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Bio-Bauern gegen fiese Gen-Tricks

EU-Agrarpolitik Bio-Bauern gegen fiese Gen-Tricks

Wie vermehren sich eigentlich Möhren? ­Wussten Sie, dass es ­impotente Pflanzen gibt? Ein Crashkurs in Sachen Saatgut:

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Auch wenn es nicht so aussieht: Das ist eine Möhre. Gut. Genau genommen ist es keine Möhre, aber das, was aus der Erde wächst, wenn man eine Möhre einpflanzt. Aus der Blüte entstehen die Möhren-Samen.

Quelle: Andrew Butko, wikicommons

Marburg. Es passiert nicht allzu oft, aber manchmal wird in Gärten auch über Politik diskutiert. Das Thema, das in den letzten Wochen spross, hat nichts mit Wahlkampf - nicht einmal direkt mit dem Klimawandel oder unserem Lebensstil zu tun. Es geht um die Freiheit der Gärtner.

Am Montag stellt die EU-Kommission ihren Entwurf für ein neues Saatgutverkehrsgesetz vor. Darin ist die Kontrolle, Zulassung und der Vertrieb von Saatgut geregelt. Wer verstehen will, warum sich Gärtner über ein Gesetz aus Brüssel aufregen, braucht unter Umständen eine kleine Nachhilfestunde in Biologie.

Was ist Saatgut?

Wer eigene Karotten züchten will, der kann sich ein Kilo Bio-Karotten kaufen und sie ­dieser Tage in seinem Garten verbuddeln. Für einen Städter klingt es wie ein Wunder, für Landwirte oder Menschen mit einschlägigen Erfahrungen ist es eine der banalsten Informationen, die sie jemals in der Zeitung gelesen haben: Im Frühsommer werden Pflanzen mit weißen Blüten aus dem Beet wachsen. Wer ihnen eine Verwandtschaft zur orangenen Karotte unterstellt, macht sich unter Ignoranten lächerlich. Doch Mutter Natur schickt die Bienchen und wenn sie die Karotten-Pflanze bestäubt haben, entsteht bald darauf der Samen. Den Samen kann der Hobbygärtner ernten, trocknen und wenn er ihn im nächsten Frühjahr sät, kann er nach etwas mehr als einem Jahr Karotten aus der Erde ziehen.

Wenn es gut läuft. Denn in Wirklichkeit kann in der Zeit einiges schiefgehen. Der Samen kann verschimmeln, Vögel können ihn auffressen, hungrige kleine Tierchen essen die Möhren, bevor sie reif sind oder irgendeine Krankheit zerstört die Ernte. Ob das Experiment glückt, hängt nicht nur von der Fähigkeit des Gärtners ab, sondern auch davon, ob die gepflanzten Möhren den örtlichen Herausforderungen gewachsen sind. Züchter investieren viel Zeit und Mühe, um Kreuzungen zu züchten, die für ein bestimmtes Gelände oder Klima geeignet sind oder resistent gegen Krankheiten und Ungeziefer. Ein wichtiger Grund zu züchten besteht natürlich auch darin, mehr aus dem Land herauszuholen.

Patentschutz für Pflanzen

Der Züchter will an seiner Arbeit natürlich verdienen. Das ist der Punkt, an dem das Saatgutvertriebsgesetz und die EU-Kommission wieder ins Spiel kommen: Wenn der Züchter seine Kreuzung verkaufen will, muss er sie vom Bundessortenamt zertifizieren lassen. Je nach Pflanze wird das Saatgut zwei bis drei Jahre in einem staatlichen Betrieb geprüft. In Hessen kontrolliert der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH), ob das angemeldete Saatgut tatsächlich kann, was der Züchter verspricht. Wenn das Saatgut den Test besteht und insgesamt Vorteile gegenüber bereits zertifizierten Sorten hat, wird es in das Saatgut-Register aufgenommen. In dem Register und in der Online-Datenbank isip.de können Landwirte nach der besten Sorte für ihre Zwecke suchen und es schließlich von einem Saatguthändler kaufen.

Das Wissen über die Fortpflanzung der Möhre lässt sich natürlich auch auf Getreide anwenden. Seit dem Beginn der Landwirtschaft haben Bauern einen Teil ihrer Ernte aufgehoben, um damit in der nächsten Saison wieder zu säen. Doch wenn der Landwirt das gekaufte Saatgut immer wieder reproduzieren kann, wovon soll ein professioneller Züchter dann leben?

Erwin Koch, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes von Marburg, Kirchhain und Biedenkopf macht sich wenig Sorgen um die Züchter. Das Saatgut lässt sich nicht beliebig oft wiederverwenden. „Irgendwann bauen die Sorten ab, dann muss man wieder nachkaufen“, sagt der erfahrene Landwirt. Je nach Bodenqualität und Größe des Betriebs würde entschieden, wie oft dasselbe Saatgut wiederverwendet wird. Außerdem, so Koch, kassierten die Züchter auch für die Reproduktion. Die Bonner Saatgut-Treuhandverwaltungs GmbH (STV) verlangt jährlich von jedem Bauern, der Saatgut gekauft hat, eine Saatgut-Erklärung. Darin müssen sie angeben, welches Produkt sie auf wie viel Hektar angebaut haben. Koch kritisiert den bürokratischen Aufwand, den das Verfahren mit sich bringt. In Frankreich, sagt Koch, sei die Lizenzgebühr für die mehrjährige Verwendung schon im Kaufpreis enthalten. Das machte eine Treuhandverwaltung überflüssig.

Der Trick mit den Genen

Neben den Lizenzgebühren hat ein Teil der Saatgutindustrie aber noch ein viel wirkungsvolleres Instrument: Die Genmanipulation. Konzerne wie Syngenta und Monsanto, sagt Biobauer Harry Kull, hätten Saatgut entwickelt, das sich nicht mehr nachbauen lässt. Im Grunde sind es impotente Pflanzen - einmal säen, einmal ernten, neu kaufen. Ein Kopierschutz für Pflanzen. Warum kaufen die Landwirte solche Produkte? „Mit Hilfe der Gentechnik gelingt es Monsanto längst, Zuchtziele wie Insektentoleranz, Herbizidresistenz und Trockenheitstoleranz in Sortenmaterial zu etablieren“, sagt die Firma über sich selbst. Kull stellt allerdings klar, dass zu dem Konzept auch das Pestizid „Roundup“ gehört. Die Idee klingt erst einmal genial: Man entwickelt ein Pestizid, gegen das kein Kraut gewachsen ist - außer dem eigenen genmanipulierten. Abgesehen davon, dass das Pestizid die Umwelt gefährdet, habe sich aber herausgestellt, so Biobauer Kull, dass Unkraut mit der Zeit resistent gegen das Pestizid werde.

Doch es gibt Alternativen. Wie Harry Kull kauft auch Bettina Böhm ihr Saatgut ausschließlich bei Bio-Anbietern. In den Saisongärten, von denen in diesem Jahr neun von OP-Lesern beackert werden, werden auch ihre eigenen Züchtungen blühen. Zucchini, Chili, Physalis und Kürbisse zieht sie zum Beispiel selbst. „Man denkt immer, dass nur Raps und Mais genmanipuliert werden. Dass es auch genmanipulierte Auberginen und Broccoli gibt, wissen viele gar nicht“, sagt Böhm.

Von Genmanipulation und Konzentration hält auch Erwin Koch nichts: „Ich hoffe sehr, dass die EU eine Lösung findet, die im Sinne der Landwirte ist. Die müssen endlich verstehen, dass wir keine Genmanipulation brauchen. Und dass man Leben, also Saatgut, nicht patentieren lassen kann. Aber ich bezweifle, dass sie das schaffen.“

Die Marktmacht von Saatgut-Konzernen wie Monsanto hat die Angst vor der Neuregelung des Saatgutvertriebsgesetzes angefeuert. Die Sorge ist groß, dass Lobbyisten der Saatgutindustrie Einfluss genommen hat. Öffentlich gewordene Entwürfe riefen Initiativen wie „Save our Seeds“ und „Arche Noah“ auf den Plan. Die Kritik: Das Gesetz lege Kleingärtnern Steine in den Weg und bevorzuge vereinheitlichte Pflanzenformen im Gegensatz zu alten Sorten und genetischer Vielfalt.

Der federführende EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg hat diese Vorwürfe in einem öffentlichen Brief an „Arche Noah“-Chef Christian Schrefel zurückgewiesen.

Wenn der Entwurf öffentlich ist, wird man beurteilen können, ob der Schutz der Biodiversität, bäuerliche Rechte und Konsumenteninteressen ausreichend berücksichtigt.

von Thomas Strothjohann

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Frisch, unbehandelt und aus der Region haben es immer mehr Verbraucher am liebsten: Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt und das Bewusstsein für die Herkunft der Waren wächst. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es eine Vielzahl von Direktvermarktern. Die OP stellt sie in dieser Serie vor. 

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