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Tschernobyl-Opfer besuchen Hinterland

25 Jahre nach Tschernobyl Tschernobyl-Opfer besuchen Hinterland

Jahrelang leisteten Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf strahlengeschädigten Kindern aus der Region Tschernobyl-Hilfe.

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Die Diedenshäuser Dorfgemeinschaft bot ihren jungen Gästen allerlei Unterhaltung, unter anderem auch Abende am Lagerfeuer.

Quelle: Privatfoto

Diedenshausen. Die Welle der Hilfsbereitschaft hatte von Beginn an ihr Zentrum im Gladenbacher Stadtteil Diedenshausen, schwappte dann über den gesamten Landkreis. “Auslöser war ein Luftballonwettbewerb unserer Feuerwehr“, erinnert Diedenshausens Ortsvorsteher Gerhard Schmidt.

Die pensionierte Lehrerein Ingeborg Müller-Sieslak präsentierte den Diedenshäusern nach dem Fest freudig die Rücksendekarte eines Ballons, der im 1.200 Kilometer entfernten Kiew gelandet war. So entstand über das damals in Diedenshausen lebende und inzwischen verstorbene Ehepaar Müller-Sieslak Kontakt zum Kinderheim Maljatko im Oblast Kiew, einer Region im Norden der Ukraine.

“Als die Diedenshäuser erfuhren, dass dort zu dieser Zeit bis zu 150 Kinder lebten, die vor allem an den Folgen des Reaktorunglücks litten, entstand sehr schnell eine Patenschaft“, sagt Gerhard Schmidt. Ingeborg Müller-Sieslack berichtete damals im Gespräch mit der OP von Kindern, die an schweren Leberschäden litten, infolge der verstrahlten Umwelt, vor allem, weil es keine unbelasteten frischen Lebensmittel gab.

Es fehlte an allem, selbst an Milchpulver. Zudem hatte das 1963 als Kindergarten konzipierte Heim bauliche Mängel und war schlecht ausgestattet. Diese von der Heimleitung übermittelte Beschreibung bestätigte sich bei Besuchen des Ehepaars Müller-Sieslak im Kinderheim.

Das damals geringe Gehalt des Personals zahlte der Staat. Ansonsten reichte das Geld nicht einmal für das Nötigste. “Ohne Spenden und Hilfe von außen, wäre das Heim nicht existenzfähig“, sagte Ingeborg Müller-Sieslak.

Unter der Federführung der bis Ende der 1970er Jahre am Marburger Rotenberg lebenden ehemaligen Lehrerin entwickelte sich eine von der Diedenshäuser Dorfgemeinschaft getragene, lebhafte Beziehung zu den Kindern und Betreuern aus dem Kinderheim. Zunächst wurden zahlreiche Hilfssendungen auf die Reise geschickt.

Bei weiteren Besuchen im Heim, konnte sich das Ehepaar davon überzeugen, dass die Hilfsgüter dort auch ankamen. 1994 eilte Ingeborg Müller-Sieslak mit ihrem Mann Hans einem Konvoi voraus, der eine halbe Tonne Michpulver, Schulmöbel, einen Großküchenherd, Kleidung, Spielsachen und weitere Lebensmittel in die ukrainische Hauptstadt brachten. Firmen, Organisationen und Privatleute leisteten Hilfe.

Auch um Formalitäten, Organisation und die Abwicklung des Transportes kümmerten sich freiwillige Helfer. “Ich hätte nie mit so viel Hilfsbereitschaft gerechnet“, schwärmte damals Ingeborg Müller-Sieslak. Sie war auch beruhigt, zu sehen, wie gut das Heim – trotz aller Not – geführt wurde. Sie berichtete von “liebevoll eingerichteten Räumen, mit Teppichen, Stuck, Malereien und schönen Lampen“, aber auch vom Mangel an Nahrung und lebensnotwendigen Gütern. Dem ersten gelungenen Hilfstransport sollten weitere folgen.

Schnell war in Diedenshausen der Entschluss gefasst, die Kinder zu Erholungsaufenthalten nach Deutschland zu holen. Die ersten jungen Ukrainer kamen 1992.
Gerhard Schmidt erinnert sich: “Wir haben sie damals vom Hauptbahnhof in Kassel abgeholt.“ Vier Wochen lang waren sie im CVJM-Heim in Nesselbrunn untergebracht. Die slawistische Abteilung der Universität in Marburg half beim Dolmetschen und der Korrespondenz.

Den Kindern wurde vier Wochen lang ein großes Unterhaltungsprogramm geboten. “Diedenhäuser Frauen bereiteten für viele Gelegenheiten Essen zu, und backten Kuchen“, berichtet Gerhard Schmidt rückblickend und erinnert an Grillabende sowie Besuche in Familien und auf Diedenshäuser Bauernhöfen. Und er weiß noch: “Um den Kindern die 36-stündige Rückreise mit Bus oder Bahn zu ersparen, die die ganze Erholung zunichte gemacht hätte, fand sich ein privater Sponsor, der die Rückreise per Flugzeug finanzierte.“

Es folgten bis Mitte der 1990er Jahre weitere Besuche von Kindern aus dem Heim.

von Hartmut Berge

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