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Sommerkurs-Teilnehmer strandeten in Marburg

OP-Serie: 100 Jahre Erster Weltkrieg Sommerkurs-Teilnehmer strandeten in Marburg

Auch vor 100 Jahren gab es in Marburg an der Universität internationale Sommerkurse für junge Akademiker. Da platzte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die Idylle des Uni-Städtchens.

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Viele Wege führten im Sommer 1914: In der Geschäftsstelle der Ferienkurse war diese Europakarte angefertigt worden, die die Reiserouten der Teilnehmer nachzeichnete.

Quelle: Repro: Universitätsarchiv

Marburg. Die 1896 initiierten Marburger Ferienkurse der Universität für die Fortbildung von Lehrern waren auch im Jahr 1914 sehr beliebt. Jeweils im Juli und im August fanden die je dreiwöchigen Übungen und Vorlesungen zur deutschen, englischen und französischen Sprache statt. Im Jahr 1912 kamen zu den Kursen mehr als 200 Teilnehmer aus 20 Nationen. Und auch im Jahr 1914 hielt die gute Resonanz noch an.

Doch der August-Ferienkurs war bereits einen Tag nach seiner Eröffnung wieder zu Ende, denn am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, verbunden mit der allgemeinen Mobilmachung im deutschen Kaiserreich. Und die Uni-Gäste waren plötzlich mehr oder weniger unerwünschte Ausländer.

Über die Stimmung in Marburg während des Kriegsausbruchs existieren zwei detaillierte Stimmungsberichte: dies war einerseits ein ganzseitiger Zeitungsartikel, der am 6. September 1914 in der „New York Times“ erschien und die Erlebnisse einer amerikanischen Studentin wiedergab. Zudem liegen einige Briefe des im Jahr 1948 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichneten Schriftstellers T.S. Eliot vor, in denen er über seine Marburger Erlebnisse berichtet.

Eliot war ein aus Boston stammender Doktorand, der sein Studium von Mathematik, Philosophie sowie mehrere asiatischer und europäischer Sprachen an der Harvard-Universität und zwischenzeitlich an der Sorbonne in Paris absolviert hatte. Als Harvard-Doktorand kehrte er nach Europa zurück, wo der Ferienkurs in Marburg die erste Station des 26-Jährigen war.

Dort logierte er bei der Familie eines Superintendenten am Lutherischen Kirchhof. Anschaulich schildert Eliot in einem Brief an Eleanor Hinkley vom 26. Juli 1914 das verschlafene Kleinstadtleben. „Alles in allem sind sie unheimlich nette Leute, und wir essen alle eine Menge“, schrieb Eliot. „Ich habe das Gefühl, im hintersten Winkel Deutschlands zu sein“.

Wie sich die Bilder doch gleichen: „Da der Ort klein ist und die Universität 2500 Studenten hat, beherrschen die Studenten das Straßenbild“, schreibt der Besucher aus Amerika.

Seine Erwartungen über den Verlauf des Kurses waren nicht zu hoch gehängt. „Ich werden diesen Sommer nichts Aufregendes zu erzählen haben; das Leben ist hier so friedvoll, wie man es sich nur wünschen kann. Vielleicht lerne ich in meinem Sommerkurs ein paar amüsante Leute kennen“, schrieb Eliot. Doch wenige Tage später kam bekanntlich alles anders. Am 22. August erreichte Eleanor Hinkley in London eine Postkarte von Eliot, in der er kurz berichtete, dass er fünf Tage von Marburg bis London gebraucht habe. „Die Deutschen haben uns nobel behandelt, wir mussten aber ohne Verbindung mit der Außenwelt zwei Wochen in Marburg ausharren."

Wie es ihm in dieser Zeit erging, schrieb er in einem am 23. August 1914 abgesandten Brief an seine Mutter. Der Direktor des Ferienkurses habe alle Kursteilnehmer ausdrücklich ermahnt, Menschenansammlungen zu meiden und auf der Straße keine fremdsprachlichen Äußerungen zu machen. Dadurch seien alle in Angst versetzt worden. „Es gab wirklich keine Gefahr für uns - nur Hangen und Bangen“, bilanzierte Eliot, der dann nach einer abenteuerlichen Zugfahrt quer durch Europa doch glücklich sein Ziel London erreichte.

„Wie der Krieg zu den Deutschen kam“: So war der anonyme Erlebnisbericht einer amerikanischen Studentin in der „New York Times“ überschrieben, die am Marburger Juli-Kurs teilgenommen hatte. Noch am 29. Juli 1914 hatten die ausgelassenen Kursteilnehmer wegen des Kursendes spontan auf der Schlossterrasse gefeiert und dabei ausgelassen auch englischsprachige Lieder gesungen, bevor sie ein Polizeibeamter mit den Worten „Halt, im Namen des Gesetzes“ gestoppt hatte. Zwei Tage darauf war die Lage ernster. Am Vorabend des Kriegsausbruchs beobachtete die Studentin Umzüge von studentischen Burschenschaftlern, die wegen der Mobilmachung patriotische Lieder wie „Die Wacht am Rhein“ sangen. Der allgemeinen Begeisterung folgte aber schon bald die Ernüchterung. Und auf ihrer Zugfahrt, die sie von Marburg wegführte, kamen ihr die mitreisenden deutschen Soldaten alle „sehr jung und ernst“ vor.

von Manfred Hitzeroth

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