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Der Stadtteil erwacht zum Leben

Richtsberg-Serie, Teil 7 Der Stadtteil erwacht zum Leben

Busverbindungen, Kindergärten und Schulen, die wichtigsten Dienstleistungen des täglichen Bedarfs - die Anfangsschwierigkeiten am Richtsberg werden zwar überwunden, aber noch immer herrscht Mangel und aktive Bürger wollen mehr.

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Die erste Zeit war "wirklich bitter"

Harald Demantke, langjähriger Vorsitzender der Richtsberggemeinde, ist heute deren Ehrenvorsitzender.

Quelle: Kristina Gerstenmeier

Marburg. Die 60er Jahre neigten sich dem Ende zu und das Grundproblem der Stadt, nämlich die grassierende Wohnungsnot der Nachkriegsjahre war mit dem Bau des Richtsbergs gelöst. Doch bald wurde deutlich, dass die Schnelligkeit der Wohnungsbeschaffung auch Planungsfehler mit sich gebracht hatte.

Zwar lebten am Richtsberg nun viele Menschen, die froh waren, ein Dach über dem Kopf zu haben und der innerstädtischen Beengtheit entflohen zu sein, doch sie wollten mehr: einen blühenden, lebendigen Stadtteil und keine karge Schlafstadt.

Der kalte, karge Niemandslandcharakter des Stadtteils begann zu stören. Formen von Vandalismus wurden registriert, herumstehende abgemeldete Autos auf den Parkplätzen mit herauslaufendem Öl. Die großzügigen Freiflächen zwischen den Gebäuden waren, oft per Verbot der Vermieter, nicht wirklich nutzbar oder einfach unerfreulich und verödet. Es gab nach wie vor sehr wenig Infrastruktur in Form von Geschäften und Dienstleistern.

Die Mieter kamen und gingen; aufgrund des hohen Anteils an Sozialwohnungen arbeiteten viele von ihnen hart für wenig Geld oder mit staatlicher Unterstützung und in den Mietshäusern kannte kaum einer seine Nachbarn. In den dazwischen liegenden Privathäusern lebte vor allem die Generation der Nachkriegsdeutschen. Das Image des Stadtteils in der Reststadt hatte seinen Glanz des Neuen, des Modernen verloren.

So tat sich schon 1967 erstmalig eine Gruppe von politisch aktiven Richtsbergern zusammen, um diese Probleme anzugehen. Nach mehreren Zusammenkünften in Privatwohnungen, später in der Richtsbergschule und in der Edeka-Baracke, trafen sich am 26. Oktober 1971 25 Frauen und 67 Männer und gründeten den Verein Richtsberggemeinde.

Bedingt durch die Planungsfehler im Stadtteil habe sich rasch eine Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Verbundenheit der Menschen zu ihrem Stadtteil entwickelt, erinnert sich Harald Demantke, langjähriger Vereinsvorsitzender und heute Ehrenvorsitzender. Sie taten sich zusammen, um ihre Wünsche gegenüber dem Stadtparlament zu äußern. „Wir waren uns einig, dass in dem ganzen Bereich etwas passieren muss, wir haben gesagt: wir müssen uns zusammenraufen, damit überhaupt etwas politisch passiert.“

„Wir“, das waren am Richtberg wohnende Gewerkschafter, politisch aktive Menschen und viele Stadtverordnete durch alle Parteien hinweg (zu jener Zeit SPD, CDU und FDP). „In Bezug auf den Richtsberg waren wir uns unheimlich einig. In den Stadtverordentenversammlungen haben wir uns gefetzt, aber abends bei den Vereinstreffen waren wir uns einig“, sagt Demantke und schmunzelt.

Elf Prozent der Marburger lebten am Richtsberg

Doch die Stadt hatte sich zunächst anderen Projekten zu widmen: 1970 übergibt Georg Gaßmann (SPD) sein Amt als Oberbürgermeister an seinen Parteikollegen Hanno Drechsler, seit 1972 wird in der Oberstadt umfassend saniert und 1974 werden im Zuge der Gebietsreform 18 umliegende Gemeinden wie Bauerbach, Wehrda, Cappel, Cyriaxweimar oder Haddamshausen, eingemeindet. Erst Mitte der 80er Jahre, der Richtsberg zählt inzwischen 8500 Einwohner - das heißt elf Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt Marburg - kümmert sich die Stadtpolitik dann auch wieder um ihn, um diese Schlafstadt.

„Zu dieser Zeit befand sich der Richtsberg in einem Zustand der drohenden Gettoisierung“, sagt Dr. Heinrich Scherer, für den „das Projekt Richtsberg“ zu seiner Lebensaufgabe werden wird.

Denn Dr. Scherer, der erst kurze Zeit im Stadtentwicklungsamt der Stadt Marburg arbeitet, wird als Leiter für das „Projekt Richtsberg“ eingesetzt. Ein Projekt, das erst einige Jahre nach begonnener Arbeit 1993 als Pilotprojekt in das Landesprogramm „Einfache Stadterneurung“ aufgenommen wird. Der Startschuss für einen umfassenden Wandel.

Gut, dass die strukturellen Probleme schon in den 80er Jahren angegangen wurden, denn schon wenige Jahre später, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, kommen auf den Richtsberg neue Probleme zu.

von Kristina Gerstenmeier

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