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Jeder Schlag ein Treffer

Golfen Jeder Schlag ein Treffer

Golf – ein Sport für gutbetuchte Rentner? Nichts da, heißt es beim Oberhessischen Golfclub Marburg. Das jüngste Mitglied ist drei, das älteste aktive 91 Jahre alt. Da bin ich mit 31 wohl im besten Alter, diesen Sport auszuprobieren.

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Mit Schwung gilt es, den Golfball auf der Driving Range vom Tee (kleines weißes Hölzchen) zu schlagen.

Quelle: Nadine Weigel

Bernsdorf. Die Sonne scheint, kein Wölkchen trübt den strahlend-blauen Himmel. Der Rasen leuchtet in sattem Grün und neben dem Teich watschelt eine Entenfamilie durch das frisch getrimmte Gras. Die 66 Hektar große Anlage des Oberhessischen Golfclubs Marburg ist Natur pur und reinste Park-Idylle. Dennoch wird hier Sport getrieben. Zwar nicht lautstark und schweißtreibend, dafür aber diszipliniert  und ausdauernd. Und ich bin mittendrin.
Bevor ich als blutige Anfängerin das satte Grün allerdings betreten darf, muss ich auf die sogenannte Driving Range, den Übungsbereich einer jeden Golfanlage. Dort erklärt mir Trainer Chris Gillies die Grundlagen des Golfspielens. Der Engländer weiß wovon er spricht: Er ist ehemaliger Profi-Golfer.

„Schläger senkrecht halten, Arme ausstrecken, Beine schulterbreit auseinander und etwas in die Knie gehen“, erklärt Gillies. Das sei die Ausgangsposition. Dann wird ausgeholt und der Schläger mit Schwung zum Ball gebracht, so dass dieser geradeaus fliegt. Das klingt erst einmal einfach – und gelingt mir zur Überraschung von Gillies auch gleich beim ersten Mal. „Super, super. Das schaut richtig gut aus“, ruft er mit seinem englischen Akzent voller Begeisterung: „Du hast Talent.“

124 Muskeln sind gleichzeitig in Aktion

Das scheint mir auch so. Der Golfschwung zählt Sportwissenschaftlern zufolge nämlich zu den komplexesten und schwierigsten Bewegungsabläufen im Sport gleich nach Stabhochsprung. 124 von 434 Muskeln werden gleichzeitig
bewegt und koordiniert. So schult Golf die Beweglichkeit, Kraft, Koordination, Konzentration und Ausdauer. Für den perfekten Schlag muss dies alles jedoch reibungslos zusammenspielen. „Man braucht einen guten Treffmoment“, betont Chris Gillies.

Kraft allein reicht nicht aus, die Drehung aus Schulter und Hüfte muss ebenso passen, wie der Abstand zum Ball, das Timing und die Körperhaltung. „Schau immer auf den Ball und lass die Hände zusammen“, lauten die Ratschläge des Trainers vor meinem nächsten Schlag. Und nachdem auch dieser wieder geglückt ist: „Du musst das Gewicht beim Schwung verlagern vom rechten auf das linke Bein. Aber nicht tanzen, keine Pirouetten. Die kannst du heute Abend machen.“ Nach ein paar weiteren Schlägen mit dem 7er-Eisen darf ich dann auch mal auf den Rasen. Auf dem Weg dorthin – ausnahmsweise mit einem Golf-Cart, eigentlich wird in Bernsdorf nämlich von Loch zu Loch gelaufen – erläutert Trainer Gillies einige Regeln der Sportart. Insgesamt gibt es derer 34 und sie sollen dazu dienen, dass bei Problemfällen nicht lange diskutiert werden muss, wie es weitergeht, und jeder Spieler fair und gleich behandelt wird. Zum Beispiel, wenn der Ball im Wasser gelandet ist.

Das passiert mir dann gleich beim ersten Schlag auf dem Platz. Und jetzt? „Das lernst du automatisch, wenn du richtig spielst. Die Erfahrung bringt auch das Regelverständnis mit“, so Gillies. Um es kurz zu machen, bekomme ich einen neuen Ball und darf weiterspielen.

Club hat 730 Mitglieder, davon rund 500 Aktive

Der Platz des Oberhessischen Golfclubs Marburg im Cölber Ortsteil Bernsdorf hat 18 Löcher. Dazu kommt noch eine 9-Loch-Par-3-Kurzbahn. „Unser Club besteht bereits seit 43 Jahren. Der Platz wurde im Jahr 1974 angelegt“, berichtet Club-Präsident Bernd Bonn. Im Jahr 2003 sei der 9-Loch-Platz auf 18-Loch erweitert worden. „Derzeit haben wir 730 Mitglieder, davon etwa 500 Aktive“, fügt Bonn hinzu und wirkt ein klein wenig stolz. Das Durchschnittsalter liege bei 49 Jahren. „Unser jüngstes Mitglied ist drei Jahre alt, das älteste aktive 91“, berichtet er. Das beweise: „Golf ist eine Sportart für jedermann und jedes Alter, für geübte Sportler und für ungeübte.“ Das zeigen auch die Zahlen des Deutschen Golfverbandes (DGV). In Deutschland spielen derzeit mehr als 640 000 Menschen Golf auf insgesamt 720 Plätzen und Anlagen.

Trainer Chris Gillies (rechts) zeigt, was auf dem Platz für einen guten Abschlag spricht: wenn auch Rasen geflogen ist.

An diesem sonnigen Tag bin ich einer von ihnen. Schläger senkrecht, Arme ausgestreckt, Beine schulterbreit und Knie leicht gebeugt stehe ich auf dem leuchtend grünen Rasen – der übrigens sowohl be- als auch entwässert wird und sehr pflegeaufwändig ist – und mache einen weiteren Abschlag. „Super, super! Wie machst du das? Das waren über 70 Meter“, sagt Gillies und weist in die Ferne. Wo genau der Ball gelandet ist, kann ich gar nicht sagen, ich habe ihn in der Luft aus den Augen verloren. Also geht es langsam über den Rasen, unter Bäumen hindurch, an Teichen vorbei. Den Blick immer nach unten gerichtet, suche ich meinen Ball. „Ein Durchschnittsgolfer läuft bei einer 18-Loch-Anlage
acht bis zehn Kilometer, ein nicht ganz so guter zwischen zehn und zwölf und ein Anfänger auch mal 17“, erläutert Bernd Bonn und lacht.

Immer mit dabei sind bis zu 14 Schläger. So viele darf jeder Spieler mit auf die Runde nehmen. „Man unterscheidet die Schläger am Neigungswinkel und am Material“, erklärt mir Trainer Gillies. Holz für Abschlag und weite Schläge, Eisen für das Spiel auf den Fairways und den Spielbahnen sowie Putter zum Einlochen. „Aber das lernst du auch mit der Zeit aus der Erfahrung“, fügt er lächelnd hinzu. Ob ich diese überhaupt machen werde, lasse ich an dieser Stelle einfach mal offen.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
 
 
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