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Eine reine Konzentrationssache

Abenteuer Sport: Fechten Eine reine Konzentrationssache

Für unsere Serie „Abenteuer Sport“ hat sich OP-Volontärin Ruth Korte im Umgang mit dem Florett versucht.

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Ruth Korte im Gespräch mit Christoph Berg, der seit seinem 14. Lebensjahr ficht und den Uni-Fechtkurs leitet.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Zwei Schritte vor!“ Die Studenten heben synchron die rechte Fußspitze, setzen das Bein zweimal vor und den linken Fuß zweimal nach. Die Knie leicht gebeugt warten sie konzentriert auf den nächsten Befehl ihres Trainers. „Und Ausfall!“ Die Studenten machen einen Satz nach vorn und stechen mit dem Florett gegen ihre imaginären Gegner.

Dass Studenten das Fechten lernen, ist beinahe so alt wie die Universitäten selbst (siehe „Hintergrund“) und ist auch heute noch ein faszinierender Sport für viele. „Ich hab es schon ein paarmal im Fernsehen gesehen und wollte es unbedingt mal ausprobieren“, sagt etwa Lucia Spuckti, die jeden Mittwochabend zum Fechtkurs in die Turnhalle am Unistadion kommt.

„Den Gegner analysieren“

Christoph Berg (22) ficht seit seinem 14. Lebensjahr. Ihn fasziniert daran, „dass es so eine Konzentrationssache ist. Man muss den Gegner genau analysieren und beobachten, was er für Aktionen macht“. Seit Beginn seines Pharmazie-Studiums ficht er beim Uni-sport Marburg, wo er zusammen mit seinem Freund Daniel Stuckmann (23) interessierte Studenten trainiert.

Immerhin: Eine gewisse Grundfitness bringe ich aus dem Fitnessstudio mit. Doch das beeindruckt Christoph wenig. „Beim Fechten bringt es nicht viel, wenn man schnell und weit laufen oder Gewichte heben kann, sondern dass man schnell sieht: wo soll ich mich hinstellen, wann muss ich den nächsten Schritt machen“, erklärt er. Die Koordination ist beim Fechten also von zentraler Bedeutung. Und die beginnt bereits in der Beinarbeit.

Christoph und ich stehen auf einer Linie. Seine Füße stehen etwa eineinhalb Fußlängen voneinander entfernt. Seine Knie sind leicht gebeugt, seine rechte Fußspitze zeigt nach vorn, sein Oberarm ist leicht angewinkelt, so, als würde er eine Waffe halten. „Das ist die Grundstellung“, erklärt er. Beim Fechtschritt wird die rechte Fußspitze gehoben, das rechte Bein vor- und der linke Fuß nachgesetzt. Langsam bewegt sich Christoph vorwärts. Bei ihm, der seit acht Jahren ficht, sieht das sehr elegant aus. Ich hingegen komme mir vor wie eine Krabbe.

Kampf mit "Blumen"

Nach zwei Schritten folgt der Ausfall. Dabei wird das vordere Bein vorgesetzt, das hintere durchgestreckt. Und dann rückwärts: Zwei Schritte vor, Ausfall, zwei Schritte zurück. „Beim Gefecht kann man sich schließlich nicht einfach umdrehen und weglaufen, sondern muss sich rückwärts bewegen“ -, wenn man sich nicht verteidigt.

Gekämpft wird mit einem sogenannten „Florett“. Der Begriff kommt vom französischen Wort „Fleur“, was „Blume“ heißt und auf die Form des Spitzenschutzes, der auf der Spitze der Waffe aufgesetzt ist, anspielt. Die blumenförmige, stumpfe Spitze wird mit einer waagrechten Bewegung in Richtung Rumpf gestoßen. Kopf und Glieder gehören beim Florettfechten, anders als beispielsweise beim Degenfechten, nicht zur Trefferfläche.

Um mich zu verteidigen, kann ich auch eine sogenannte „Parade“, eine abwehrende Klingenbewegung durchführen. Danach folgt im besten Fall die „Riposte“, der Nachstoß. Beides übt Christoph mehrmals mit mir. „Ist ja leicht“, denke ich - hier, auf der Trainingsfläche, weit weg von der Fechtbahn, auf der sich die ersten Studenten bereits duellieren.

Bevor es bei mir soweit ist, werde ich noch eingepackt - die Fechtausrüstung besteht aus einer Unterziehweste (ein sogenanntes „Plastron“), einem Brustschutz, einer weißen Fechtjacke und einer Elektro-Weste, die beim Kampf die Treffer anzeigen wird.

Viel Wert auf Sportsgeist

Zum Schluss reicht Christoph mir noch einen gepolsterten Handschuh und einen Helm mit Drahtgitter und einem weißen Latz, der meinen Hals schützen soll. Ich schlucke und greife mir intuitiv an den Rachen. Bisher kam mir alles noch so ungefährlich vor.

Dann stößt Christoph mir mit seinem Florett gegen den Helm. Ich erschrecke mich so sehr, dass ich mir auf die Zunge beiße. „So fühlt es sich an, wenn du getroffen wirst. Du musst dich also gut schützen.“ Ich nicke, denn Reden darf ich, sobald ich die Maske aufsetze, nicht mehr. „Es wird viel Wert auf den sportlichen Charakter und damit auf das sportliche Verhalten der Fechter gelegt. Da der Gegner einem nicht direkt in die Augen gucken kann, wird es als unhöflich angesehen, unter der Maske zu reden“, so die Begründung. Das leuchtet mir ein.

Ich begebe mich auf Startposition. Durch das Gitternetz erkenne ich meine Gegnerin, Lucia, die auf der anderen Seite der Fechtbahn steht. Ich will ihr zuwinken - befürchte aber, dass es als unsportlich angesehen werden könnte und lass es.

Ein Signalton ertönt. Langsam nähere ich mich in den eben erlernten Fechtschritten der Mittellinie an. Als Lucia und ich nur noch etwa eineinhalb Meter voneinander entfernt stehen, geht der Kampf los. Ich versuche mich zu verteidigen, steche aber eher ins Blaue, denn durch das für mich ungewohnte Gitter erkenne ich wenig.

Gar nicht schlecht - oder?

Ich spüre, wie mich etwas trifft. Es geht alles unheimlich schnell. „Eins zu null“, ruft Daniel, der den Kampf genau beobachtet. „Für wen?“ denke ich, darf aber nicht nachfragen. Die zweite Runde beginnt. Ich versuche mich zu konzentrieren. Doch Lucia kommt mir so gefährlich nah, dass ich mehrere unkontrollierte Schritte nach hinten mache. Eleganz und Grazie sind endgültig verloren. Ich stoße das Florett mehrmals nach vorne und treffe - keine Ahnung, wo, aber ich treffe. „Zwei zu null.“ „Für mich?“ Dritte Runde. „Drei zu null.“ Diesmal bin ich mir sicher, dass ich Lucia getroffen habe. Und so steht es sehr schnell fünf zu null - der Kampf ist vorbei. Ich nehme die Maske ab. „Das war doch gar nicht so schlecht“, sage ich siegessicher - und werde ausgelacht. Ohne es zu merken habe ich - wenn überhaupt - statt Lucias Rumpf, ihren Arm getroffen.

Zu einer Parade-Riposte ist es gar nicht erst gekommen. Schade. Lucia hat gewonnen. Ich lerne: Fechten bedarf viel Körperbeherrschung, Konzentration, Schnelligkeit und einer Portion realistischer Selbsteinschätzung.

von Ruth Korte

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