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Abenteuer Sport: Blindefußball Sie können das Spiel fühlen

Endlich mal Fußball in unserer Sport-Serie. Das kann ich. War ich mir zumindest im Vorhinein sicher. Jetzt sitze ich in der Kabine und fühle mich wie ein Anfänger. Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt.

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Trainingseinheit der Blindefußball-Abteilung der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg: in dieser Szene schießt Robert Warzecha auf das Tor.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Alle Achtung! Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Bis zum heutigen Tag habe ich gedacht, ich sei ein ganz passabler Fußballer. Ball annehmen, dribbeln, passen. Keine große Kunst. Schließlich habe ich in meinen Kindheitstagen fast nichts anderes gemacht. Fast jeden Tag habe ich unablässig irgendwelche Bälle gegen unser Garagentor gedonnert und damit unsere Nachbarn beinahe in den Wahnsinn getrieben.

Nach dem heutigen Tag ist meine Welt aber ein bisschen kleiner geworden. Zumindest was mein geliebtes Spiel betrifft. Und das hat mit einer winzigen Änderung im gewohnten Ablauf zu tun. Einem Stück Stoff - kaum schwerer als ein Taschentuch. Nur ein paar Gramm schwer, raubt mir dieses Textil jedoch einen meiner Sinne. Und ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich mich so sehr auf das verlasse, was ich sehe.

Jetzt, mit der Binde über den Augen, ist alles schwarz, und ich fange langsam an zu begreifen, was das eigentlich bedeutet. Während sich die Jungs der Blindenfußball-Abteilung der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg warmlaufen, stakse ich unbeholfen durch die Gegend. Automatisch nehme ich meine Arme nach vorne und taste nach möglichen Gefahrenquellen. Heute habe ich es mit echten Profis zu tun. Bundesligaspieler. Die Marburger spielen seit der Gründung im Jahr 2008 in der ersten Liga. Seither holten sie drei Meister- und drei Vizetitel.

Der betrunkene Flamingo

„Am Anfang wirst du wahrscheinlich etwas schummeln“, sagt Spieler Niclas Schubert und meint die Möglichkeit, unter der Augenbinde nach unten zu linsen. Schubert hat recht: mich ausschließlich auf mein Gehör zu verlassen, ist mir irgendwie nicht geheuer.

Als Sportler zählt mogeln aber nicht. Also los. Den Ball zu dribbeln funktioniert schon mal ganz gut. Das Spielgerät ist schwer wie beim Futsal und klimpert ständig dank der darin eingenähten Metallschellen. So wissen die Spieler immer, wo sich das runde Leder gerade befindet. Die wichtigste Regel ist jedoch die „Voy-Regel“, erklärt mir Niclas Schubert. Alle Spieler auf dem Feld, außer demjenigen, der den rasselnden Ball gerade führt, müssen „Voy“ (spanisch für „ich komme/gehe“) rufen, um sich bemerkbar zu machen. Wird das „Voy“ vergessen oder zu spät gesagt, zählt dies als Foul. Beim Blindenfußball werden Fouls als persönliches Foul oder Teamfoul gezählt (mehr zu den Spielregeln im Hintergrundkasten).

Schnell merke ich, dass eine enge Ballführung extrem wichtig ist. Solange ich den Ball berühre, weiß ich natürlich auch, wo er ist, springt er aber zu weit weg vom Fuß, wird es schon schwierig. Deshalb sieht es während der ersten einfachen Laufübungen mit Ball auch öfter mal so aus, als würde ein betrunkener Flamingo mit seinen Stelzen im Wasser nach seinem Flachmann suchen. „Dennis, hier ist dein Ball“ - höre ich und vernehme kurz danach das sich bewegende Klimpern am Boden. Aha. Da ist er also.

Inhaltlich verläuft das Training so, wie ich es gewohnt bin. Aufwärmen, Pass-Übungen und Spielformen. Sebastian Schleich, sehender Torhüter des Teams und Mitglied des Trainerstabs, gibt vor, was zu tun ist. Höchste Konzentration ist gefragt, als es daran geht, einen langen Pass diagonal über das Feld zu spielen. Besonders wenn man Empfänger dieses Passes ist. Ich stelle mich also nahe an die Bande und warte, dass ich etwas höre. Und plötzlich: Da! Rechts, oder? Ehhh... Natürlich entscheide ich mich für die falsche Seite, und der Ball rollt an mir vorbei. Es ist ungewohnt und anstrengend, sich nur auf sein Gehör zu verlassen.

Obwohl heute nur vier Spieler im Training sind, ist es vergleichsweise laut. Die ständige Kommunikation schützt die Spieler vor Zusammenstößen. Im Spiel bin ich dann aber total überfordert.

Ich kann nur erahnen, was sich gerade auf dem Feld abspielt. Orientierung ist alles. Nur habe ich diese leider nicht. Wieder halte ich die meiste Zeit die Arme vor meinen Körper, um mich vor Kollisionen zu schützen. Nur berührt mich eben keiner. Das Spiel findet eigentlich ohne mich statt.

Ich trete etwas an den Rand des Spielfeldes, ziehe mir kurz die Binde von den Augen und kann einfach nicht fassen, was ich da sehe. Kombinationsspiel, präzise Pässe zum Mitspieler. Torabschlüsse. Jeder scheint zu wissen, wer sich gerade wo auf dem Feld befindet.

Dann merke ich, dass ich gerade einfach nur doof durch die Gegend gucke. Ich ziehe die Augenbinde wieder runter und tauche ein in das Stimmengewirr und frage mich ernsthaft, wie man sich in all dem Durcheinander zurechtfinden soll. Dann habe ich plötzlich den Ball. Keine Ahnung, wo mein Schuss hinging, aber ich bin mir ziemlich sicher: nicht ins Tor. „Warum schießt du denn da mit der Pike?“, sagt Nationalspieler Alican Pektas zu mir. „Das hast du jetzt nicht ernsthaft rausgehört“, entfährt es mir. „Klar“, sagt Pektas, als wäre es das Normalste der Welt. Na toll - ich dachte, mein Rumgestolper bliebe unbemerkt ...

von Dennis Siepmann

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