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Tschernobyl hat Folgen für Marburg

25 Jahre nach Tschernobyl, Teil 2 Tschernobyl hat Folgen für Marburg

Es dauert rund eine Woche, bis sich nach dem Atomunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 die Erkenntnis durchsetzt, wie gefährlich diese Situation auch für die Menschen in der Region sein kann.

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Die OP berichtete damals ausführlich über die Katastrophe.

Quelle: Patrick Naumann

Marburg. Nach wenigen Tagen aber herrscht Verunsicherung allerorten. Eine Chronik der Ereignisse im Landkreis, über die die OP damals berichtete.

Samstag, 3. Mai 1986: Die Menschen hamstern bereits Jodtabletten. Die Apotheken in Marburg melden schon seit Mittwochnachmittag, dass das Präparat ausverkauft ist. Auch im gesamten Landkreis gibt es eine höhere Nachfrage.

Inzwischen können nicht einmal mehr die Großhändler genügend Kaliumjodid, den Wirkstoff der Tabletten liefern, so dass die Apotheker in der Herstellung “selbst einspringen müssen“, verrät Dr. Gregor Huesmann, Sprecher der hessischen Apotheker.

Die Hoffnung bei den Bewohnern des Landkreises auf Schutz durch die Jodtabletten ist groß. Doch rät der Marburger Nuklearmediziner Dr. Emil Heinz Graul, keine Jodpräparate einzunehmen. Besonders gefährlich können die Nebenwirkungen für Schwangere und stillende Mütter sein.

Montag, 5. Mai 1986: Dr. Huesmann beweist am letzten Tag der Oberhessenschau, wie schnell und spontan Apotheker reagieren können, wenn ein Medikament vergriffen ist. In kürzester Zeit stellt er “Jodtabletten“ her, die aber aus Sicherheitsgründen nur Traubenzucker enthalten. Er will so demonstrieren, dass in Notzeiten unbürokratische Lösungen möglich sind. Begeistert von dieser Leistung applaudiert das Publikum spontan.

Dienstag, 6. Mai 1986 : Im Marburger Stadtgebiet werden Bodenproben genommen.Die Universität gibt die Ergebnisse bekannt. Die Proben zeigen einen hohen Strahlenwert. Die Belastung ist mit 25.000 Bequerel pro qm achtmal so hoch wie die von der Strahlenschutzverordnung erlaubten Werte für Oberflächen in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen.

Landrat Dr. Kurt Kliem untersagt das Spielen auf Gras- und Sandflächen und asphaltiertem Gelände. Auch Schulen und Kindergärten wird verboten, Aktivitäten im Freien zu unternehmen. Darüberhinaus verbietet der Landrat den Besuch von Freibädern. Die Sportanlagen müssen geschlossen bleiben. Es darf kein Freilandgemüse mehr gegessen werden.

Um etwas gegen die Unsicherheit in der Bevölkerung zu unternehmen, richtet die OP ein Notfalltelefon ein. Die Experten Dr. Graul, Begründer der Marburger Nuklearmedizin und der als “Weltraummediziner“ durch Fernsehauftritte bekannte Professor, sowie Dr. Claudia Kuhnhen, Leiterin des Gesundheitsamtes, beantworten Fragen.

Mittwoch, 7. Mai 1986: Die Telefonaktion der OP erlebt einen nie gekannten Ansturm Dr. Graul und Dr. Kuhnhen können nur selten den Hörer zur Seite legen. Was kann man noch essen und was darf man überhaupt ohne Bedenken tun? Es herrscht große Angst.
Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder und möchten wissen, ob man noch ohne Bedenken an die frische Luft zum Spielen und spazieren darf. Die meisten Ängste, versichern die Experten aber, sind unbegründet. “Wir sind gerade noch einmal davon gekommen“.

Freitag, 9. Mai 1986: Wegen des radioaktiven Regens sind die Besucherzahlen auf dem Volkswandertag der Spielvereinigung Grün-Weiß Haddamshausen stark zurückgegangen. Konnte sich Wanderwart Heinrich Groth im Vorjahr noch über mehr als 800 Wanderbegeisterte freuen, zählt er in diesem Jahr nicht einmal 500. Besonders Familien mit Kindern blieben zu Hause.

Die Strahlenangst kann die Massen aber auch bewegen. Rund 3.000 Menschen demonstrieren auf dem Marburger Marktplatz gegen die Atomkraft.

Montag, 12. Mai 1986: Die Reaktorkatastrophe scheint unter Kontrolle, doch die Verunsicherung bleibt. Eine Beratungsstelle für Bürger soll Klarheit schaffen. Dort werden Lebensmittel untersucht und Fragen beantwortet.

Das Vertrauen in die Kernenergie ist im Marburger Land und in ganz Europa schwer erschüttert. Eine stetige Ungewissheit vor den Spätfolgen, das ist was von Tschernobyl in Marburg zu spüren bleibt.

von Pascal Bittner

Mehr hierzu lesen Sie am Mittwoch in der Printversion der OP und bereits am Dienstagabend auf dem iPad.

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