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Die erste Zeit war "wirklich bitter"

Serie 50 Jahre Richtsberg Die erste Zeit war "wirklich bitter"

Es ist das Jahr 1966, als viele Familien an den Richtsberg ziehen. Hier die Berichte zweier Familien, welche die Anfangszeit miterlebten.

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Die neue Umgebung war für die Kinder ein großer Abenteuerspielplatz.

Quelle: Hessische Heimstätte

Marburg. „Als wir an den Richtsberg zogen, war alles erst im Kommen und so unfertig, dass die erste Zeit wirklich bitter war“, erzählen Helga und Walter Bernsdorff. Auch sie waren eine jener Familien, die, bis dahin in sehr beengten Verhältnissen im sogenannten Professorenbunker am Wilhelmsplatz lebend, auf der Liste des Amtes als dringend wohnungssuchend standen. 1966 wurde der neun-köpfigen Familie ein Baugrundstück im Weimarer Weg am Mittleren Richtsberg zugewiesen. Innerhalb kürzester Zeit entstand dort in Form eines Fertighauses ein neues Heim für das junge Ehepaar mit seinen sieben Kindern.

„Das Fundament wurde gemauert und dann setzte der Kran das Haus einfach oben drauf“, erinnert sich Walter Bernsdorff. Hatte die Hessische Heimstätte als Bauleitung am Mittleren und Oberen Richtsberg - anders als in der Friedrich-Ebert-Straße - zwar für Straße, fließend warmes Wasser und Strom von Beginn an gesorgt, gab es darüberhinaus wenig an Infrastruktur in diesem neuen Wohnviertel, denn es war zunächst als reine Schlafstadt konzipiert (siehe Teil 5, erschienen am 14. September).

Zu Beginn gab es keine Läden in näherer Umgebung, keine Busse, die in die Nähe des Weimarer Wegs, geschweige denn an den Oberen Richtsberg gefahren wären, keine Schule und keinen Kindergarten. Die Kinder fuhren von der Berliner Straße aus zu den Schulen im Zentrum.

Etwa Mitte der 70er Jahre, so weiß das Ehepaar Bernsdorff zu berichten, war alles fertig. Es gab ein kleines Kaufhaus am oberen Richtsberg und einen kleinen Gemischtwarenladen in der Berliner Straße, die Busse fuhren, 1970 war die Grundschule fertiggestellt, 1971 die Kindergärten im Damaschkeweg und in der Erfurter Straße eingeweiht worden.

Die Busse fuhren bis nach oben, und auch für eine geistliche Vertretung war durch Pfarrer Ernst Schmidt gesorgt, dem 1970 eine Pfarrstelle am Oberen Richtsberg zugewiesen wurde. Schon 1968 war die sogenannte Richtsberg-Kapelle, die spätere Emmanuskirche, in der Leipziger Straße eingeweiht worden. Und 1973 gründete sich im Damaschkeweg als erste Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche die Bürgerinitiative für soziale Fragen (BSF).

„Es war ganz langsam erst so, dass man sagen konnte, jetzt wohnen wir hier“, erzählt Helga Bernsdorff, welche die Anfangszeit am Richtsberg alleine mit den sieben Kindern, während ihr Mann seiner Arbeit als Oberstudienrat am Institut für Sportwissenschaft und Motologie nachging, als besonders hart empfand. „Aber im Nachhinein war es natürlich richtig, dass wir den Mut hatten. Und vor allem die Kinder fanden es richtig gut hier, für sie, die vorher sehr beengt hatten leben müssen, war die Umgebung ein großer Abenteuerspielplatz“, erzählt die 84-Jährige.

Bandenkriege zwischen Punkern und Poppern

Die Sache mit dem Abenteuerspielplatz kann Harald Schmidt (Foto) nur bestätigen. Sein Leben lang wohnt der 47-Jährige schon am Richtsberg. Im Jahr 1966, dem Jahr als Schmidt als sechstes von acht Kindern das Licht der Welt erblickt und als neugeborenes Baby aus dem Krankenhaus direkt auf den Richtsberg zieht, waren seine Eltern die zweiten Mieter überhaupt, die in der Berliner Straße eine Wohnung bezogen. Er und seine Frau Ute, die in der Friedrich-Ebert-Straße aufwuchs, wohnen gerne am Richtsberg. Und das schon immer. Sie erzählen von den vielen Kindern, die immer auf der Straße Fußball spielten, und Turnieren, bei denen die Kinder aus der Leipziger Straße gegen die Badestube antraten.

Erzählen von Mutproben, das ehemalige Psychiatriegelände, das unterhalb der Leipziger Straße im Wald lag, zu betreten, und davon, dass es bei ihnen auch nie zur Diskussion stand, in den Kindergarten zu gehen. „Meine Eltern arbeiteten beide, mein Vater als Kohlelieferant, meine Mutter als Reinigungskraft, sodass meine älteren Geschwister auf mich aufpassten.“

Obwohl sie als Kinder glücklich waren, es genossen, nach der Schule immer draußen bleiben und beispielsweise durch den Wald streifen zu können, berichtet das Ehepaar Schmidt von Spannungen auf dem Richtsberg.

Sie erzählen von kleinen Bandenkriegen zwischen Punkern, Poppern, der „Eduscho-Bande“ und den Rauschern, Banden, die sich unter den Jugendlichen gebildet hatten. Dazu sei die Sicht von außen gekommen. „Wenn du hier gewohnt hast, warst du asozial“, erinnert sich Ute Schmidt. „Als wir Kinder waren, war der Richtsberg verrufen. Ich fand das immer doof, mit bestimmten Leuten über einen Kamm geschoren zu werden, nur weil die Eltern Arbeiter waren und man deshalb hier wohnte.“

Beide Ehepaare loben jedoch den besonderen Zusammenhalt, der am Richtsberg seit jeher herrscht. Die besondere Nachbarschaft und auch, dass viele Freundschaften bis heute Bestand haben.

Schon gewusst?

Anders als am Oberen und Mittleren Richtsberg, wo die sanitäre Infrastruktur von Anfang an bereit gestellt worden war, gab es in „Schlammhausen“, dem Unteren Richtsberg, sehr lange keine Zentralheizung. Noch bis vor etwa zehn Jahren gab es mit Holz beheizte Öfen in den Wohnungen, für welche die Ärmeren in Wald sammeln gingen, die Reicheren sich Holzbriketts liefern ließen. 

von Kristina Gerstenmaier

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