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„Jeder Tropfen Muttermilch zählt“

Baby-Glück: Thema Stillen „Jeder Tropfen Muttermilch zählt“

Stillhormone entspannen und machen Mamas ausgeglichener. Was ist aber, wenn das Stillen anfangs nicht geht? Beim Still-Treff am UKGM tauschen sich Mütter über ihre ­Erfahrungen aus und bekommen Hilfe von Profis.

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Die einen wollen es diskret, die anderen öffentlich

Marburg. Leon kam zirka sechs Wochen zu früh auf die Welt. Er war noch zu schwach, um an der Brust zu saugen. Seine Mutter, Karina Badouin, war vom Not-Kaiserschnitt ebenfalls geschwächt, das Stillen war zunächst nicht möglich – zumindest nicht so, wie es sich die Mutter vorgestellt hatte. Stillberaterin Marlies Kreh vom UKGM erklärte Karina Badouin, dass sie nicht aufgeben müsse. Solange sie ausreichend Muttermilch habe, könne sie bald stillen.

Und auch wenn Leon zunächst die Muttermilch aus der Flasche erhielt, sollte er an der Brust angelegt werden, riet Kreh. „Der erste körperliche Kontakt machte mich so euphorisch. Als ich ihn eine Stunde lang an der Brust hielt, waren alle Sorgen wie weggeblasen“, erzählt Karina Badouin. Leon­ roch und leckte anfangs nur an der Brustwarze seiner Mutter, inzwischen kann er zweimal täglich auch die Milch von der Brust saugen. Er ist nun einen Monat alt und zu Kräften gekommen. „Marlies hat mich beruhigt und motiviert“, sagt Karina Badouin, die nun den Still-Treff am UKGM besucht. Dort geben Marlies Kreh und Heike Witzel Tipps und beraten Mütter. Manchmal kommen bis zu einem Dutzend Mütter mit ihren Babys, auch Väter dürfen teilnehmen.

Manchmal fließen Tränen statt Milch

Jessica Lange besucht den Still-Treff seit sechs Monaten­ regelmäßig mit ihrem Sohn ­
Jakob. Die Mutter ist selbst ­Kinderkrankenschwester. „Bei Patientinnen kann ich ein Baby­ ganz einfach an ihre Brust anlegen, aber beim eigenen Kind ist das etwas ganz Anderes“, sagt Jessica Lange. „Ich hole mir beim Still-Treff eine Rückversicherung, ob ich alles richtig mache.“ Das mache sie, ­sagen die Expertinnen. Jakob ernährt sich seit sechs Monaten nur von Muttermilch –  bei neun bis elf Mahlzeiten pro Tag. „Anfangs dachte ich, dass er abends zu viel isst. Aber das ist okay so“, weiß die junge Mutter.

Wenn ein Baby Hunger signalisiere, dann dürfe es auch Milch bekommen, sagen die ­Beraterinnen. „Das kann aber in harter Arbeit ausarten“, sagt ­eine andere Mutter, die mit ihrem sechs Monate alten Baby ebenfalls regelmäßig zum Still-Treff kommt. „Ich dachte vorher, Stillen ist das Natürlichste der Welt und wunderte mich dann, dass es für mich schwierig war“, sagt sie. Die Still-Beraterinnen kennen diese Sorgen der Mütter, manchmal fließen Tränen und keine Milch. „Wir leben nicht mehr in Großfamilien zusammen, viele Mütter haben vorher noch nie einer Frau beim Stillen zugeschaut“, sagt Heike Witzel.

Zusammensetzung der Milch ändert sich

Auch hätten viele Frauen nicht gelernt, ihre Brust wahrzunehmen. Der Still-Treff sei für ­viele Teilnehmerinnen auch eine – wenn nicht die einzige – Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Die Kinderkrankenschwestern­ und Still-Beraterinnen infor­mieren auch über die Bedeutung der Muttermilch für Mutter und Kind. Die Still-Hormone Prolaktin und Oxytocin entspannen und machen Mütter ausgeglichener, sagen die Expertinnen. „Die Zusammensetzung der Muttermilch richtet sich nach dem jeweiligen Alter­ des Kindes, zum Beispiel hat die Muttermilch bei Frühgeborenen in den ersten vier Wochen nach der Geburt eine andere Zusammensetzung als beim termingeborenen Kind“, sagt Kreh. Jedes Kind bekomme beim Stillen genau die Menge an Eiweiß, Fetten und Kohlenhydrate, die es benötige.  

Die Immunglobuline in der Muttermilch unterstützen das noch unreife Immunsystem des Kindes. Die Milch beuge zudem Allergien und Übergewicht vor. „Jeder Tropfen zählt.“ Wenn ­eine Frau nicht genug Muttermilch geben kann, dann brauche sie eine gute Stillberatung, dadurch lasse sich die Milchmenge in den meisten Fällen steigern.

Mindestens ein halbes Jahr

Ansonsten müssen Mütter als Alternative angerührtes Milchpulver dem Baby geben. Im Schnitt stillen 90 Prozent der Mütter, sagen die Expertinnen. Die Weltgesundheitsorganisation empfehle mindestens ein halbes Jahr, Muttermilch zu geben – ohne Beikost. Wenn Mütter nach etwa einem Jahr Elternzeit wieder in den Beruf zurückkehren wollen, müssen sie nicht zwangsläufig abstillen: Der Gesetzgeber hat das Anrecht auf Still- oder Abpumpzeiten während der Arbeitszeit im Mutterschutzgesetz verankert.

  • Der Still-Treff am UKGM auf den Lahnbergen findet alle­ zwei Wochen montags von 10 bis 12.30 Uhr statt. Der nächste ist am Montag, 31. Juli, im Eingangsbereich West, Ebene +1, Raum: 135170. Die Teilnahme ist kostenfrei und ohne vorherige Anmeldung möglich.

von Anna Ntemiris

 
Still-Tipps

Babys, die gestillt werden, benötigen weder Wasser noch Tee. An heißen Tagen denken manche Eltern, dass sie Wasser geben müssen. Aber das ist nicht nötig, weil die Muttermilch 88 Prozent Wasser enthält.

Bereits am Tag der Geburt, am besten in der ersten Stunde, sollte das erste Mal gestillt werden, insgesamt sechs Mal. Ab dem zweiten Lebenstag bis zu zwölf Mal täglich oder mehr. Ist das nicht möglich, sollte die Mutter nach Anleitung abpumpen. Um den Milchfluss anzuregen, hilft eine leichte Brustmassage – auf keinen Fall sollte ein Bürstchen oder eine Lotion dazu verwendet werden. 30 Sekunden reichen bereits.

Frauen, die stillen, dürfen keinen Alkohol trinken. Wer Medikamente einnimmt, muss dies mit einem Arzt oder Apotheker besprechen.

Geschwisterkinder stören nicht: Sie dürfen dabei sein. Sie können in der Zeit mit Still-Puppen spielen und ihre Mama nachahmen. Die emotionale Unterstützung des Partners ist wichtig: Es gibt Männer, die sich am nächtlichen Stillen stören oder –  oft unbewusst – eifersüchtig sind. Wenn der Partner das Stillen befürwortet, klappt dies besser.

Hat die Frau einen Milch­stau, helfen Quark- oder Kohlwickel – und fachkundliche Beratung.  
     

von Still-Beraterin Marlies Kreh

 

Langsam, langsamer, schwanger. So fühle ich mich, wenn ich durch die Oberstadt laufe und schnaufe. Warum schaffe ich es zu Fuß bis zum Schloss nur noch mit mehreren Pausen? Der Kopf muss erst verstehen, was der Bauch schon lange weiß und die Beine fühlen. Doch zu Hause bleiben, ist keine Alternative. Frau will nichts verpassen, so lange es geht, noch genießen und fit bleiben. Ab und an wird schon das Auto für kurze Wege in Anspruch genommen – auch das verletzt die eigene Ehre. Gut, dass der Ehemann fürsorglich mitdenkt und Pausen immer einplant. Er schlägt mir vor, das erste Päuschen in der Barfüßerstraße zu machen. Dort laden zufällig die Cafés und Kneipen zum Verweilen ein. Und es müsse an die Flüssigkeitszufuhr gedacht werden, sagt er. Er wiederholt dies am unteren und oberen Marktplatz. Der Weg ist das Ziel. So macht es am Ende sogar Spaß, den Weg zum Schloss zu meistern. Nicht nur für die Schwangere.

von Anna Ntemiris

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