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Das Ringen um den Richtsberg-Bau

Stadtgeschichte Das Ringen um den Richtsberg-Bau

Das Baufieber grassierte 1960: Seit Kriegsende wuchs die Einwohnerzahl um mehr als die Hälfte - 45 431. Noch 1964 weist die Stadt das größte Wohnungsdefizit Deutschlands aus (25,2 Prozent).

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Die Planungen für den Richtsberg zogen sich im Laufe der 1960er-Jahre in die Länge. Das Waldgebiet wollte manchen erhalten, von anderen sollte es als Wohngegend genutzt werden. Archivbilder

Quelle: Karl-Heinz Jacobi

Marburg. Als die 1960er-Jahre anbrechen ist kurz zuvor die neue Straße am Erlenring freigegeben worden, die Mensa feiert hier ihr Richtfest, die Bundesvereinigung Lebenshilfe wird gegründet, die Universität, als wichtigster Wirtschaftsfaktor der kleinen Stadt, platzte aus allen Nähten, die 1000. Wohnung der vor zehn Jahren gegründeten Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft wird bezogen und Georg Gaßmann macht Wahlkampf. Im Oktober 1960 verkündet er: „Dem Magistrat ist es durch Verhandlungen mit dem Land gelungen, dass hinter der Friedrich-Ebert-Straße, Beltershäuser Straße ein 100 Hektar großes Waldstück als neues Baugelände erschlossen werden kann.“ (OP vom 22.Oktober 1960) In diesem Zuge betont er die Notwendigkeit und Bereitschaft, massiv Sozialwohnungen zu bauen, da es sich bei den Wohnungssuchenden zu 90 Prozent um sozial schwache Bevölkerungskreise handele.

Der Richtsberg war als Idee geboren. Doch schon bei dem Baugebiet rund um die Friedrich-Ebert-Straße war es nicht einfach das bis dahin landwirtschaftlich genutzte Land zu bebauen. Es hätten Ablösesummen gezahlt oder Enteignungen durchgeführt werden müssen. Da man es hier mit Privatpersonen zu tun hatte, lief vieles informell und vermutlich nicht immer ganz korrekt. Man hatte das übergeordnete Ziel, den Menschen Wohnraum zu verschaffen, vor Augen. Doch bei dem Gebiet hinter der Friedrich-Ebert-Straße, Beltershäuser Straße handelte es sich um ein Waldgebiet, Eigentum des Landes Hessen. Gaßmann hatte sich nun mit staatlichen Forstbehörden auseinanderzusetzen - das gestaltete sich schwierig.

Richtsberg sollte kein reines Sozialviertel werden

Während der Magistrat geschlossen und über Parteigrenzen hinweg davon träumte, mit dem Bau von 3000 bis 4000 Wohnungen die Wohnungsnot auf einen Schlag zu beseitigen, wollte die hessische Forstbehörde das Naherholungsgebiet um jeden Preis erhalten. An die Seite des Magistrats gesellt sich auch die Universität, die kurz zuvor begonnen hat, auf den Lahnbergen zu bauen und ein Wohngebiet in unmittelbarer Nähe ausgesprochen begrüßt. Auch sieht sie die Attraktivität Marburgs als Universitätsstandort gefährdet, da unter dieser Wohnungsnot Marburg für qualifizierte Wissenschaftler wenig anziehend sei. (OP vom 9.3.1963).

Die Forstbehörde erhebt Einspruch und zeigt Alternativen, wie zum Beispiel eine Bebauung am oberen Rotenberg auf. Auch die ein Jahr zuvor gegründete Aktionsgemeinschaft Marburger Stadtbild formuliert Bedenken. „Auch die Stadtverwaltung kämpfte um die Erhaltung eines jeden Baums, wenn es aber um die Frage gehe, ob Bäume oder Wohnungen, dann gebe es nur eine Antwort: Wohnungen“, so zitierte die OP Gaßmann im Februar 1963. Im Mai 1963 weist das Regierungspräsidium Kassel den Einspruch der Forstverwaltung endgültig ab und genehmigt die Rodung des Waldes und Bebauung des Richtsbergs.

Noch schwieriger gestaltet sich die Frage nach dem Wie. Einig war man sich darüber, dass der neue Stadtteil keine gewerbsmäßige Konkurrenz zu der Kernstadt darstellen durfte. Dass viel Wald bestehen bleiben sollte und dass es kein reines Sozialviertel, sondern eine Durchmischung mit Privathäusern geben sollte. Weit weniger einig ist man sich, welches der vielen interessierten Wohnungsbauunternehmen den Zuschlag bekommen sollte. Die Tatsache, dass Gaßmann über sein Amt hinaus Mitglied des Landtags und Vorsitzender der GeWobau, der Regierungspräsident Aufsichtsratsvorsitzender der Hessischen Heimstätte und deren Geschäftsführer der Marburger Zweigstelle Mitglied der Stadtverordnetenversammlung war, ließ die Entscheidung für die Hessische Heimstätte als Bauträger ausgehen. Sie erarbeitete die Pläne und bebaute letztendlich fast den gesamten Richtsberg. Wie dieser entstand und welcher architektonische Zeitgeist dahinter steckte: Das steht im nächsten Teil.

von Kristina Gerstenmaier

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Serienauftakt

Im Jahr 1963 verkaufte das hessische Forstamt das Waldgebiet oberhalb der psychiatrischen Klinik an die Stadt. Die Grundlage für die Entstehung des größten Marburger Stadtteils war geschaffen.

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