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Drei Runden als Affe im Beiwagen

Abenteuer Sport: Motocross Drei Runden als Affe im Beiwagen

Man muss schon verrückt sein, um sich auf Adrian Peters Beiwagen zu stellen. Aber wer drei Runden über Schanzen und Steilkurven durchhält, weiß, warum die „Monkeys“ das mitmachen.

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Auf der Motocross-Strecke von Wolfshausen wird mittwochs, freitags und samstags trainiert. Im MSV Lahnberge sind rund 60 Fahrer aktiv, davon sind 30 Kinder. Der jüngste Fahrer ist fünf Jahre jung.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Auf Straßen darf er noch nicht Motorradfahren. Auf den Motocrossstrecken Europas ist der 16-Jährige in seiner Klasse trotzdem schon einer der Schnellsten. Adrian Peter hat sich für den Multiplayer-Modus der Einzelgänger-Sportart Motocross entschieden.
Anstatt alleine auf dem Motorrad über die Schanzen zu fliegen, fährt er eine Maschine mit Beiwagen und Beifahrer, dem sogenannten „Monkey“. Der Monkey (engl. für Affe) ist dabei nicht nur Maskottchen. „Der Beifahrer bestimmt, wo das Motorrad hinfährt. Wenn er sich nicht in die Kurven legt, kann der Fahrer lenken, wie er will. Das Ding fährt dann nicht in die Kurve“, sagt Harald Peter. Er ist der Vater von Adrian und sein Mechaniker, Manager, Chauffeur, Sponsor und Sportleiter des MSV Lahnberge. Harald Peter ist früher selber in dieser Disziplin angetreten und weiß wovon er spricht.

 

Mir wird etwas mulmig. Ich soll gleich mit Adrian mitfahren und dachte, dass die Kunst des Beifahrers vor allem darin besteht, nicht runter zu fallen. Dass ich auch lenken muss, war mir nicht bewusst. Adrian ist ein Adrenalin-Freak. Er lacht, während er erzählt, wie sich bei einem Sturz im letzten Jahr der Kupplungshebel des Motorrads in seinen Arm bohrte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das Gespann wegen mir in Schrittgeschwindigkeit in die Kurven manövriert.

Crosser springen nicht zum Spaß

Beim Motocross – egal ob mit, oder ohne Beiwagen – geht es um Geschwindigkeit. Wer der schnellste ist, entscheidet sich weniger auf den Geraden, als in den Kurven und auf den Schanzen. Die Schanzen sind also in erster Linie Hindernisse und nicht dazu gedacht, das Publikum mit Stunts zu beglücken.   Der Trick ist, so flach wie möglich über den gesamten Schanzentisch zu fliegen und erst dort zu landen, wo es wieder bergab geht. Gute Einzelfahrer, wie das Nachwuchstalent Yannick Scherbaum aus Damm, legen das Motorrad im Flug fast quer, um weniger Luftwiderstand zu generieren. Der 15-Jährige hat schon mit sechs Jahren sein erstes Motorrad gehabt und ist heute  Hessencup-Vizemeister in seiner Altersklasse. 

Sie brettern über die Piste - immer hart am Limit. Die Motocross-Sportler des MSV Lahnberge geben eine Kostprobe ihres Könnens.

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Mit dem Beiwagen geht das allerdings nicht. Wie man schnell durch die Kurve kommt erklärt Harald Peter, während sein Sohn an uns vorbei brettert: „Der blockiert gleich mit der Bremse das Hinterrad und lenkt scharf ein. Das Hinterrad rutscht dann um die Kurve, bis er wieder Gas gibt.“ Adrians Beifahrer hat sich während des Manövers aus dem Wagen ­gelehnt, damit die Fliehkräfte das Motorrad nicht aus der Kurve tragen.
„Bei richtigen Rennen“, sagt Adrian Peter, „hängen sich die Beifahrer noch viel weiter aus dem Wagen. Die Profis halten sich nur mit den Füßen fest.“ Manchmal, gibt er zu, geraten sie dadurch der Konkurrenz in die Quere.

Es gibt ein Team, aber auch eine Hierarchie

Ob es in so einem Gespann nicht auch manchmal richtig Streit gibt? „Trust your driver, respect your monkey“, zitiert Adrian ein Sprichwort aus der Szene: Vertraue deinem Fahrer, respektiere deinen Beifahrer. Es ist also kein ganz ausgewogenes Verhältnis zwischen den beiden.
Jetzt bin ich dran. Adrian zieht mir einen Brustschutz an. Aber bevor ich mich über die zusätzliche Sicherheit freuen kann, zeigt er mir die Risse im Panzer. Sie erinnern an vergangenen Unfälle. „Der schützt dich vor Steinen, die von der Strecke hochfliegen. Wenn Du drauffällst, geht er kaputt“, klärt mich Adrian auf. Helm auf, Skibrille drüber und eine Schnelleinweisung für den Beiwagen – dann gehts los.
Das Motorrad beschleunigt explosiv. Selbst aus dem Stand fährt es problemlos auf den steilen Schanzentisch hinauf. Es fühlt sich so an, als würden wir meterweit fliegen, bevor die Federung uns eine überraschend weiche Landung beschert. Schlaglöcher und Spurrillen in der Strecke, die einem Pkw die Achsen brechen würden, machen unserem Gespann keine Probleme. Adrians Vater stellt das Fahrwerk für jede Strecke speziell ein.

Die 175-Kilo-Gefahr

Kurz vor der Kurve dreht sich Adrian zu mir um. Keine Ahnung was er mir sagen will – durch den Helm verstehe ich kein Wort. Nachdem er die Maschine runter gebremst hat, wird mir klar, was war: Ich hatte mich auf der falschen Seite aus dem Wagen gelehnt. Wenn mein Fahrer nicht gebremst hätte, wäre er wahrscheinlich mit der 175-Kilo-Maschine auf mich drauf gefallen.
So geht es weiter. Mal hänge ich auf der richtigen, mal auf der falschen Seite. Mal weiß ich nicht, ob wir links oder rechts abbiegen werden, mal fühlt es sich einfach falsch an, sich in die Kurve zu lehnen, obwohl das Motorrad sowieso schon in diese Richtung zu kippen droht. Adrian könnte viel schneller fahren, aber auch im Anfängertempo merke ich schon, wie dieser Sport abgeht, wenn man es kann.
Nach der zweiten Runde sind meine Finger taub. Bei knapp zehn Grad am Griff eingefroren. Trotzdem. Eine schnelle Runde mache ich noch mit!

von Thomas Strothjohann

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