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Als der Richtsberg noch "Schlammhausen" hieß

50 Jahre Richtsberg Als der Richtsberg noch "Schlammhausen" hieß

Als der Richtsberg zu entstehen beginnt, heißt er noch nicht so; der Name „Schlammhausen“ hat sich bis heute im Marburger Volksmund bewahrt. Über die Anfänge des Richtsbergs.

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„Schlammhausen“ heute: Wohnblocks und Einfamilienhäuser (vorne rechts) nahezu Tür an Tür

Quelle: Foto: Till Conrad

Marburg. „In der Anfangszeit in der Friedrich-Ebert-Straße gab es häufiger Überschwemmungen oben in der Straße „Am Richtsberg“. Dann schoss das Wasser den frischgerodeten Berg runter, “ erzählt Brigitte Schnabel. „Einmal öffnete ich nichtsahnend die Haustür und mir kam eine Welle von Wasser und Schlamm entgegen. Der ganze Keller lief voll.“

Mit ihrem Mann Karl Schnabel, ihrer Mutter und dem ersten ihrer drei Kinder hatte Brigitte Schnabel zuvor in einer Zweizimmerwohnung im Rollwiesenweg gewohnt.

Karl Schnabel (links) ist gelernter Heizungsmonteur und angehender Politiker (er wird in den darauffolgenden Jahren seinen Weg bis in den Landtag gehen). 1960 heiratet er seine Frau, im selben Jahr beginnt das junge Paar zu bauen, in dem Baugebiet, das ihnen zugewiesen wurde. 1961 wird der erste Sohn geboren; im Dezember zieht die Familie in ihr frisch fertig gestelltes Haus in der Friedrich-Ebert-Straße. Sie wird exakt 50 Jahre bleiben, die drei Kinder aufwachsen und aus dem Haus gehen sehen, bevor das Ehepaar ihren Besitz altersbedingt verlassen muss.

In dem Jahr, 1959, als Marburger begannen nach „Schlammhausen zu ziehen, stand die Stadt 14 Jahre nach der Befreiung durch die Amerikaner. Die Stadt hatte in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten einen regelrechten Bauboom erlebt. Nach dem Weltkrieg war das wenig zerstörte Marburg zur Anlaufstelle für vor allem Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR geworden.

Schnell hatte sich die Einwohnerzahl von 28000 (1933) auf 42547 Einwohner (1946) erhöht.

3000 Menschen suchten 1959 in Marburg eine Wohnung

Für diesen sprunghaften Anstieg der Einwohnerzahl war die kleine Universitätsstadt nicht ausgelegt. Es standen nur 26919 bewohnbare Räume zur Verfügung. Am Krekel, auf der Weide und im Waldtal entstehen Barackensiedlungen, die als Notunterkünfte dienen.

Georg Gassmann, seit 1953 als Oberbürgermeister im Amt, sah sich mit der ungeheuren Aufgabe konfrontiert, dieser sozialen Verantwortung nachzukommen. Überall innerhalb des engen Stadtbereichs, zu dem Wehrda und Cappel und weitere 16 „Äußere Stadtteile“ noch nicht zählten, war neuer Wohnraum, meist gemäß wirtschaftlich-pragmatischer Überlegungen entstanden.

In der ersten Hälfte der 50er- Jahre war im Alten Kirchhainer Weg, In der Gemoll, beiderseits der Großseelheimer Straße und das Gericht gebaut worden. Dann noch im Rollwiesenweg und am Schwanhof und noch immer fehlte es an Wohnungen.

Am 31. März 1959 waren 3000 Wohnungssuchende, davon 1687 dringende Fälle gemeldet, als die ersten Menschen begannen an den Rand eines den sich den Berg hinaufstreckenden Waldes zu ziehen.

In dem Baugebiet, das offiziell „Beltershäuser Straße“ hieß, entstanden 850 Sozialwohnungen auf der einen Seite, auf der anderen Seite der Friedrich-Ebert-Straße, näher zum Hang hin, zahlreiche Privathäuser.

Oberstadt unattraktiv für Wohnungssuchende

Doch die Häuser waren auf freies Feld gebaut worden. Straßen kamen erst nach und nach. Der Erdboden, auf dem die Häuser gebaut wurden, weichte sich durch Regen auf und wurde zu Schlamm.

Und so wurde der neue kleine Stadtteil, durch den die Friedrich-Ebert-Straße verläuft, zu „Schlammhausen“ und später zum Unteren Richtsberg. Auch Kindergärten und das kleine Einkaufszentrum kamen erst spät dazu.

Doch auch danach noch mangelte es an Wohnraum und auch die Notunterkünfte, Baracken am Krekel, Auf der Weide und im Waldtal, sollten weg. Und auch sonst waren viele, meist diejenigen, die in zu wenig Wohnraum für zu viele Menschen lebten, auf der Suche. Die Oberstadt war wenig attraktiv: ohne Zentralheizung, ohne fließend Wasser für die Toilette oder die Toiletten waren außerhalb der Wohnhäuser.

  • Lesen Sie auch Teil eins der zehnteiligen Serie "50 Jahre Richtsberg"

von Kristina Gerstenmaier

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