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Angriff ist die beste Verteidigung

Abenteuer Sport Angriff ist die beste Verteidigung

Berührungsängste sind bei diesem Sport fehl am Platz. Aber ist Krav Maga überhaupt Sport, geht es nicht um pure Selbstverteidigung? Nach zweieinhalb Stunden Training an einem Samstagabend ­sage ich: Das ist harte Arbeit für Körper und Geist.

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Unsere Redakteurin Anna Ntemiris versuchte sich für unsere Serie "Abenteuer Sport" in der israelischen Kampfsportart Krav Maga.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Links, rechts. Links rechts. Ein Haken folgt dem Nächsten. Schattenboxen ist ein Teil der Krav-Maga-Technik. Von Krav Maga hatte ich nie zuvor etwas gehört. Es soll mehr Selbstverteidigung als Kampfsport sein. Einzige Voraussetzung für die Teilnahme an einem Einführungsseminar bei Trainer Michael Klein aus Wallau: nicht vorbestraft und gesund zu sein. Das trifft auf mich zu. Die Teilnehmer erlernen Techniken, um sich in Stress-Situationen wehren zu können, verspricht Michael Klein im Vorgespräch. Stresserprobt bin ich, denke ich mir und werde eines Besseren belehrt.

Harmlos ist noch das Aufwärmtraining: auf der Stelle Laufen, Springen, Kicken. Dann geht es los. Wir müssen unseren mitgebrachten Mundschutz aufsetzen – „sicher ist sicher“. Krav Maga bedeutet Kontaktkampf auf Hebräisch. Die Methode stammt aus Israel und wird auch in Deutschland von Polizisten oder Personenschützern angewandt, erklärt Michael Klein, der Kickboxen als Leistungssport betrieben hat und sich hauptberuflich als Beamter um Sicherheit kümmert.

Krav Maga ist ein schlagendes System, sagt Michael Klein und boxt in die Luft. Diesen Satz hören wir Teilnehmer, darunter Mitarbeiter der Justiz und Polizei, noch häufig an diesem Abend. Links rechts, links rechts. Wir schlagen uns nicht wirklich. Wir üben, uns zu wehren. Die Angriffe sind nur angedeutet. Schlag für Schlag. Wir boxen zum Beispiel gegen Schlagpolster – Pratzen –, die jeweils ein anderer Kursteilnehmer hält oder gegen Boxhandschuhe, die einige tragen. Meine Arme sind es nicht gewohnt, ständig in Bewegung zu sein. Bei Michael sieht alles so einfach aus. Und seine Hände sind doppelt so groß wie meine, wie soll ich mit meinen einen Riesen festhalten können?, frage ich mich.

Raus aus dem Würgegriff

Mir fallen Krav und Maga schwer: Der Kontakt und Kampf. Denn es kostet mich etwas Überwindung, fremde Menschen anzufassen – und das auch noch ganz fest. Man darf bei Krav Maga keine Scheu vor Körpernähe haben, sagt der Trainer. Er zeigt uns im Laufe des Abends, wie wir uns aus einem Würgegriff befreien könnten. Und wie wir einen möglichen Kirmesschläger oder Hooligan los werden könnten. Mit der linken Hand halten wir den Gegner am Nacken fest, mit der rechten schlagen wir mit der Faust oder der Handinnenfläche ins Gesicht – oder bei Männern gleich auf ihre schmerzlichste Körperzone. Das leuchtet ein, aber wie war das noch mal mit links und rechts? Die Konzentration lässt nach. Und es wird anstrengend.

Der Schwitzkasten. Während mich Michael packt, fasse ich mit der linken Hand zwischen seinem Arm und meinen Hals, mit der rechten Handinnenfläche soll ich zuschlagen. Ziel ist, eine Konfrontation unbeschadet zu überstehen. Es geht nicht um Kampf, wird mir bewusst. Vielmehr um Bewegung, Deckung, Flucht.

Eine andere Szene, die wir üben: Ich liege mit dem Rücken auf dem Boden. Der vermeintliche Angreifer will sich auf mich werfen. Ich soll zunächst gegen ihn treten, einmal mit links, einmal mit rechts, am besten zwischen seine Beine. Und dann ganz schnell aufstehen und wegrennen. „Wenn jemand sagt, das hat nichts mit Sport zu tun, irrt er einfach. Kraft und Ausdauer sind wichtig“, sagt der Trainer. Ja, ich brauche dreimal so lange wie er, bis ich von der Rückenlage wieder auf den Beinen stehe. Deshalb muss ich wiederholen. Auf dem Boden liegen, gegen die Pratze – die wieder ein Teilnehmer hält – treten, aufstehen und wegrennen oder links rechts, links rechts boxen. Ein schlagendes System.

Während ich die Schläge spüre, versuche ich gleichzeitig, mir das System zu merken. Oder mit System zu schlagen. Ich komme mir eher so vor, als ob ich fuchtele statt zu boxen. Es ist schon 22 Uhr, wir sollen alle gemeinsam einen Kreis bilden. Nein wir fassen uns nicht an den Händen, um uns zu verabschieden. Ein freiwilliges „Opfer“ kommt in die Mitte und wird nach und nach von jedem einmal geschubst. Es soll mit jedem Angreifer „kämpfen“, das heißt gegen die Pratze oder die Boxhandschuhe des Gegners schlagen, ob mit der Faust, dem Ellenbogen oder der Handinnenfläche. Wer will, darf auch treten. Alle Schlag-, Griff- und Tritttechniken dürfen jetzt angewandt werden. Ich traue mich nicht in den Kreis, nicht weil ich Angst vor möglichen Schmerzen habe, sondern weil ich denke, das sieht bei mir ganz schlimm aus – vom Mundschutz angefangen bis hin zum Fuchteln. Michael Klein ist – ein Glück – milde, es wird keiner gezwungen. Es ist kein Wettbewerb, es geht nicht ums Kräftemessen, nicht um den Vergleich, sondern nur um die Technik, erklärt der Trainer einmal mehr an diesem Abend.

23 Uhr, das Seminar – es fand im Physicum statt – ist zu Ende. Ich fühl mich gut, aber ich kann noch lange nicht abschalten. Auch am nächsten Tag beschäftigen mich die Techniken, ich versuche sie mir zu merken. Wenigstens habe ich keinen Muskelkater. Vielleicht kommt der beim nächsten Mal, denn ich möchte noch weiter üben. Die Technik ist wirkungsvoll, die Übungen orientieren sich an realistischen Szenarien und der Spaß an der Bewegung verdrängt die Berührungsängste.

von Anna Ntemiris

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