neu-Bäuerin auch deshalb nicht verzichten, weil sie die Hennen beschützen. Sie zeigt auf einen Vogel, der weit oben über dem Gatter seine Kreise zieht. Sein Schwanz erinnert an einen Drachen – es ist ein Rotmilan. „Wenn der näher kommt, schickt der Hahn die Hennen in den Stall“, erzählt Bindbeutel.

Der zurzeit größte Kunde der Riedmühle ist der Boshammersch Hof in Kirchhain. Der Hof ist bekannt für seine Ökokiste, die er an ökobewusste Kunden im ganzen Landkreis liefert. Den Kistlern, wie der Hof seine Ökokisten-Abonnenten nennt, ist leichter zu vermitteln, dass Eier und Hähnchenfleisch teurer sind, weil dafür keine männlichen Küken geschreddert wurden. Sie sind eher bereit, ihren Obulus für die Bruderhahn-Zucht zu entrichten.

Erfahrungen aus chinesischer Schuhindustrie

„Der Boshammersch Hof ist interessiert an Produkten von unserem kleinen Bauernhof und wir haben dadurch einen regelmäßigen Absatz – das ist ein echter Synergieeffekt“, freut sich Bindbeutel. Die Reaktionen der Kunden bestätigen ihren Eindruck: „Da kommen Leute, die sagen, dass sie seit 30 Jahren keine Eier mehr gegessen haben, die so schmecken“, sagt Bindbeutel.
Das Geschäft mit den Bioeiern läuft so gut, dass sie betriebswirtschaftlich gesehen die Eier­produktion ausbauen müsste. Aber ums Betriebswirtschaftliche geht es Sarah Bindbeutel nicht mehr. Die Welt der Skaleneffekte hat sie in der chinesischen Schuhindustrie kennen gelernt – und sie hat sich bewusst dagegen entschieden. „Hier muss nicht alles 100-prozentig wirtschaftlich sein. Wir wollen auf einem Bauernhof leben“, sagt sie.
Sarah Bindbeutel hat ein Faible für bedrohte Rassen und ihr größter Kunde unterstützt sie darin. Als sie im Oktober 2011 die Riedmühle kaufte, zogen nicht nur sie und ihr Mann Hans-Jürgen nach Momberg, sondern auch vier Kühe der vom Aussterben bedrohten Rasse „Rotes Höhenvieh“. Nach drei Jahren ist die Herde heute auf zwanzig Tiere angewachsen und ein schwerer Tag wirft seine Schatten voraus: „Im Oktober will ich die erste Kuh schlachten – das wird sicher schwierig.“ Doch ohne Schlachten kann sie das Kapital nicht realisieren, das sie seit drei Jahren auf der Koppel vor ihrem Haus großge­füttert hat.

Der beste Beweis für die enge Beziehung zwischen der Karriere-Aussteigerin und ihren Tieren ist, wie ihre Tochter mit ihnen umgeht. Die eineinhalb­jährige Carla ist kaum größer als ein Pferdekopf und hat trotzdem keine Angst vor den Tieren. Die Kleine streichelt und füttert sie und fürchtet sich auch nicht, wenn hundert gackernde Hühner nervös um sie herum rennen.

Chinesisch leidet, Psyche triumphiert

Nach Kühen, Pferden und Hühnern ist Sarah Bindbeutels nächstes Projekt eine kleine Herde Coburger Schafe. Dann kann sie nicht nur Schafsfleisch, sondern auch Wolle von ihrem eigenen Hof anbieten. „So kommt immer was Neues dazu – das Konzept entsteht mit dem Bauernhof zusammen“, sagt sie. Es ist fast wie bei einem Startup in der Internetbranche. Try and Error – sie setzt ihre Arbeitskraft und ihr Land ein, um neue Produkte zu entwickeln: „Wir müssen das immer erstmal in zwei bis drei Testläufen ausprobieren. Auch um festzustellen, welchen Aufwand so ein Projekt bedeuten würde“, sagt sie. Mit dabei ist immer auch Günther, dem die Riedmühle bis 2011 gehörte. Ihm war die Landwirtschaft zu mühsam geworden und so zog er in den Ort, um den Bindbeutels seinen Hof zu überlassen. „Günther ist immer da, wenn ich Hilfe brauche“, sagt Sarah Bindbeutel. Er habe ihr zum Beispiel geholfen, als sie zum ersten Mal einer Kuh die Marke am Ohr befestigen musste und als sie lernen mussten, das Heu einzuholen. „Wir haben riesiges Glück gehabt, dass uns die Menschen hier im Ort so gut aufgenommen haben“, sagt Bindbeutel.

Es ist schon kurios: Während andernorts die Dörfer verwaisen und Landwirtschafts­betriebe aussterben, lebt hier eine China-Expertin ihre Landlust aus. Im letzten Jahr machte der Kindergarten sogar seinen obligatorischen Bauernhof-Ausflug auf die Riedmühle. Da durfte die Jung-Bäuerin den Kindern zeigen, woher die Eier kommen.

„Es ist zwar schade, dass mein Chinesisch etwas untergeht, aber ich möchte nicht mehr tauschen. Die viele frische Luft tut mir so gut. Das hier schlägt mir nicht aufs Gemüt wie die viele Büroarbeit, die ich früher gemacht habe – ich bin ein ganz anderer Mensch geworden.“

Biologie: Wie die Henne das Ei macht
Ein Huhn legt Eier unabhängig von der Tatsache, ob diese befruchtet sind oder nicht. Das hängt damit zusammen, dass beinah täglich ein Eisprung erfolgt. Die Eizelle, die sich auf dem Dotter befindet, wandert vom Eierstock aus durch den Eileiter in Richtung Kloake – einer gemeinsamen Ausscheidungsöffnung für verdaute Nahrung und Urin. Auf diesem Weg würde sie – sofern ein Hahn die Henne begattet hat – mit der Samenzelle zu einem Keim verschmelzen.
Während der Wanderung durch den Eileiter werden mehrere Lagen Eiweiß um den Dotter gelegt. Kurz vor dem Austritt des Eies aus der Kloake wird das Ei mit einer Kalkschicht überzogen, der Eierschale. Lösen sich zwei Eizellen am gleichen Tag, legt das Huhn nicht zwei Eier, sondern ein Ei mit zwei Dottern.
Ein Huhn kann mehrere Jahre alt werden, im Durchschnitt rund acht Jahre. So alt werden die Hennen in den Betrieben allerdings nie.
 Quelle: was-wir-essen.de

Die Fakten zum Ei

  • Die Größe des Eis ist vom Alter des Huhns abhängig. Junge Hennen legen kleine Eier, ältere liefern größere. Das erste Ei legt ein Huhn, wenn es etwa 20 Wochen alt ist. Etwas mehr als ein Jahr lang liefert es dann fast jeden Tag ein Ei. Das macht es, weil der Bauer ihm das Ei ständig wegnimmt. Die Henne versucht so täglich aufs Neue, ihre Nachkommenschaft zu sichern.
  • „Die verschiedenen Farben der Eier sind genetisch bedingt“, sagt Dr. Barbara Helm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Andechs. Neben weißen und braunen Eiern gibt es auch grünliche oder rötliche. Reinrassige Hühner mit weißen Ohrscheiben, das sind Hautlappen unter dem Ohr, legen meist auch weiße Eier. Solche mit roten Ohrscheiben meist braunschalige. Bei nicht reinrassigen Hühnern lasse die Farbe der Ohrscheiben dagegen keine Rückschlüsse auf die Farbe ihrer Eier zu. Zwischen der Farbe des Gefieders und der Farbe der Eier besteht kein Zusammenhang. Die verschiedenen Färbungen kommen durch Einlagerung unterschiedlicher Farbpigmente in die Kalkschale zustande. Diese werden aus einer speziellen Schalendrüse abgegeben. Rote Pigmente stammen aus dem Blut, gelbe aus der Galle. Beide Farbpigmente vermischen sich und dabei entsteht ein Braunton. Bei weißen Eiern werden keine Farbpigmente in die Schale eingelagert.
  • 2013 gab es in deutschen Betrieben 44,5 Millionen Plätze für Legehennen. Laut statistischem Bundesamt waren davon für Legehennen in Bodenhaltung 64,4 Prozent (Haltungsform-Code 2), Freilandhaltung 15,7 Prozent (Code 1), Käfighaltung 11,5 Prozent (Code 3), ökologischer Erzeugung 8,4 Prozent vorgesehen (Code 0). In etwa so viele Hennen gibt es also in Deutschland.
  • Jeder Deutsche isst im Jahr durchschnittlich 218 Eier. Dazu zählen sowohl das weichgekochte Frühstücksei als auch die Eier, die im Teilchen verarbeitet wurden, das beim Bäcker gekauft wird.

von Thomas Strothjohann

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Frisch, unbehandelt und aus der Region haben es immer mehr Verbraucher am liebsten: Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und das Bewusstsein für die Herkunft der Waren wächst. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es eine Vielzahl von Direktvermarktern. Die OP stellt sie in dieser Serie vor. 

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