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Training für den großen Berg

OP-Serie: Abenteuer Sport Training für den großen Berg

2013 bekommt Marburg ein Kletterzentrum mit mehr als 1000 Quadratmetern Kunstfelsen. Bis dahin wird parallel zum Bauch-Beine-Po-Kurs in der Turnhalle trainiert.

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OP-Redakteur Thomas Strothjohann versucht sich an der Kletterwand. Noch in diesem Jahr wird es in Marburg sehr viel höhere Kletterwände geben.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Türe auf - und schnell wieder zu! Hier bin ich falsch. Ich stehe in einem kalten Gang vor der Unisporthalle. Es gibt hier nur eine Tür, aber was ich dahinter gerade gesehen habe, hatte mit Klettern nur wenig zu tun. War das eine spätpubertäre Phantasie oder lagen da eben 200 Studentinnen Po nach oben auf dem Boden?

Ich gehe noch einmal um die Halle herum, finde aber keinen anderen Eingang. Also nochmal: Tür auf und rein. Möglichst unauffällig stehle ich mich an der Wand entlang, steige über gestreckte Waden und gelange schließlich zum Hallenteiler. Dahinter ist der Berg. Etwa sieben Meter breit ragt er bis unter die acht Meter hohe Turnhallendecke. An bunten Griffen und Knubbeln klettern Kinder die Wand hoch. Es ist Dienstag und die Jugendgruppe des Deutschen Alpenvereins (DAV) trainiert.

Sicherheit geht vor

Die Kinder sichern sich gegenseitig, werden aber noch von ihren Betreuern beaufsichtigt. Jörn Eigmüller, der Jugendleiter der Sektion Marburg zeigt mir heute, wie man klettert - vor allem wie man sicher klettert. Darauf legt er großen Wert. Es fängt mit dem Gurt an, den ich richtig anziehen und verschließen muss und geht mit dem Doppel-Achter-Knoten weiter, der doppelt geprüft wird. Von meiner Hüfte aus geht das Seil hoch zur Hallendecke, durch zwei Karabiner und wieder runter zu Eigmüller. „Top Rope“ (engl. für Seil von oben) nennt sich diese Technik. Fortgeschrittene nehmen ihr Sicherungsseil selber mit. Sie klettern die ersten Meter ungesichert und klinken es dann in Haken ein, die an der Wand befestigt sind. Darum muss ich mich nicht kümmern, ich kann mich aufs Klettern konzentrieren. Noch kurz überprüfen, ob Eigmüller sich mit der Seilklemme am anderen Ende richtig eingeklinkt hat und dann geht‘s los.

Ein TÜV-geprüfter Berg

Eigmüller ist drahtig und etwas kleiner als ich. Schwer vorstellbar, dass er mich fangen kann, wenn ich oben aus der Wand falle. „Man sollte schon in etwa gleich schwer sein“, sagt Eigmüller, aber solange der Kletterer nicht mehr als 25 Prozent schwerer ist als sein sichernder Kletterpartner, sei das kein Problem.

Na dann los! Die Struktur ist rau wie Sandstein, man kann sich die Finger leicht daran aufschürfen. Dafür halten die Kletterschuhe ganz gut darauf. Für mich ist das allerdings noch nicht so wichtig. Als Erstes schickt mich Eigmüller nämlich auf eine Route mit vielen großen Griffen. Da kann man hochsteigen wie auf einer Leiter.

Wenn man auf die Wand klopft, erschallt ein dumpfer Ton. Ein Kunststoff-Berg mit Griffen drauf - man muss schon etwas Phantasie mitbringen, wenn man in Marburg „bergsteigen“ will. Im Gegensatz zu einem Berg im Freien ist die Kletterwand in der Unisporthalle aber TÜV-geprüft. Hier gibt es keinen Steinschlag und keine porösen Haken die Kletterern an „echten“ Bergen regelmäßig zum Verhängnis werden. Im Gegensatz zum Felsklettern ist Klettern in der Halle also ein risikoarmer Sport.

Inzwischen ist das Jugendtraining beendet und an den sieben Bahnen stehen Kletterer an. DAV-Mitglieder können hier kostenlos am Training teilnehmen. Es gibt Kletterkurse von der Uni und die Blista bietet Kurse für Sehbehinderte an. Entsprechend groß ist der Andrang auf die wenigen Quadratmeter Marburger Kunstfelsen. Wie sich in großen Kletterzentren in Frankfurt, Wetzlar oder Darmstadt beobachten lässt, ist Klettern längst keine Nischensportart mehr. Familienväter kommen nach der Arbeit, Kinder gehen zum Klettern, wie andere zum Fußball: Klettern ist heutzutage ein Breitensport.

2013 kommt die neue Halle

Noch in diesem Jahr will die Marburger Sektion des Alpenvereins deshalb das Kletterzentrum Marburg/Lahn fertigstellen. In der ehemaligen Universitätsreithalle auf dem Waggonhallengelände baut der Verein mit Fördermitteln der Stadt, des Landes sowie Spenden und Sponsorengeldern für rund 1,45 Millionen Euro über 1000 Quadratmeter Kletterwände. Teilweise zum Bouldern in Bodennähe, teilweise 14 Meter hohe Wände in- und außerhalb der Halle. Die Planer rechnen mit 23000 Besuchern im Jahr.

Bis das neue Marburger Kletterzentrum eröffnet, kann man an der kleinen Wand in der Unisporthalle trainieren. Für Einsteiger und Fortgeschrittene gibt es auch hier genügend Herausforderungen.

von Thomas Strothjohann

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