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Handeln nach dem Bauchgefühl

Erste Hilfe Handeln nach dem Bauchgefühl

Werdende und junge Eltern freuen sich nicht nur mit ihren und über ihre Kinder: Sie haben auch Angst. Angst vor einem Unfall, plötzlichem Kindstod oder einer unerkannten Krankheit.

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Eine Teilnehmerin des AOK-Kurses Erste Hilfe übt an einer Puppe Wiederbelebungsmaßnahmen.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie das, was Sie lernen, niemals anwenden müssen“, sagt Jennifer Kunz, Leiterin der AOK im Landkreis Marburg-Biedenkopf, als sie an einem Samstagmorgen um 9 Uhr gut 25 Männer und Frauen zum ganztägigen Kurs Erste Hilfe an Babys begrüßt. Die meisten der Teilnehmer sind junge Eltern, einige erwarten in Kürze ihr erstes Kind. Ein Großelternpaar sowie eine Tante haben sich ebenfalls angemeldet, weil sie so oft ihre Enkel, Nichten und Neffen betreuen.

Alle haben einen Wunsch: Sie wollen lernen, im Notfall Kindern zu helfen. Kursleiter Stephan Danisch vom Arbeiter-Samariter-Bund aus Offenbach ist ein erfahrener Mann im Rettungsdienst. Er kennt die Sorgen und Nöte der Eltern aber auch aus eigener Erfahrung als zweifacher Vater.

„Wenn die Kleinen schreien, ist das schon mal gut“, sagt er zu den Kursteilnehmern. Er nimmt ihnen die Illusion: „Die glückliche Familie ohne Unfälle gibt es nicht. Man kommt nie ohne Notfälle bei Kindern aus.“ Man könne nur hoffen, dass es bei Beulen bleibe und Pflaster die Rettung seien. Im Laufe des Seminars stellt sich heraus, dass viele Teilnehmer Angst vor plötzlichem Kindstod haben. Wie könne man handeln?

Der größte Fehler

Danisch kann dazu erklären, dass die Ursache für plötzlichen Kindstod nicht gänzlich erforscht ist, es aber immer weniger Fälle gibt. Grundsätzlich rät er dazu, die Kinder in Rückenlage in einen Schlafsack zu legen. Auch sollte man bei den Kindern kein „Nest“ im Bett bauen, sprich: Höchstens ein Kuscheltier sollte reingelegt werden. Von High-Tech-Betten oder -Kissen, Thermometer, Kameras oder Bewegungsmeldern im oder am Bett hält der Experte wenig: Auch sie können nicht für maximale Sicherheit sorgen, Fehlauslösungen solcher Geräte machen die Eltern nur noch ängstlicher.

Im Laufe des Seminars zeigt der Rettungsexperte an einer Puppe, wie eine Herz-Druck-Massage oder eine Beatmung bei einem Kleinkind durchgeführt wird. Doch er gibt vor allem praktische Tipps für den Alltag. Eins können die Eltern schnell lernen: Sie sollen den Kleinen keine Vorwürfe machen. „Das ist der größte Fehler.“ Denn sonst würden Kinder vielleicht beim nächsten Fall nicht mehr über Schmerzen klagen, wenn sie befürchten, dass sie geschimpft werden.
Danisch hat nach vielen Jahren auch eine andere Empfehlung an die Erwachsenen: „Wenn man nach dem Bauchgefühl handelt, ist das richtig.“ Das sagt auch ein anderer Rettungssanitäter und Vater: „Viele Eltern handeln
instinktiv richtig.“ Danisch ergänzt, dass dies keine Lehrbuch-Meinung ist.

Manche Verletzungen könne man ohne große Mühe verhindern: Kinder sollten zum Beispiel im Kindersitz richtig angeschnallt werden. „Die Größe der Kindersitze sollte man nach der Körpergröße und nicht nach dem Alter auswählen.“ Außerdem gehöre in jedes Auto und in jeden Haushalt ein ordentlicher Verbandskasten. Ebenfalls warnt er vor Haushaltsunfällen: Wer in der einen Hand die Tee- oder Kaffeetasse hält und im Arm oder in der anderen Hand ein Kind, der kann es schnell verbrühen.

Was tun bei Atemnot?

Und die Erwachsenenhand sei nicht geeignet, um Flüssigkeiten wie etwa Badewannenwasser für Kinder zu testen. Da müsse ein Thermometer her, denn Kinderhaut ist empfindlicher gegen Hitze und zieht sich schneller Verbrennungen zu.

Wie handelt man nun im Notfall richtig? Es gilt die Devise: erkennen, beurteilen, handeln. Das bedeutet: Als erstes dem Kind ins Gesicht schauen, nicht nur auf die Wunde. Werden die Verletzten blass oder rot? Verdrehen sie die Augen oder haben sie blaue Lippen? Bei jedem Kontakt mit einem verletzten Kind sollte man Handschuhe tragen, denn diese schützen nicht nur den Helfer vor ungewollten Infektionen, sondern verhindern auch, dass Schmutz in offene Wunden gelangt. Und für die Handschuhe hat er einen Tipp: Diese einfach in eine Plastikkapsel aus Überraschungseiern stecken und immer in der Hosentasche, Handtasche oder Wickeltasche dabei haben, sagt der Rettungssanitäter. Nun also mit oder ohne Handschuh das Kind an den Nacken anfassen und fühlen, ob die Körpertemperatur erhöht ist. „Bei Babys und Kleinkindern ist der Nacken und nicht die Stirn der Temperaturfühler Nummer 1.“

Atemnot: Fremdkörper in der Luftröhre lassen sich vermeiden, wenn man zum Beispiel die Kleinen nicht unbeaufsichtigt essen lässt. „Erdnüsse oder feste Karottenstücke vermeiden“, sagt Danisch. Und: „Spielzeug gehört nicht auf den Essenstisch. Das kann eine Ablenkung vom Essen sein.“

Psyche spielt bei Nasenbluten eine Rolle

Auch sollten kleine Kinder nicht während der Autofahrt essen, bei einer Bremsung können sie sich verschlucken. Klingt logisch, sagen viele der Teilnehmer des AOK-Kurses. Und dennoch müssen sie zugeben, dass sie an solche „banalen“ Empfehlungen nicht oft denken – oder es eben instinktiv richtig machen. Ist der Fremdkörper erst einmal in der Luftröhre, solltem man das Kind zum kräftigen Husten auffordern.

Der Oberkörper des Kindes sollte nach vorn gebeugt und die flache Hand auf den Rücken gelegt werden. Wenn das nicht hilft: Bis zu fünf Kompressionen des Oberbauchs. Sollte auch das nicht helfen: Unverzüglich den Notruf 112 wählen.

Insektenstich im Mundraum: Den Notruf 112 wählen, das Kind beruhigen, den Hals von außen kühlen, Eiswürfel lutschen lassen. Stachel gegebenenfalls entfernen. Leichter Sturz: Wenn Kinder hinfallen und ein Hörnchen bekommen, hilft oft schon ein Kühlpack. Dieser sollte im Kühlschrank und nicht im Gefrierfach gelagert werden.

Bei Nasenbluten spielt die Psyche eine Rolle: Kindern sollten das Blut nicht sehen, deshalb den Kleinen ein Tuch unter die Nase halten und den Kopf leicht nach vorn beugen lassen. Was Kühles im Nacken lässt die Blutung schnell enden, sagt Danisch.

von Anna Ntemiris

 
 

von Anna Ntemiris

Hypochonder, Helikopter-Eltern, hysterische Mütter: Keiner aus diesen Gruppen war in meinem Seminar Erste Hilfe an Baby und Kind. Alle wollten nur ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen oder sich Tipps für den Notfall geben lassen. Dafür nahmen sich die Mütter und Väter einen ganzen Tag lang Zeit. Das ist verantwortungsvoll und verdient Respekt. In letzter Zeit wird viel über Eltern gejammert und geklagt: Sie überfordern ihre Kinder, sie vernachlässigen sie, sie ­behandeln sie wie kleine Erwachsene.

Die Meinungen über die richtige Erziehung, das Wohlbefinden gehen weit auseinander. Wir zerbrechen uns – in Deutschland zumindest – über so Vieles den Kopf, dass das Herz, das Gefühl zu wenig beachtet wird. Selbst erfahrene Rettungskräfte sagen: Eltern, die auf ihr Bauchgefühl achten, nicht über die Schmerzen ihrer Kinder schimpfen, den Kleinen ins Gesicht schauen, handeln richtig.

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