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Die Welt steht kopf - ein irres Gefühl

Abenteuer Sport Die Welt steht kopf - ein irres Gefühl

Beim Segelfliegen kann ein kleiner Fehler schwere Folgen haben. Deshalb üben die Piloten gefährliche Situationen für den Ernstfall. Fluglehrer Klaus Kahler demonstrierte das richtige Verhalten.

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Kurz vor dem Looping: Nach dem Sicherheitstraining flog Fluglehrer Klaus Kahler mit OP-Volontär Philipp Lauer (im Bild) ein paar Figuren aus dem Kunstflug.

Quelle: Philipp Lauer

Schönstadt. Die Blicke wandern aus der Kabine des Segelflugzeugs in Richtung Marburg, links die Lahnberge mit der Uniklinik, rechts das Schloss. Die Luft staut sich. Es ist eng, ich habe gerade mal einen Fingerbreit Platz zwischen Kopf und der Cockpit-Haube. Der Flieger wird spürbar langsamer, der Fahrtwind pfeift kaum noch. Plötzlich kippen wir nach schnell links weg - es wird schlagartig sehr laut. Innerhalb von Sekunden geht es gut 200 Meter steil in Richtung Erde.

 

Wir drehen uns dabei um die eigene Achse. Abwechselnd werde ich mit bis zu vierfacher Erdanziehungskraft in den Sitz gepresst oder in die Sicherheitsgurte gezogen. Diese Gefahrensituation nennt man Trudeln. Ein harmloser Name für einen so unangenehmen und unter Fliegern gefürchteten Notfall. Ein Flugzeug gerät ins Trudeln, wenn an den Tragflächen die Luftströmung abreißt, denn diese braucht es zum Fliegen.

Der einzige Grund, warum ich den Umständen entsprechend ruhig bleiben kann, sitzt hinter mir am Steuerknüppel: Klaus Kahler ist seit 1997 Segelkunstflieger und hat gut 2000 Flugstunden Erfahrung auf dem Buckel. „Ich habe es extra ein bisschen ruhiger gemacht“, sagt der Fluglehrer von der Flugsportvereinigung Schwalmstadt. Er hat die Situation gezielt herbeigeführt und das Sportsegelflugzeug des Typs Fox meinem Magen zuliebe schnell wieder unter Kontrolle gebracht.

Szenen, die man aus Filmen wie „Top Gun“kennt

Vielleicht war es etwas übermütig, ausgerechnet zum Flugsicherheitstraining das erste Mal in ein Segelflugzeug zu steigen - jetzt ist es zu spät, es sich anders zu überlegen. Das Training bereitet die jungen, aber auch die erfahrenen Piloten auf die Gefahrensituation vor.

„Hier können sie üben, wie man wieder aus dem Trudeln rauskommt. Außerdem fliegen wir immer wieder genau auf die Erde zu, so lernen die Piloten auch mit der Angst in der Extremsituation umzugehen“, erklärt Kahler und bringt den Fox erneut ins Trudeln, diesmal rechts herum und etwas heftiger. „Okay, alles gut“, rufe ich dem Piloten mit einem kleinen Rest Gelassenheit nach hinten zu. „Das kennt man sonst nur aus Filmen“, kommt zurück. „Stimmt, Top Gun und so“, fällt mir da nur ein. Mein Puls rast, ich habe Schweißperlen auf der Stirn. Mein Magen gibt mir deutlich zu verstehen: Trudeln ist ein Zustand, den man eigentlich doch lieber vermeiden sollte.

Erst beim dritten Trudelmanöver gelingt es mir, einigermaßen die Orientierung zu behalten, wo oben und unten und links und rechts ist. „Es ist wichtig sich einen Bezugspunkt zu suchen, hier in Schönstadt geht das ganz gut. Man kann sich zum Beispiel auf den Golfplatz oder das Sägewerk fokussieren“, erklärt Kahler.

Zunehmend wächst mein Respekt vor den jungen Pilotinnen und Piloten, die ich eben auf dem Flugplatz kennengelernt habe. Sie alle haben das Trudeltraining gemeistert. Zum Beispiel die beiden 16-jährigen Flugschüler Niklas Diederich und Andreas Hof. „Die Jungs und Mädels hatten das im Griff“, erzählt Kahler stolz, als wir für einen Moment ruhig geradeaus fliegen.

Diederichs Flug konnte ich noch mit festem Boden unter den Füßen und dem Kopf im Nacken beobachten. Dabei erklärte mir Andreas Hof, was sich über uns abspielt: „Normalerweise schleppt uns das Flugzeug auf 500 bis 600 Meter. Für das Flugtraining brauchen wir mehr Höhe, weil man beim Trudeln schon mal 200 bis 300 Meter Flughöhe verlieren kann. Deshalb geht es auf 1200 Meter hoch.“

Nachdem Diederichs das Flugzeug immer wieder aus der ernsten Lage stabilisiert hat, fliegen Klaus Kahler und er ein paar Figuren aus dem Kunstflug. „Es ist schön, dass wir nach dem Ernst auch noch ein bisschen Spaß haben können“, sagt Hof. Als ich dabei wohl etwas ängstlich zugeschaut habe, erklärt er mir: „Das Flugtraining ist vom Gefühl her etwa wie Achterbahn fahren.“

Nachdem wir einige Male getrudelt sind, bietet Klaus Kahler an, auch mit mir einen Looping zu fliegen. Er versichert mir, wenn ich das bisherige Programm gut überstanden habe, schaffe ich das auch. Dann geht es schon los, steil nach oben. Am höchsten Punkt angekommen, steht die Welt auf dem Kopf - ein irres Gefühl. An das wechselnde Gezerre der Erdanziehung in den Sitz und in die Gurte habe ich mich so langsam gewöhnt, als der Horizont wieder richtig herum vor mir erscheint.

Das soll er aber nicht allzu lange. Es geht erneut genauso steil nach oben. Das Flugzeug wird langsamer und langsamer, die Fluggeräusche werden immer leiser. Für einen Augenblick ist es ganz still um uns herum. Genau in dieser Sekunde fühle ich mich schwerelos. Einundzwanzig zähle ich, bei zweiundzwanzig drehen wir uns nach rechts ab und rasen wieder auf die Erde zu. Als Kahler die Fox hochzieht, ziehen die G-Kräfte mein Gesicht nach unten. „Das Manöver heißt ‚Turn‘ und ist eine der schönsten Figuren im Kunstflug. Vor allem das kurze Empfinden im schwerelosen und lautlosen Zustand“, erklärt er. „Wir könnten jetzt noch einen Looping machen“, schlägt der Pilot vor.

Noch ein Überschlag, klar. Noch einmal alles auf dem Kopf. Ich komme zu der Erkenntnis, dass meine letzte Achterbahnfahrt entweder zu lange her ist, oder ich noch nicht mit der Sorte Achterbahn gefahren bin, die Andreas Hof eben erwähnt hat.

Erstaunlich sanfte Landung mit 120 Stundenkilometern

„Jetzt können wir den restlichen Flug genießen“, deutet Kahler an, dass es jetzt wieder ruhiger wird und wir langsam in Richtung Landebahn gleiten. Bei meinem Magen ist die Beruhigung noch nicht angekommen, das etwas flaue Gefühl soll noch eine Weile anhalten.

Eine letzte Kurve, dann geht es mit 120 km/h in Richtung Landebahn. Ich mache mich auf eine harte Landung gefasst und bin überrascht, wie sanft der erfahrene Pilot den Flieger zurück auf den Boden bringt. Wir rollen aus, ich habe es geschafft.

Langsam landet auch mein Puls wieder im Normalbereich. Voller Adrenalin und Glücksgefühlen öffne ich die Haube, löse die Sicherheitsgurte, steige aus und lege den Fallschirm ab. Triumphierend möchte ich Andreas Hof die unangetastete Brechtüte zurückgeben, aber ich soll sie lieber noch eine Weile behalten: „Den meisten Leuten wird erst richtig schlecht, wenn das Adrenalin wieder weg ist.“

Übel wird mir zum Glück nicht mehr. Zum Abschluss gehen wir gemeinsam in den Turm und schauen uns die Videoaufnahmen vom Flug an. Dabei schwärmt Andreas, was ihm am Segelflug so gut gefällt: „Ich mag die Freiheit, die man da oben erlebt. Man kann fliegen, wohin man möchte.“

Das kann ich nun nur allzu gut nachvollziehen. Segelfliegen ist ein beeindruckender Sport, auch wenn ich das Erlebnis vom Trudeln nicht unbedingt noch einmal erleben möchte.

von Philipp Lauer

 
 
Hintergrund
Der Verein

Im Kurhessischen Verein für Luftfahrt Marburg kann man ab 14 Jahren mit der Ausbildung zum Segelflugschein beginnen. An Wochenenden, Feiertagen und in den Ferien treffen sich die Mitglieder, halten die Flugzeuge in Schuss, machen sie startklar und checken sie vor dem Fliegen.

Regelmäßig finden auch die Sicherheitstrainings statt. Dazu kommen dann Fluglehrer wie Klaus Kahler und üben zum Beispiel im Zweisitzer der Kunstfluggemeinschaft Hessen das richtige Verhalten in gefährlichen Situationen. Wer den Verein kennenlernen möchte, kann sich zunächst auf der Homepage www.flugplatz-marburg.de umschauen und findet dort Kontaktinformationen. Am 18. und 19. Juli lädt der Verein zum Tag der offenen Tür ein.

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