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Der virtuelle Coach hat das Sagen

Abenteuer Sport: Freeletics Der virtuelle Coach hat das Sagen

Erst hatten sie Freunde von Freunden, dann Freunde, dann ich: die ­Fitness-App „Freeletics“. Vier Millionen „free athletes“, also freie Athleten, trainieren in 140 Ländern inzwischen mit der App. Was macht den Reiz aus?

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Lisa Klein und Jan Schißler absolvieren Trainingseinheiten im Uni-Stadion.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Eine Matte, das Smartphone, der eigene Körper und jede Menge Selbstdisziplin – das ist alles, was ein „freier Athlet“ braucht. Vorbei ist die Zeit der teuren Geräte, der starren Jahres-Verträge im Fitness-Studio, der Bücher und DVDs mit Yoga oder Dehnungsübungen. Der Trend geht hin zur Fitness per Smartphone, für viele Menschen ein treuer Begleiter – der Sportler will eben frei sein. Auch ich habe nun einen „virtuellen Coach“, der mir sagt, was ich tun soll.

Die Liste der Übungen mit englischem Namen ist lang und unterteilt sich in Schwerpunkte Ausdauer, Standard und Kraft. Der Coach stellt diese Übungen in Programmen (Workouts) mit klangvollen Namen wie „Athena“, „Aphrodite“, „Kentauros“ oder „Dione“ zusammen, und seit rund acht Wochen quäle ich mich nun dreimal die Woche durch das Training. Mal brauche ich elf Minuten für ein Workout, mal 50. Während dem Training läuft die Zeit, eine Stimme zählt die Minuten und am Ende stellt sich raus, ob ich meine persönliche Bestzeit geschlagen habe.

Mit Punkten, Levels und Zeiten gegen die anderen

Bei meinem Trainingspartner Jan steht heute „Dione“ auf dem Plan, bei mir die Göttin der Schönheit und Liebe „Aphrodite“, Schwerpunkt: Ausdauer. Fünf Runden sind zu bewältigen, bestehend aus „Sprawls“ (Hockstreck­sprung), „Squats“ (Kniebeugen) und „Crunches“ (Bauchmuskeltraining). Die ersten 50 Sprawls laufen gut, ich muss nur kurze Pausen einlegen. Die nächsten 40 werden zur kleinen Qual, die folgenden 30 eine Tortur. Bevor ich die vorletzte Runde angehe, liege ich erschöpft auf der Matte, bin aber keine Minute bereit, aufzugeben.

Im Kopf teile ich mir die nächsten 20 Sprawls auf, zweimal zehn. Auch die Squats werden nun zur Tortur, die Oberschenkel brennen. Zehn Sprawls, zehn Squats, zehn Crunches, Ende. Für meine 30:59 Minuten und somit mein „personal Best“ (PB) gibt es Applaus von der App. Das Training bringt mir 500 Punkte auf mein Konto, aber für Level 12 reicht es noch nicht. Mit Punkten, Levels und Zeiten messe ich mich mit anderen Athleten auf der ganzen Welt, aber auch aus Marburg.

Das Fitness-Programm gibt das Smartphone vor. Für "Freeletics" müssen sich die Sportler lediglich eine App herunterladen. Anschließend müssen die Athleten  nur noch den eigene Schweinehund überwunden.

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Drei Jungs trainieren heute ebenfalls im Uni-Stadion, die beiden Studenten Felix Haas (22), Andre Mottner (28) und der Schüler Justus Hinder (17). Alle drei sind vor allem von den schnellen Trainingserfolgen begeistert. Andre macht seit einem Jahr Freeletics und inzwischen motiviert er sogar andere in einer Trainingsgruppe in Gießen. Auch für Felix war die App die perfekte Alternative fürs Studio. Apropos Studio: Wie es der echte Trainer tut, erklärt der virtuelle Coach in Kurzvideos ganz genau, wie die Übungen auszuführen sind, und worauf zu achten ist. Hat man in einer Muskelpartie Schmerzen, ermöglicht es die App, diese in der nächsten Woche auszusparen.

Sportler müssen ehrlich zu sich sein

Professor Ralph Beneke (Privatfoto), Leiter der Abteilung Medizin, Training und Gesundheit des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie der Uni Marburg hält das Training mit der App an sich für eine gute Sache. Er rät aber dazu, bei der Auswahl der App darauf zu achten, dass die Übungen von kompetentem Personal vorgeführt und kommentiert werden. „Gute Apps lassen den Sportler nicht im Regen stehen, sondern geben ihm mit einer Videoanimation und einer genauen Dokumentation eine technische Stütze an die Hand.“

Im Kleingedruckten stehe auch klipp und klar, dass die Apps für gesunde Menschen gedacht seien. Fehler blieben, wenn man alleine trainiert, immer unentdeckt, das liege in der Natur der Sache. „Die App erkennt nicht, wenn etwas schief läuft. Das heißt, der Sportler muss ehrlich zu sich sein und aufhören, wenn es ihm nicht gut tut. Solange er sich aber fit fühlt und keine Beschwerden entwickelt, spricht nichts gegen diese Art des Trainings.“

Auch Übergewichtige könnten auf diese Art trainieren, sagt Beneke, sofern sie ihr eigenes Gewicht „stemmen“ können. Für mich steht beim freien Training vor allem eines im Vordergrund: meine Willenskraft zu trainieren, um in den entscheidenden Momenten nicht aufzugeben, sondern um die letzten zehn Sprawls, die letzten fünf Crunches oder die letzten drei Squats zu schaffen. Und um mich beim nächsten Mal wieder dem virtuellen Coach zu stellen.

von Lisa-Martina Klein

Hintergrund
  • 2012 entwickelten drei Münchner Studenten die Fitness-App Freeletics, die kostenlos mit eingeschränkten Funktionen verwendet oder für drei, sechs oder zwölf Monate abonniert werden kann. Zum Vergleich: Für einen Monat Fitness-Studio kann man etwa drei Monate mit Freeletics trainieren.

Weitere Apps, die Fitness per Smartphone ­versprechen:

  • „Runtastic“ (kostenlos und als kostenpflichtige Pro-Version erhältlich) und
  • „Endomondo“ (kostenlos) sind vor allem bei Läufern ­beliebt, verfolgen sie doch per GPS die gelaufenen oder geradelten Routen und zeichnen Trainingsfortschritte auf.
  • Mit „MyFitnessPal“ (kosten­los) können zusätzlich zum Training auch die Essgewohnheiten dank Kalorienzähler überwacht werden.
  • „Seven“ (kostenlos) verlangt nur sieben Minuten Training am Tag. Lässt man das dreimal im Monat ausfallen, beginnt man wieder von vorn.
 
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