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In die "Welt der Stille" eintauchen

Abenteuer Sport In die "Welt der Stille" eintauchen

„Die Welt unter Wasser ist eine Welt der Stille“, sagte Meeresforscher Jacques Cousteau einmal. Das ist es, was TSC-Vorsitzenden Jens Reif am Tauchen fasziniert. Für die Serie „Abenteuer Sport“ nimmt er die OP mit in diese Welt.

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Nase zuhalten und kräftig hineinprusten, bis es „ploppt“ – gar nicht so leicht der Druckausgleich. Doch nach ein paar Versuchen kriegt OP-Volontärin Ruth Korte auch das hin und lässt sich von Tauchlehrer Jens Reif mit in die Unterwasserwelt nehmen.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Ich umschließe das Mundstück mit meinen Lippen, schließe die Augen, atme tief ein und aus und lasse mich ins Wasser sinken. Sofort sind alle Geräusche verschwunden. Alles, was ich höre, ist mein Atem und das Sprudeln der abgeatmeten Luft, die seitlich hinter meiner Tauchmaske entweicht.

Mit jedem Zentimeter, den ich sinke, spüre ich, wie mein Körper schwereloser wird. Gleichzeitig steigt der Druck in meinen Ohren. Es schmerzt. Ich öffne die Augen. Vor mir sehe ich das Gesicht meines Tauchlehrers Jens Reif, der mich durch seine Taucherbrille aufmerksam beobachtet.

Er hält Daumen und Zeigefinger aneinander und die anderen Finger gespreizt. „Alles okay?“ Hier unten gibt es keine Sprache, nur Zeichen. Ich zeige mit meinem Finger an mein rechtes Ohr und wackel mit der Hand. Mit meinem Ohr stimmt etwas nicht. Er versteht und deutet mir, das zu tun, was wir eine halbe Stunde vorher noch an der Wasseroberfläche geübt haben: einen „Druckausgleich“ durchführen. Ich halte meine Nase zu und pruste kräftig in sie hinein. Es ploppt, und der Druck ist weg. „Alles okay.“ Wir sinken tiefer.


 


 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

30 Minuten vorher sitze ich am Beckenrand und schlüpfe in zwei blaue Schwimmflossen, während Jens Reif vom TSC Marburg an dem Feststellband der Taucherbrille zurrt, die sein Kollege mir gerade ausgehändigt hat. „Bevor du sie aufsetzt, musst du einmal kräftig hineinspucken.“ Ungläubig schaue ich ihn an. „Durch den Speichelfilm auf dem Glas perlen die Wassertröpfchen einfach ab und die Sicht bleibt klar“, erklärt er, spuckt in seine Brille, verteilt den Speichel mit dem Finger gleichmäßig auf der Innenscheibe und spült sie einmal kurz mit Wasser aus. Ich mache es ihm nach.

Dann hilft er mir ins „Tarierjacket“, eine Weste, in der sich der sogenannte „Auftriebskörper“ befindet. „Sie wirkt wie eine Schwimmblase beim Fisch“, erklärt Tauchkollege Burkhard Wagner. Durch Einblasen oder Ablassen von Luft werde ich beim Tauchen auf der gewünschten Wassertiefe gehalten, kann sinken oder steigen. Auch die Druckluftflasche befindet sich an der Tarierweste, in der die Luft, die mich beim Tauchen über das Mundstück mit Sauerstoff versorgen wird, auf 200 Bar komprimiert ist.

Druck belastet Ohren und Nebenhöhlen

Jens reicht mir die Hand und ich lasse mich treiben. Ich schaue mich um. Im Becken sind schon einige Taucher unterwegs. Auch viele Kinder sind dabei. „Wir haben aktuell etwa 310 Mitglieder in unserem Tauchverein, davon sind etwa 60 Kinder und Jugendliche. Von ihnen sind heute auch ein paar mit dabei und haben ihre Freunde mitgebracht“ so Jens. Auch er habe früh angefangen, in seiner Jugend, ist also ein erfahrener Taucher.

Er erklärt mir, dass sich der erhöhte Druck unter Wasser vor allem an Organen bemerkbar macht, die mit Luft gefüllt sind, also das Mittelohr und die Nasennebenhöhlen. Diese Bereiche können sich nicht automatisch an den Druck unter Wasser anpassen, also muss der Taucher selbstständig einen Druckausgleich durchführen, indem er die Nase zuhält und ohne Luft zu holen kräftig in sie hineinprustet, bis es „plopp“ macht.

Zeichensprache als einziges Kommunikationsmittel

„Ohne Druckausgleich können Verletzungen des Innen- und Mittelohrs und langfristig auch Hörschäden die Folge sein“, warnt Jens. Mir wird mulmig. Mit so viel Risiko hatte ich nicht gerechnet.

Bevor wir abtauchen, erklärt er mir noch die wichtigsten Zeichen, denn Zeichensprache ist das einzige Kommunikationsmittel in der lautlosen Unterwasserwelt: Daumen runter fürs Abtauchen, Daumen hoch fürs Auftauchen. Mit der Hand wackeln, wenn etwas nicht stimmt. Stimmt alles, Daumen und Zeigefinger aneinanderhalten, die anderen Finger spreizen. „Okay“, zeige ich zurück, merke aber, wie meine Aufregung langsam steigt.

Dann geht‘s los. Ich setze meine Taucherbrille auf und warte auf Jens‘ Zeichen. Er hält den Daumen runter und wir sinken in die Tiefe. Das Wasser ist in ein türkises Licht getaucht. Eigentlich schön. Doch ich schaue nach oben. Ein Fehler, denn alle Instinkte sagen mir plötzlich, dass ich wieder auftauchen und nach Luft schnappen soll. Mein Ohr fängt an zu schmerzen. Ich werde etwas  panisch. Die Luft reicht mir nicht zum Atmen.  „Alles okay?“, fragt Jens. Ich schüttele vor Aufregung den Kopf, nicht die Hand, will „hoch“, nur hoch.

Zähe Bewegugen sind sehr  anstrengend

Am Beckenrand atme ich tief durch und ärgere mich, dass das Tauchen nicht so einfach ist wie bei den Südseetouristen, die sich in der Urlaubswerbung immer so agil und sorglos um Korallenriffe schlängeln. „Das ist ganz normal“, beruhigt mich Jens. „Die meisten Menschen, die zum ersten Mal tauchen, müssen sich erst daran gewöhnen.“

Es wird noch viele Versuche brauchen, bis der Druckausgleich funktioniert und ich mich sicher genug fühle, quer durchs Becken zu tauchen, immer tiefer, bis ich den Grund in drei Metern Tiefe erreicht habe.  Jetzt, wo ich mich nicht mehr nur auf die ruhige Atmung und den Druckausgleich konzentrieren muss, wirft Jens mir ein paar der Gegenstände zu, die sich auf dem Beckenboden befinden. Einen Ball, der wie in Zeitlupe auf mich zusteuert und den ich trotzdem nur schwer zu packen kriege. Auch die Motorik ist hier unten stark verlangsamt. Dass die zähen Bewegungen mich dennoch sehr anstrengen, merke ich erst, als ich wieder am Beckenrand sitze und die Taucherschuhe ausziehe.

von Ruth Korte

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