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„Jetzt fühle ich mich sicherer“

OP-Serie: Abenteuer Sport „Jetzt fühle ich mich sicherer“

Für die OP-Serie „Abenteuer Sport“ nahm OP-Volontärin Ruth Korte an einem Training für junge Frauen beim 1. Box-Club Marburg teil und stellte fest: Boxen ist mehr als nur eine Sportart.

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Eine reine Konzentrationssache

Mehrmals pro Woche boxen sich die Mädels des 1. BC Marburg in diesem Ring fit. Zum ersten Mal zog OP-Volontärin Ruth Korte die Boxhandschuhe an.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Fallen Ihnen beim Stichwort „Boxen“ auch zuerst blutüberströmte, blauäugig-geboxte, verschwitzte Muskelpakete in glänzenden Shorts ein, die in einer zerfallenen, dunklen Fabrikhalle in einem Ring stehen und von rauen Männern mit Geldscheinen in der Hand und Zigaretten im Mundwinkel angefeuert werden?

Das ist jedenfalls so ziemlich das Bild, das ich im Kopf habe, als ich den Box-Club Marburg betrete. Doch das helle Gebäude hat wenig mit einer düsteren Fabrikhalle zu tun. Statt Fausthiebe höre ich, wie in regelmäßigen Abständen Seile auf den Hallenboden peitschen. Statt finsterer Typen blicken mich sechs Mädels zwischen 12 und 25 Jahren an. Sie halten Springseile in der Hand. Springseile?

„Das Seilspringen ist eine wichtige Aufwärmübung. Es trainiert die Bein- und Fußgelenkarbeit, die für das Boxen wichtig ist“, erklärt Trainer Ronald Leinbach, der mir ein Springseil in die Hände drückt. „Du hast doch sportliche Vorerfahrung, oder?“ – „Mit dem Springseil? Die habe ich schon mit vier Jahren gemacht“, denke ich mir und stelle mich zwischen die Mädels.

 

Doch das Springen mit einem Speed-Springseil ist wahrlich kein Kinderspiel. Schnell komme ich aus der Puste. Immer wieder bleibe ich mit meinen Füßen am Seil hängen – besonders bei den „Double Unders“, zwei Durchschwüngen pro Sprung.

Nächste Übung. Es geht auf den Boden für ein paar Liegestütze – um die „Körperspannung, die wir beim Boxen einnehmen, zu trainieren“, wie Leinbach erklärt. Schon für einen normalen Liegestütz reicht meine Kraft kaum aus. Doch statt auf die bloßen Handflächen, sollen wir uns auf unseren Schlagknöcheln abstützen, was die ganze Sache nicht nur anstrengender, sondern auch wackeliger macht. „Spannung halten, nicht durchhängen lassen“, spornt Leinbach die Mädels an, die ihre Oberkörper gekonnt vom Boden wegdrücken. Dann stellen wir uns vor der Spiegelwand auf. „Beine schulterbreit aufstellen. Fäuste ans Kinn, schützen. Was ist deine starke Hand?“, fragt mich Leinbach. Rechts. „Dann ist das deine Schlaghand.“

Die Schlaghand, auch „Jab“ genannt, ist die wichtigste „Waffe“ des Boxers, lerne ich. Der Boxer nutzt sie hauptsächlich, um den Gegner auf Abstand zu halten, so dass er keine Gelegenheit bekommt, Vorteile in einer Distanz zu erringen, die kleiner ist als die Reichweite seiner Führhand.

Die Führhand ist die „schwächere“ Hand. Bei Rechtshändern – etwa 80 Prozent der Boxer – die linke Hand. Mit ihr werden schnelle, aber nicht besonders harte Schläge ausgeübt, die meist den Kopf des Gegners zum Ziel haben.

Abwechselnd sollen wir rechts schlagen und das linke Bein vorstellen, links schlagen und das rechte Bein vorstellen. „Rechts, links, rechts, links!“, gibt Leinbach (Foto: Weigel) vor. Hier ist Koordination gefragt – nicht gerade meine Stärke. Kaum ist die Beinarbeit einigermaßen erlernt, geht es mit den Meid- und Ausweichbewegungen weiter: Der „Sidestep“. Bei diesem Ausweichschritt wird das Gewicht auf das linke oder rechte Bein verlagert, um dem Gegner seitlich auszuweichen und seinen Schlag ins Leere laufen zu lassen.

„Schlaghand, Führhand, Schlaghand, Sidestep, Schlaghand“ – in Diagonalschritten nähere ich mich dem Spiegel und werfe dabei einen Blick in die Gesichter der Mädels. Sie wirken konzentriert, entschlossen, selbstbewusst.

„Die Psyche spielt einen ganz wichtige Rolle beim Boxen“, erklärt Leinbach. „Unsere Verteidigungssportart ist sehr effektiv. Man kann sich gut selbst verteidigen, indem man zum Beispiel eine Distanz zum Gegner schafft. Ich denke aber, dass vor allem die psychische Ausstrahlung dabei hilft, Distanz zu halten. Die Mädels hier gehen sehr selbstbewusst auf die Jungs zu“, beobachtet er. Im Ring stehe ich schließlich Franka Flügel (24) gegenüber. Die junge Studentin hat lange nach einer Sportart gesucht, die Kraft und Ausdauer kombiniert. „Ich wollte was machen, was mich herausfordert.“

Selbstbewusstsein ist entscheidender Faktor

Herausfordernd blickt sie mich nun an und atmet mit jedem ihrer Schläge schnell und kräftig aus. Ich weiche ihren kräftigen Schlägen mithilfe des eben erlernten Sidesteps aus. Ganz wohl ist mir bei dem Schlagen und Geschlagen werden aber nicht.

Auch Franka hatte damit am Anfang ihres Boxtrainings Probleme. „Jetzt macht es mir Spaß“, erzählt sie. Dass sie jemanden mit voller Wucht ins Gesicht schlagen würde, könne sie sich nicht vorstellen. Das beruhigt mich. Jedoch kann sie sich genauso wenig vorstellen, sich von einem anderen ins Gesicht schlagen zu lassen.

Auch Nadja Halibi (17) ist durch das Boxen mutiger geworden. „Wenn ich abends durch die Straßen gelaufen bin, war es manchmal bei mir so, dass ich, wenn es dunkel war, Angst hatte. Aber jetzt fühle ich mich sicherer“, sagt das Mädchen mit dem Kopftuch.

Selbstbewusstsein aufzubauen, so merke ich, ist ein entscheidender Faktor bei dieser Sportart. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass die Mädels nach dem Box-Training nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch gestärkt nach Hause gehen.

von Ruth Korte

 
1. BC Marburg
Der 1. Box-Club Marburg 1947 wurde am 8. August 1947 in Marburg gegründet. In dem Club, der seit Januar 2015 eine eigene Trainingsstätte in der Friedrich-Ebert-Straße hat, wird Boxsport sowohl als leistungsorientierter Wettkampfsport als auch als Fitnesssport betrieben. Unter der sportlichen Leitung des Cheftrainers Ronald Leinbach konnte der Box-Club in den vergangenen Jahren beachtliche sportliche Erfolge erzielen. Besonders die Integration hat sich der Box-Club auf die Fahne geschrieben. Etwa drei Viertel der jüngeren Athleten haben einen Migrationshintergrund. Mehr Informationen und einen aktuellen Trainingsplan finden Sie im Internet auf www.
1-boxclub-marburg.de.
 
 Lachen trotz Liegestütze: Franka Flügel (24) und die Sportlerinnen des 1. BC Marburg machen sich fürs Boxen warm. Foto: Nadine Weigel
 
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