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„Der schlimmste Tag in meinem Leben“

25 Jahre nach Tschernobyl, Teil 6 „Der schlimmste Tag in meinem Leben“

Sie lebten nur 100 Kilometer Luftlinie vom Katastrophenreaktor Fukushima entfernt: Hals über Kopf versuchten Karl und Akiko Zucchi mit ihrem Sohn Japan zu verlassen. Doch es war eine Flucht mit Hindernissen.

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Karl Zucchi hält einen Anti-Atomkraft-Button und eine selbstentworfene Wohnungsanzeige in die Kamera. Der Familienvater ist mit seiner Frau und seinem Sohn aus der Nähe von Fukushima geflohen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Geschichte wiederholt sich: 25 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl hält die Welt wieder den Atem an. In Japan ereignet sich eine atomare Katastrophe. Als in Tamamura am 11. März die Erde bebt, steht Akiko Zucchi gerade im Supermarkt. Flaschen kippen aus den Regalen, zerschellen auf dem Boden. „Ich hatte große Angst, so ein schweres Erdbeben hatte ich noch nie erlebt“, erinnert sich die 30-Jährige und streicht ihrem Kind gedankenversunken über sein braunes Haar.

Zusammen mit ihrem zweijährigen Sohn Leon und ihrem Mann Karl ist Akiko Zucchi aus Japan geflohen – nach Marburg, in die Stadt, in der die Japanerin während des Studiums ihren deutschen Mann kennenlernte. Untergekommen sind sie bei Karl Zucchis Bruder in der Oberstadt. Die Wohnung ist winzig. Fast ihr gesamter Lebensraum beschränkt sich derzeit auf das knapp 15 Quadratmeter kleine Wohnzimmer. „Wir haben Japan Hals über Kopf verlassen“, sagt Karl Zucchi. In einer Ecke steht der blaue Koffer, aus dem die Familie lebt. Der 29-Jährige sitzt auf dem Bett, auf dem sein quirliger Sohn gerade Turnübungen macht, während seine Frau ihm ein Brot schmiert. „Hier arbeite ich nun“, erklärt der vereidigte Übersetzer und klickt auf die Tastatur seines Laptops.

Auf dem Monitor erscheint das Bild eines schönen Hauses. Es ist das Haus der Zucchis, das sie selbst erbauten. Drei Jahre lang lebte die kleine Familie in Tamamura, in der Präfektur Gunma – knapp 100 Kilometer Luftlinie von Fukushima entfernt. „Uns war klar, dass in der Nähe ein Atomkraftwerk steht, allerdings haben wir uns nie wirklich Sorgen deswegen gemacht“, sagt Karl Zucchi. Als das Atomkraftwerk in Tschernobyl explodierte, war er gerade einmal vier Jahre alt.

„Ich erinnere mich noch, dass wir nicht im Sand spielen durften“, erzählt Zucchi, der zwar als Kind von 68ern schon immer gegen Atomkraft war, aber nun zum ersten Mal auf die Straße geht. Jetzt trägt er einen gelben Anti-Atomkraft-Button. Er hat ihn selbst entworfen, die bekannte Atomausstieg-Sonne mit japanischen Schriftzeichen versehen. „Aus dem abstrakten Bewusstsein für die Gefahr ist plötzlich ganz reale Angst geworden“, sagt er.

Einen Tag nach dem Beben entscheidet sich Zucchi, Japan zu verlassen. Aufgrund der immer höher steigenden Strahlenwerte sorgt er sich vor allem um sein Kind. „Radioaktivität ist eine unsichtbare Gefahr, das hat mir Angst gemacht – aber man hat gar keine Zeit nachzudenken, man reagiert einfach“, sagt der 29-Jährige. Für Zucchi ist klar: Wir müssen weg! Doch seine Frau ist in Japan geboren, ihre ganze Familie lebt in der näheren Umgebung. Akiko fällt es schwer, ihre Heimat zu verlassen. Aber sie tut es – für ihren Sohn und ihren Mann.

Die kleine Familie musste alles zurücklassen: Ihr Haus, Freunde und Familie. Akikos Eltern haben Japan verlassen – doch nur für kurze Zeit, obwohl in dem Gebiet, in dem sie leben, erhöhte Strahlenwerte gemessen wurden. „Vielleicht müssen meine Eltern jetzt sogar ein paar Jahre früher sterben, aber sie können und wollen ihre Heimat nicht verlassen“, sagt die 30-Jährige. Sie versucht, stark zu sein, doch der Schmerz und die Angst sind ihr deutlich anzumerken.

Akiko, Karl und Leon wollen nun ein neues Leben in Marburg aufbauen. Sie sind auf der dringenden Suche nach einer Wohnung. Die jetzige gleicht eher einer Notunterkunft. Das Thermostat der Dusche, die in der kleinen Küchenzeile untergebracht ist, funktioniert nicht. Die drei müssen zum Duschen zu Freunden gehen. Ein Arbeiten ist für den freiberuflichen Übersetzer kaum möglich unter den jetzigen Lebensumständen. „Aber ich bin zuversichtlich, dass wir uns hier eine Existenz aufbauen können“, meint Karl Zucchi und schaut ermutigend zu seiner Frau. Ob sie jemals nach Japan zurückkehren werden? „Nein“, sagt Karl wie aus der Pistole geschossen. „Ja“, sagt Akiko. Sie zögert und fügt dann leise hinzu: „In den nächsten Jahren aber wohl nicht, das Risiko ist zu hoch – vor allem wegen unserem Sohn“.

von Nadine Weigel

Mehr lesen Sie in der Montagsausgabe der OP.

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