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Die Außen- und die Innensicht

Richtsberg Die Außen- und die Innensicht

Jeder Marburger hat Bilder des Richtsbergs im Kopf. Die Menschen, die dort wohnen sehen ihren Stadtteil anders als die übrige Marburger Bevölkerung - hier kommen beide Seiten schonungslos zu Wort.

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Der Richtsberg vom Landgrafenschloss aus gesehen. Die Silhouette der Hochhäuser hebt sich deutlich ab von dem waldreichen Gebiet oberhalb der Weintrautstraße und den Bürgerhäusern des Südviertels (unten).

Quelle: Kristina Gerstenmaier

Marburg. Er will so gar nicht zum restlichen Marburg passen. Der verwunschenen, fachwerkverzierten Oberstadt, dem im Jugendstil glänzenden Südviertel, den eingemeindeten Stadtteilen mit Dorfcharakter. Der eckige, kantige, rein funktional gebaute Richtsberg mit seinen Häusern ohne Schnörkel und bis zur Stadterneuerung in den 80er Jahren auch ohne jede Schönheit. Für viele Marburger ist er wie eine andere Welt.

Wenn man den gängigen Klischees folgt, ist er ein Stadtteil voller Hochhäuser und kargen, grauen Weiten. Voller Faulenzer und Sozialschmarotzer, die nicht arbeiten wollen. Voller Kriminalität, Vermüllung, sozialen Spannungen und häuslicher Gewalt. Vielleicht ist es die Gegensätzlichkeit zwischen dem Schloss, wie es auf dem einen Berg thront und den kantigen Blockbauten auf dem anderen Berg die, die Vorstellung eines Problemviertels, eines sozialen Brennpunkts und in vielen Köpfen eines Ghettos prägt.

Noch immer ist „Am Richtsberg“ oder die Sudetenstraße keine gute Adresse, eine über die der eine oder andere Arbeitgeber die Stirn runzelt. Denn dass dort viele Menschen leben, die ihre oft sehr ereignisreichen aber auch von Schicksalen überschattete Lebensgeschichten mit in den Stadtteil getragen haben, dass der Richtsberg durch jahrzehntelange städttebauliche Bemühungen inzwischen auch wirklich schöne Ecken hat und von einem hohen Anteil an Privathäusern durchsetzt ist und dass es viele engagierte Initiativen für Menschen aller Altersgruppen gibt, all das sieht man erst später. Erst dann, wenn man es gewagt hat in den Stadtteil einzutauchen, um ihn „von innen“ zu betrachten.

Die OP wollte wissen, welches Bild des Richtsbergs unter alteingesessenen Marburgern kursiert und hat Menschen in der Oberstadt befragt, was ihnen zu dem Stadtteil einfällt. Es ist interessant zu sehen, dass es eine Art Außen- und Innensicht gibt. Die Sichtweisen von Menschen, die wenig mit dem Richtsberg zu tun haben unterscheiden sich stark von denen der Menschen, die ihn wirklich kennen oder selbst dort leben.

STIMMEN ZUM RICHTSBERG

 „Der Richtsberg ist eine Stadtteilgemeinde der Stadt Marburg. Er liegt am Berg und hat eine sehr gute Busverbindung. Die Klinik ist in unmittelbarer Nähe.“ (69 Jahre alter Mann) 

„Man hört schon mal, dass da viele Ausländer wohnen und dass da ein sozialer Brennpunkt ist. Der Richtsberg kommt mir vor wie eine Mondlandschaft. Ich glaube, dass das da von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Dieses Problemviertel passt nicht zu Marburg,“ (88-jährige Frau aus Ockershausen) 

„Da gibt es so ein paar Hochhäuser und sehr viele Supermärkte, die es woanders nicht gibt. Es ist natürlich kein guter Name, und als Wohngegend nicht so beliebt, wenn der Verdacht entsteht, dass da mal Hinrichtungen stattgefunden haben. Aber das Gemeindezentrum soll gut sein.“ (80-jährige Marburgerin).

 „Ich würde den Richtsberg nicht als Problemviertel sehen. Es gibt einige Wohnungen für finanziell schwächere, aber im Vergleich zu anderen Städten ist der Richtsberg weniger belastet. Außerdem hat sich viel getan in Bezug auf Wohnlichkeit und Infrastruktur.“ (Achim Giede, 58, Kernstadt)

„Also, der Richtsberg ist doch wirklich ein sozialer Brennpunkt. Jetzt erst wieder der Mord da oben. Da passiert doch dauernd irgendwas.“ (49-jähriger Mann aus Marbach)

„Ich verbinde mit dem Richtsberg nichts Gutes. Da passiert oft und viel etwas. Der Richtsberg ist verrufen und verkommen.“ (75-Jähriger aus dem Damaschkeweg, der damit den Oberen Richtsberg meint)

STIMMEN VOM RICHTSBERG

„Wenn man Richtsberg sagt, dann ist das wie ein Kennwort für einen Sozialen Brennpunkt. Das ist unzutreffend. Hier wohnen 9000 Menschen und es gibt ganz verschiedene Wohngebiete. Es gibt wirklich soziale Brennpunkte in einzelnen Straßen und es gibt gleichzeitig viele Eigenheime mit großen Gärten.“ (Helga Bernsdorff, die 1966 mit ihrer Familie in ein neu gebautes Haus am Mittleren Richtsberg zog.)

Ich wohne wirklich gerne hier: Es ist ein Wohnen im Grünen, aber durch die Hochhäuser leicht gewöhnungsbedürftig. Es ist ruhig und es gibt gute Einkaufsmöglichkeiten und Busverbindungen.“ (Berhard Harmel, 56 Jahre, lebt seit 1981 auf dem Richtsberg, aktuell am Oberen)

„Ich habe mich da oben eigentlich sauwohl gefühlt. Tolle Nachbarn, gute Einkaufsmöglichkeiten. Ich habe natürlich mitgekriegt, dass es viele Vorurteile gibt. Das ist schade, so kann man nicht wirklich etwas verbessern. (Karin Rinkamp, 61 Jahre, aus Roßdorf, die früher einmal drei Jahre auf dem Richtsberg wohnte.) 

 „Alle Vorurteile gegenüber dem Richtsberg sind überzogen. Die Leute hier sind so aktiv und engagiert. Oft ist es so, dass die Leute hoch qualifizierte Ausbildungen haben, die in Deutschland aber nicht anerkannt werden. Trotzdem arbeiten sie, meistens in komplett unterqualifizierten Jobs. Sie sind sehr fleißig und verdienen nicht den Titel Faulenzer. Oft geben sie ihren Familien noch was ab und haben sehr wenig Geld. Ich schätze die Menschen, deren Biografien oft sehr spannend sind. Sie verdienen mehr Respekt. (Erika Lotz-Halilovic, Ortsvorsteherin des Richtsbergs)

von Kristina Gerstenmaier

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