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Ein halbes Jahrhundert Richtsberg

Serienauftakt Ein halbes Jahrhundert Richtsberg

Im Jahr 1963 verkaufte das hessische Forstamt das Waldgebiet oberhalb der psychiatrischen Klinik an die Stadt. Die Grundlage für die Entstehung des größten Marburger Stadtteils war geschaffen.

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Als der Richtsberg noch "Schlammhausen" hieß

Der 14. Oktober 1864, der Tag an dem Ludwig Hillberg aus Ockershausen wegen eines auf dem Dammelsberg verübten Mordes an einer schwangeren Frau durch die Scheppe Gewissegasse hinauf zur Richtstätte Rabenstein geführt wurde,  sollte als der Tag der letzten öffentlichen Hinrichtung in die Marburger Stadtgeschichte eingehen. Seit dem 16. Jahrhundert war der Platz im heutigen Hansenhausviertel für den Vollzug der Todesstrafe genutzt worden. 149 Jahre später, im Jahr 2013, erinnern nur ein erhöhter, von einem Säulengeländer umgebener Platz, eine kleine Gedenktafel und Straßennamen wie „Gerichtsweg“ oder eben „Scheppe Gewissegasse“ in nächster Umgebung an diese Gerichtsstätte. Und ein Stadtteil namens Richtsberg, der angeblich nach dieser Gerichtsstätte benannt und auf demselben Berg, auf dem die Hinrichtungen statt fanden, erbaut sein soll. Ein Marburger Volksmärchen, dessen Richtigkeit keineswegs erwiesen ist.  Wahrscheinlicher ist, wie der  Historiker und Leiter des Stadtarchivs Dr. Ulrich Hussong vermutet, dass, wie es damals üblich war, die gesamte Erhebung im Südosten der Marburger Kernstadt „Gerichtsberg“ genannt wurde, so wie es auch nur „den Lahnberg“ gab.

Genauer Gründungszeitpunkt ist nicht bekannt

Doch gehörte das Gebiet, in dem heute über 9000 Menschen und damit 12 Prozent der Marburger Bevölkerung ihr Zuhause gefunden haben, historisch gesehen gar nicht zu Marburg. Erst als der damalige Oberbürgermeister Georg Gaßmann als Gegenmaßnahme zu der akuten Wohnungsnot im Marburg der Nachkriegsjahre, im Jahr 1963 den Leiter des Hessischen Forstamts in einem Brief um die Überlassung des staatlichen Waldgebietes oberhalb der Psychiatrischen Klinik bat, ging der Bereich des heutigen Richtsbergs in den Besitz der Stadt Marburg über.

Und so kann der Stadtteil dieser Tage seinen 50. Geburtstag feiern. Wie die historische Nutzung des Richtsbergs, so liegt auch der genaue Gründungszeitpunkt des Stadtteils im Ungewissen. Zwar ist bekannt, dass die Planungen bereits 1959 in Angriff genommen wurden, dass die Stadtverordnetenversammlung am 27. September 1963 den Bebauungsplan für den so genannten Mittleren Richtsberg rund um die Berliner Straße beschloss und dass im Februar 1964 der erste Spatenstich in der Berliner Straße erfolgte, doch startete die Bebauung des so genannten Unteren Richtsbergs rund um die Friedrich-Ebert-Straße wesentlich früher. Als Karl Schnabel, unter anderem in den 60er Jahren

Mitglied des Stadtparlaments, später des hessischen Landtags, 1960 in der Friedrich-Ebert-Straße ein Haus baute, in das er im Dezember 1961 mit seiner Familie einzog, sei er, wie er sagt, einer der letzten dort unten gewesen. Fakt ist aber, dass sich im Jahr 2013 aus dem als Trabantenstadt gebauten Neubaugebiet ein lebendiger, vielfältiger und bunter Stadtteil entwickelt hat.

In den kommenden Wochen lesen Sie Berichte über die Entstehung und Entwicklung des Stadtteils. Wir skizzieren die politischen Rahmenbedingungen, die Vielfalt der Vereinslandschaft und natürlich die Lebenswelten der Bewohner.

Was geschah wann?

  • 1933: Marburg hat rund 28000 Einwohner
  • 1944: in Marburg leben etwa 40000 Menschen, unter ihnen mehr als 10000 Flüchtlinge
  • 1946: Georg Gaßmann (SPD) wird noch aus der Kriegsgefangenschaft heraus zum Bürgermeister unter Obermeisterbürgermeister Karl-Theodor Bleek gewählt. Im Januar 1947 kann er sein Amt antreten.
  • 1951: Gaßmann wird zum Oberbürgermeister der Stadt Marburg gewählt
  • 1953:  42547 Einwohner, davon 6991 Heimatvertriebene. Es stehen nur 26919 bewohnbare Räume zur Verfügung
  • 1959:   Beim Wohnungsamt sind über 3000 Wohnungssuchende gemeldet (darunter 1687 dringende Fälle
  • 1959:  Der Bau von Wohnungen innerhalb der Stadtgrenzen (Kernstadt, Ockershausen, Ortenberg, Hansenhausviertel) erreicht seine Grenzen. Man beginnt über einen ganzen Stadtteil nachzudenken, der auf einen Schlag alle Wohnugsprobleme lösen soll)
  • 1959: Die Barackensiedlung am Krekel wird aufgelöst
  • 1959: Die ersten Menschen bauen in der Friedrich-Ebert-Straße ihre Häuser
  • Mai 1962: Aktionsgemeinschaft Marburger Stadtbild gegründet
  • 1963: - Das Land Hessen überlässt der Stadt Marburg das Waldgebiet im Südosten der Stadt
  • 27.9.1963: Die Stadtverordnetenversammlung beschließt den Bebauungsplan 12 A+B (Mitte) für das Richtsberggebiet
  • Februar 1964: Die Bebauung beginnt
  • Dezember 1964: 3324 Wohnungssuchende (davon 2330 dringende Fälle): Damit hat Marburg mit 25,2% das größte Wohnungsdefizit Deutschlands
  • November 1965: Verabschiedung des Bebauungsplans 12, Abschnitt C+D (Oberer Richtsberg und Badestube)
  • 1966: Auf Einladung des Bürgermeisters besichtigen 240 ältere Marburger das Neubaugebiet
  • 1968 : der erste Bauabschnitt der Richtsberg-Grundschule wird fertig gestellt
  • 2.7.1970: Dr. Hanno Drechsler (SPD) übernimmt das Amt des OB
  • August 1970: der 2. Bauabschnitt der Richtsberg-Grundschule wird termingerecht zu Beginn des Schuljahrs bezogen
  • 1971: Die Kindergärten im Damaschkeweg und in der Erfurter Straße werden eigenweiht
  • 1972:  Am Richtsberg wird das erste Wohnhaus für Studentenehepaare fertiggestellt
  • 1972: Grundsteinlegung für das ökumenische Zentrum
  • 1973: Sozial engagierte Bürger gründen im Gebiet Friedrich-Ebert-Straße/ Damaschkeweg eine Bürgerinitiative. Sie wird in den kommenden 40 Jahren wertvolle Arbeit leisten und sich als BSF zu einer wertvollen Institution für den Stadtteil entwickeln.
  • 1972: Spatenstisch für die Gebäude der weiterführenden Klassen der Richtsberg-Schule
  • 1975: Das Altenzentrum in der Sudetenstraße wird eingweiht
  • 1978: Einweihung des Jugend- und Sozialzentrums am Damaschkeweg
  • 1985: Jugendzetrum am Richtsberg fertig gestellt
  • 1987: Beginn einer Reihe von Maßnahmen zu Wohnumfeldverbesserung im Stadtteil Richtsberg
  • 1993 : Dietrich Möller (CDU) übernimmt das Amt des Oberbürgermeisters
  • 1996: Der Verein Internationaler Bund gründet sich. 1999 bekommt er einen festen Standort auf dem Richtsberg. Er kümmert sich um die Intergration von Aussiedlerjungendlichen
  • 1999:  Verein Lebenswerter Stadtteil gründet sich Förderungsbeginn des Richtsbergs über das Bund-Länder-Programm Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Die Soziale Stadt“ à daraus entwickeln sich eine Reihe von Aktionen und Initiativen u.a. Kultur & Kulturen, das Netzwerk Richtsberg und die Stadtteilzeitung „Richtsberg aktiv“ oder interkulturellen Gärten entstanden
  • 2003: Gründung der Netzwerk Richtsberg à Anmietung von Räumen, die vier Vereine gemeinsam nutzen:  der Islamische Kulturverein Marburg HADARA, das Deutsch-Osteuropäische Integrationszentrum DOIZ, der Teen-Club des Christustreffs und der 1. Boxclub Marburg
  • 2005: Egon Vaupel (SPD) übernimmt das Amt des Oberbürgermeisters à Gründung des Ortsbeirats
  • 2012 : die BSF gründet die Initiative „Helfende Hände“

von Christina Gerstenmaier

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