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Der Tag, der die Welt veränderte Evakuierung nach 36 Stunden

Reaktor-Katastrophe

Evakuierung nach 36 Stunden

Der vierte Block des Atomkraftwerks von Tschernobyl, in dessen Reaktorkern es am 26. April 1986 zu einem schweren Unfall kam, in dessen Folge weite Teile Europas verseucht wurden.

© Archivfoto

In Prypjat ahnen die Menschen zunächst nichts vom Ausmaß der Katastrophe. „Zunächst“ bedeutet bis zum Mittag des 27. April. Da wird in den Radionachrichten eine kurze Mitteilung gesendet, in der die Bevölkerung aufgefordert wird, sich auf eine dreitägige Abwesenheit einzurichten.

Plötzlich ist alles ganz eilig; 1 200 Busse werden angekarrt, innerhalb von zweieinhalb Stunden ist die Stadt evakuiert. Die Menschen, die sich auf ein dreitägiges Exil eingerichtet haben, sollen nie wieder hierher zurückkehren. Prypjat ist heute eine Geisterstadt.

Noch immer gibt es aber keine offizielle Unterrichtung der Öffentlichkeit. Verdecken, vertuschen, täuschen, das hat schließlich schon immer funktioniert.

Verdächtige Werte
in Skandinavien

Diesmal funktioniert es nicht, weil radioaktive Strahlung sich nicht an Grenzen hält. Zwei Tage nach dem Unglück von Tschernobyl weisen Messstationen in Finnland, Schweden und Norwegen einen ungewöhnlich hohen Anstieg von Radioaktivität nach. In den Tagen zuvor hat ein stetiger Wind aus Südost geweht: Die Strahlung kommt aus Russland.

Erste Vermutungen werden laut: Hat es etwa ein Unglück in einem Atomkraftwerk gegeben?

Am Abend dann die Gewissheit. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass meldet in dürren Worten, dass es im Kernkraftwerk Tschernobyl einen Unfall gegeben habe. Dabei seien Menschen zu schaden gekommen. Die Meldung ist raus. Am Abend berichtet die Tagesschau über das Unglück in einer kurzen Meldung. Die Strahlendosis , die in Skandinavien gemessen wurde, sei nicht besorgniserregend, heißt es.

Die ganze Dramatik, die in der kurzen Meldung der Tagesschau steckt, wird vielen noch nicht bewusst. Tschernobyl, den Namen kann man nicht aussprechen, geschweige denn ihn merken. Irgendwie in Russland liegt das wohl, weit hinter dem Eisernen Vorhang, der in den zurückliegenden Jahren des Kalten Krieges ja schließlich alles abgehalten hat, was sich irgendwie gefährlich anhörte.

Bundesregierung spricht von Spekulationen

Auch am nächsten Tag, einem Dienstag, versucht man in Deutschland noch, zu beruhigen. Es ist so ein herrlicher Frühling, viele Menschen genießen es, sich nach dem langen Winter wieder draußen aufzuhalten. Es ist sonnig, die Temperaturen streifen tagsüber die 20-Grad-Marke. Der deutsche Wetterdienst gibt Entwarnung für die Bundesrepublik und spricht von Spekulationen, was Weg und Wirkungsweise der Wolke angeht. Viele Menschen freuen sich auf das lange Wochenende .

Aber die Ungewissheit wächst: Von einem Hilferuf der ­sowjetischen Regierung ist die Rede – und davon, dass das Atomfeuer außer Kontrolle ­geraten sei. Im Nordosten Polens ist die Luft ­radioaktiv verseucht. So langsam setzt sich in der Bevölkerung Angst fest. Die nächsten Tage werden dramatisch werden in Deutschland: Genaues weiß man nicht – aber die Folgen des atomaren Unfalls lösen eine Art Massenhysterie aus.

von Till Conrad

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Es dauert rund eine Woche, bis sich nach dem Atomunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 die Erkenntnis durchsetzt, wie gefährlich diese Situation auch für die Menschen in der Region sein kann.

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