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Der Tag, der die Welt veränderte

25 Jahre nach Tschernobyl, Teil 1 Der Tag, der die Welt veränderte

Am Dienstag vor 25 Jahren veränderte ein Unfall die Welt: Das Atomkraftwerk in Tschernobyl flog in die Luft.

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Tschernobyl hat Folgen für Marburg

Der vierte Block des Atomkraftwerks von Tschernobyl, in dessen Reaktorkern es am 26. April 1986 zu einem schweren Unfall kam, in dessen Folge weite Teile Europas verseucht wurden.

Quelle: Archivfoto

Tschernobyl. Es lebt sich vergleichsweise gut in Prypjat im Frühjahr des Jahres 1986. Die Stadt, erst 1970 gegründet, ist bevorzugter Wohnort für die Arbeiter des ersten Atomkraftwerks in der Ukraine, dem Atomreaktor Tschernobyl, benannt nach der gleichnamigen Kleinstadt, nur wenige Kilometer entfernt. Prypjat hat es inzwischen zu knapp 50.000 Einwohnern gebracht, der Großteil davon lebt von dem Einkommen, das sie im Atomkraftwerk Tschernobyl erzielen. Prypjat ist eine junge und relativ reiche Stadt. Die Menschen, die hier wohnen, hätten es schlimmer treffen können.

In Tschernobyl selbst wohnen vor allem die Nachfahren chassidischer Juden, die hier seit Jahrhunderten ansässig sind. Sie sind überwiegend froh über das Atomkraftwerk, das hier seit einigen Jahren steht. Und die Bewusstseinsbildung des Staatsapparats und der Partei funktioniert auch. „Bewahre die Umwelt für deine Nachfahren“, steht auf einem Schild am Rand des Zufahrtsweges zum Atomkraftwerk – und irgendwie passt das ja auch, denn das Werk, das einen Großteil der Ukraine zuverlässig mit Strom versorgt, stinkt nicht. Man ist sogar ein wenig stolz auf den Meiler, der vielleicht der leistungsstärkste der Welt ist – technischer Fortschritt ist etwas, worauf man stolz ist in der Sowjetunion. Ohne Einschränkungen.

Von Gefahren, die von dem Werk ausgehen könnten, war hier noch nie die Rede – offiziell jedenfalls nicht, viel später wird sich herausstellen, dass es schon in den späten Siebzigern Warnungen gab, beim Bau des Werks sei gegen Auflagen verstoßen worden.

Am Vormittag des 25. April finden Überprüfungsarbeiten im Werk statt. Es soll getestet werden, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall noch genügend Strom liefern, um die Notkühlung des Reaktors zu gewährleisten..

Um das Experiment unter realistischen Bedingungen stattfinden zu lassen, wird das Notprogramm „Havarieschutz“ abgeschaltet, in dem alle wichtigen Sicherheitseinrichtungen wie die Notkühlung und das Einfahren der Bremsstäbe zusammengefasst sind.

Schlecht vorbereitetes
 Experiment

Aber irgendwie ist Sand im Getriebe, wie das in Betrieben nun einmal vorkommt: Der Beginn des Experiments wird verschoben, so dass die völlig unvorbereitete Nachtschicht des 26. April ein Experiment durchführt, dessen Versuchsanordnung den Reaktor schutzlos gemacht hat.

Gut eine Stunde nach Schichtbeginn beginnt das Experiment. Leonid Toptunow, ein junger Reaktorarbeiter, fährt die Leistung des Reaktors weiter hinunter – zu weit, wie sich herausstellt, weil sich die Temperatur im Reaktor bei sinkender Leistung erhöht. Anatoli Djatlow, der stellvertretende Chefingenieur, befiehlt dennoch den Start des Experiments – eine Fehleinschätzung: Die Temperatur des Kühlwassers geht weiter hoch. Um 1:23.04 Uhr erreicht es Siedetemperatur. Das alles wäre noch kein Problem gewesen, wäre der Havarieschutz angesprungen. Aber der war ja abgeschaltet.

So nimmt die bisher größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft ihren Lauf. Ab 1:23.44 Uhr jagt eine Explosion die andere; es kommt zur gefürchteten Kernschmelze, die Brennstäbe bersten. Das Reaktordach wird zu allem Überfluss abgesprengt.

Der Regierungschef
 hat viel Zeit

Um diese Zeit schläft Nikolai Ryschkow, Regierungschef der Sowjetunion, in seiner Datscha vor den Toren Moskaus, tief und fest den Schlaf der Gerechten.

Dreieinhalb Stunden vergehen, ehe sein elfenbeinfarbenes Diensttelefon zum ersten Mal läutet. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Minister für Energie: In Tschernobyl habe es ein „Unglück“ gegeben, die Leute vor Ort sprächen von einer „Explosion“.

Ryschkow ordnet an, um neun Uhr morgens sei ihm ein detaillierter Bericht zu erstatten, und lässt sich in den Kreml fahren. Kaum dort angekommen, erhält er den nächsten Anruf: „Es war der Reaktor, Genosse. Es gibt Opfer, es gibt Verstrahlte.“

Der zweitmächtigste Mann der Sowjetunion reagiert so, wie man es von Apparatschiks aller Systeme erwartet: Er ruft erst mal eine Kommission ins Leben. Nach außen dringt aus dem Kreml zunächst nichts. Die Menschen in der Region von der Gefahr zu unterrichten, wird nicht für nötig gehalten, Auch Michail Gorbatschow, seit 13 Monaten Generalsekretär der KPdSU, wird vorläufig nicht informiert.

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