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Auf den Hocker, fertig, los!

Serie: Abenteuer Sport Auf den Hocker, fertig, los!

"Was willst Du mit der großen Nähspule?" - eine Frage, die Johannes Huth bereits zu hören bekam. Was die meisten nicht ahnen: die vermeintliche Nähspule ist ein Sportgerät.

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Ein neuer Nischensport: Hockern.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Alles begann in einer Kieler Studenten-WG. Damals, im Jahr 2001, saßen drei Jungs zusammen und begannen aus einer Laune heraus damit, sich möglichst kunstvoll und trickreich auf einen Hocker zu setzen. Kurze Zeit darauf gründete sich der erste offizielle Hocker-Verein: die Kieler Hockstars. Seit diesen Anfangstagen verbreitet sich der Sport langsam, aber kontinuierlich von Schleswig-Holstein über den gesamten Globus.

 

Marburg ist eine kleine Hocker-Hochburg

Zu sagen, Hockern sei eine Randsportart, ist dabei fast noch übertrieben. Die Szene ist äußerst überschaubar: Die Zahl der Aktiven bewegt sich deutschlandweit im dreistelligen Bereich. Nationale Wettkämpfe haben den Charakter von Familienfesten, bei denen sich die Sitzmöbel-Akrobaten ihre neusten Tricks vorführen und sich dabei selbst feiern.

Marburg ist mit etwa 15 Sportlern eine wahre Hochburg. Verantwortlich dafür ist Johannes Huth. Der 25-Jährige Pädagogik-Student betreibt den außergewöhnlichen Sport seit etwa vier Jahren und wurde durch eine Freundin darauf aufmerksam. Nach dem Besuch des Hock-Hart-Camps in Berlin - einer Veranstaltung für alle Interessierten - etablierte Huth das Hockern als Kurs im Rahmen des Marburger Uni-Sports.

Fasziniert zeigt sich der 25-Jährige von der Vielseitigkeit des Trendsports: „Das Besondere liegt in der Kombination vieler verschiedener Elemente aus unterschiedlichsten Sportarten“. Dabei zeige sich relativ schnell, welche sportliche Vorbildung ein Anfänger habe. „Skateboarder balancieren auf dem Hocker, Breakdancer machen darauf Figuren und Fußballer benutzen eher ihre Füße“, erklärt Huth und zeigt einige Standards für Anfänger auf seinem speziell angefertigten Sport-Hocker. Schnell wird deutlich: dieser Sport beansprucht den gesamten Körper.

Huth stützt sich mit den Händen auf dem Hocker ab - seine Beine hält er dabei parallel zum Boden. Er hält die Position durch pure Muskelkraft. Anschließend stößt er sich nach oben ab, wirbelt das Sitzmöbel durch die Luft und fängt es, einklemmt zwischen Fuß und Handfläche.

Huth dreht den Hocker erneut in der Luft und passt den Moment ab, in dem das Sportgerät zu Boden fällt, um genau dann auf ihm sitzen zu bleiben. Ein Maßstab für Anfänger sind die Bewegungen von Huth sicherlich nicht.

Dennoch können auch Un ge- übte schnell erste Erfolge erzielen, berichtet Huth. „Einsteigertricks gelingen meist schon nach wenigen Übungsminuten“, sagt der 25-Jährige. „Ich mag, dass das Hockern noch nicht komplett ist. Jeder kann sich selbst einbringen, ausprobieren und neue Bewegungen kreieren“, sagt Maria Schmidt, die den Sport seit etwa einem Jahr betreibt. Für die 22-Jährige liegt der Reiz in der Gemeinschaft: „Es macht einfach Spaß sich bei den anderen Tricks abzuschauen und gemeinsam kleine Erfolge zu feiern.“

Internetvideos machen die Sportart bekannt

Für Miriam Grasshoff ist es „einfach nur genial“ eine Freizeitaktivität gefunden zu haben, die sie ohne besondere Vorkenntnisse zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn Quirim unternehmen kann. Auf das Hockern aufmerksam wurden Mutter und Sohn durch Videos, die im Internet eingestellt wurden.

Schließlich führte ein Zufall dazu, dass sich die Wege von Johannes Huth und den Grass-hoffs kreuzten: „Wir haben Johannes an der Lahn üben gesehen - Quirim hat ihn sofort als Hockerer aus einem Video erkannt“, sagt Miriam Grasshoff. Mittlerweile sind die drei gute Freunde und sehen sich regelmäßig mitwochabends um 20 Uhr im Uni-Stadion zum Training.

Während Huth weitere Übungen vorführt, schaut der 22-Jährige Maximilian Krug noch zu. An diesem Tag sieht er das Hockern zum ersten Mal: „Der Sport ist durchaus

interessant - sehr ästhetisch. Ich finde es gut, dass man dafür keine Anleitung braucht und auch kein Spielfeld nötig ist. Auf jeden Fall ist es eine spannende Alternative zu den Sportarten, die sowieso jeder kennt“, sagt der Germanistikstudent. Ob Hockern die Chance besitzt, ein Sport für die

breite Öffentlichkeit zu werden, ist fraglich. Sicher ist hingegen, dass Johannes Huth der sanduhrförmigen Sitzgelegenheit treu bleiben wird. Vielleicht sogar in seinem späteren Berufsfeld. „Bei den Jugendfreizeiten, die ich betreue, ist das Hockern ein Renner. Die Kids sind davon total begeistert“, sagt der angehende Pädagoge. Bei Huth dürfen die Kinder dann in Zukunft auch ruhig mal sitzen bleiben - auf dem Hocker.

von Dennis Siepmann

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