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Vom Aufstehen und Fallen

Abenteuer Sport: Roller-Derby Vom Aufstehen und Fallen

Die „Splatter Fairies“ gibt es seit gut einem Jahr in Marburg. Schon im nächsten Jahr wollen die Rollschuh-Läuferinnen in der Bundesliga mitmischen. Ihr Sport nennt sich „Roller Derby“ – und ist alles andere als langweilig.

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Das Marburger Roller-Derby-Team, die „Splatter Fairies“, beim Training: Schubsen, Stoßen, Abdrängen – all das gehört zu der Vollkontakt-Sportart aus den USA dazu und will richtig gelernt sein. „Roller Derby“ ist ein reiner Frauensport und nichts für Weicheier.

Quelle: Florian Gaertner, Montage Sven Geske

Montagabend, Sporthalle Martin-Luther-Schule. Draußen dämmert es, drinnen steigt die Laune. Kindheitserinnerungen werden wach: Denn hier wird von 20 bis 22 Uhr Rollschuh gelaufen. Allerdings nur im weitesten Wortsinn. Die Sportart, für die die knapp zehn jungen Frauen trainieren, heißt „Roller Derby“ und stammt aus den USA.

„Roller Derby“ ist eine Vollkontaktsportart. Ohne Ball. Ohne Puck. Gelaufen wird auf einer ovalen 17 mal 30 Meter großen Bahn entgegen dem Uhrzeigersinn, dem sogenannten Track. Gepunktet wird durch überrunden. Klingt erst einmal einfach. Ist es aber nicht. Ich habe es ausprobiert.

Das Team im Rollerderby aus Marburg, die "Splatter Fairies" trainieren in Marburg.

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Die Schwierigkeiten beginnen bereits nach dem Schnüren der Rollschuhe. Das Aufstehen verlangt mir alles ab. Kaum habe ich es geschafft, stehe ich schon vor dem nächsten Problem: Ich rolle vorwärts, ohne überhaupt Schwung gegeben zu haben. Hilfe! Diese Hightech-Rollschuhe haben nicht mehr viel mit jenen gemein, mit denen ich als Siebenjährige die Nachbarschaft unsicher machte.

Ein bisschen verrückt muss Frau für diese Sportart sein

Wer bei den Marburger „Splatter Fairies“ mitmischt, der muss auch ein bisschen verrückt sein. Blaue Haare, bunte Tattoos – alles nichts besonderes bei den „Feen“. Die Kleidung ist – das ist für diese Sportart aber typisch – mehr Statement als sportlich-praktikabel: Knappe Hosen oder Röcke, auffällig geringelte Strümpfe und zerrissene T-Shirts, auf denen übrigens die plakativen Kampfnamen prangen – gehören einfach dazu. Ebenso wie die bunten Rollschuhe. Wichtig ist den Rollergirls aber auch der Schutz des eigenen Körpers. Helm, Knie-, Ellenbogen- und Handgelenksschoner sind obligatorisch, ebenso der Zahnschutz.

Das Training beginnt. Zuerst geht es ans Aufwärmen. Einfache Runden auf dem Track. So langsam entwickele ich ein Gefühl für die Rollen unter meinen Füßen. Wie die anderen Rollergirls in die Hocke zu gehen, auf einem Bein zu fahren oder das andere auch noch vor und zurück zu schwingen, schaffe ich allerdings nicht, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten. Es folgt das Üben von verschiedenen Bremstechniken. Und die nächste Erkenntnis: Anhalten ist wesentlich schwerer als Fahren. Noch schwieriger wird es im dritten Teil des Warm-Ups – denn auch das Fallen will gekonnt sein. Ich scheitere kläglich. Erst als Gründungsmitglied Julia Damm mich festhält, bleibe ich stehen.

„Feen“ sind eine neue Abteilung des VfL Marburg

Es war am Rosenmontag des vergangenen Jahres, als Julia
Damm – mit Kampfnamen „Bloody Beth“ – gemeinsam mit einigen anderen „Derby-Verrückten“ die „Splatter Fairies Marburg“ ins Leben rief. Seit Sommer 2014 sind die „Feen“ offiziell eine Abteilung des VfL Marburg. „Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr in den Liga-Betrieb einzusteigen“, erklärt sie. Dafür muss aber noch fleißig trainiert werden. Denn an den richtigen Spielen, genannt „Bouts“, darf nur teilnehmen, wer einen „Skills-Test“, also einen Eignungstest, abgelegt hat. Darin gilt es, das eigene fahrerische Können, das Bremsen und Fallen unter Beweis zu stellen. „So wird vermieden, dass blutige Anfänger mitspielen, die sich und die anderen Teilnehmer gefährden“, betont Damm. Denn „Roller Derby“ ist eben eine Vollkontakt-Sportart, bei der es durchaus grob zur Sache geht. Von wegen „nur“ Rollschuh laufen.

 

Gröber wird es dann auch. Es gilt, das Blocken und Abdrängen zu üben – sowohl aktiv als auch passiv. Zwei Spielerinnen positionieren sich dafür je auf der Hälfte des Tracks, die anderen rammen sie aus der Vorwärtsbewegung heraus mit Schulter oder Hüfte in die Seite. Stehen bleiben sollten am Ende beide. Da Roller Derby eine Vollkontakt-Sportart ist, ist nicht nur das Behindern anderer Spieler durch positionelles Blocken wie das In-Den-Weg-Fahren oder Abdrängen, sondern auch durch direkten Körpereinsatz, also Umschubsen, erlaubt. Damit verschafft man sich oder anderen Spielern des eigenen Teams einen positionellen Vorteil oder hindert die gegnerischen Spieler am Vorbeikommen. Allerdings gibt es strikte Regeln, welche Körperteile dafür eingesetzt beziehungsweise beim Gegenspieler berührt werden dürfen. Regelwidrigkeiten werden als Fouls mit 30 Strafsekunden auf der Bank bestraft. Ein Spiel dauert übrigens 60 Minuten und besteht aus zwei Halbzeiten, in denen jeweils so viele zweiminütige Angriffsphasen, sogenannte „Jams“, gefahren werden wie möglich. In diesen zwei Minuten muss die „Jammerin“ jedes Teams versuchen, die vier gegnerischen Blocker, das sogenannte „Pack“, zu überrunden.

Neben Schnelligkeit ist auch Kondition gefragt

Neben Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Fahrvermögen und einer gewissen Schmerz­toleranz ist bei diesem Sport daher auch Kondition gefragt.
Das zeigt sich ganz am Ende des Trainings: Ein Testspiel soll gefahren werden. Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden. Drinnen hat die Laune ihren Höhepunkt erreicht. Die Kindheitserinnerungen habe ich vergessen. Angst macht sich breit. Werde ich das heil überstehen? Es geht rau zu und schnell, schneller, als ich schauen kann. Und schneller, als ich fahren kann. Eine Runde mache ich mit. Eine Runde mit drängeln und blockieren. Eine Runde, in der alle übereinander hinfallen – außer mir. Denn mich hatten sie da längst abgehängt.

von Katharina Kaufmann

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