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Massaker kosten 674 Menschenleben

100 Jahre Erster Weltkrieg Massaker kosten 674 Menschenleben

Anfang August 1914 überfielen die kaiserlichen Truppen Belgien: Die Julikrise mündete in den großen europäischen Krieg, der sich schließlich zu einem Weltkrieg ausweitete.

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Erik Claassen (Zweiter von links) im Ersten Weltkrieg mit weiteren Offizieren nach 1914. Das Foto wurde erhalten von Uve Claassen aus Malsfeld.Foto: privat

Marburg. Zu jenen, die am 5. August in das neutrale Nachbarland einfallen, um so schnell wie möglich Paris einzunehmen, gehören auch die jungen Männer des in Marburg stationierten Kurhessischen Jäger-Bataillons Nr. 11. Einer von ihnen ist der stolze „Marburger Jäger“ Udo Rollfing. Er berichtet über die Ereignisse in einem Tagebuch, aus dem Auszüge schon vor 81 Jahren in der Oberhessischen Zeitung veröffentlicht wurden:

„Es war am 4. August 1914, an einem klaren, warmen Sommerabend, als wir Grünröcke durch die Straßen unserer lieben Garnisonstadt Marburg zum Bahnhof marschierten. Mit Trommel- und Pfeifenspiel gings zum Tor hinaus - hinaus zum Kampf, zum Sieg. Begrüßt von den Einwohnern, von Alt und Jung, und vor allem von unseren lieben deutschen Mädchen; noch ein inniger Händedruck, vielleicht der letzte, so marschierten wir in festem Tritt mit Sang und Klang unter dem Jubel der Bevölkerung. (…)

Auf dem Bahnsteig angekommen, ertönte bald das Signal zum Einsteigen. Die Brust bebte, es war mir bald traurig, bald freudig zu Mute. (…) Noch ein Lebewohl, (…) ein Winken, dann rollte der Zug dahin, immer schneller, bis die letzten Lichter von den trauten Höhen Marburgs verschwunden waren.“

Bei „Strafaktionen“ werden Hunderte Belgier getötet

Nachdem St. Vith mit der Eisenbahn erreicht ist, dringen die Angreifer, angeführt vom Bataillonskommandeur MajorMax Graf von Soden (1869-1944), in mehrtägigen Fußmärschen nach Westen vor. Mitte August gelangt die Truppe kampflos nach Dinant, das von französischen Truppen verteidigt wird.

Kaum drei Wochen nach dem Auszug aus Marburg beteiligt sich ein Teil der Marburger Jäger hier an „Strafaktionen“, denen Hunderte belgische Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen.

In Marburg hat die Oberhessische Zeitung derweil ihre Leser über „das tierische Verhalten der Belgier“ und angebliche Gräueltaten unterrichtet, die in Belgien an Deutschen verübt worden seien. Auch unter den Soldaten verbreiten sich Gerüchte: Zivilisten würden sich den Eindringlingen bewaffnet entgegenstellen. Laufend kommt es zu voreiligem Gebrauch der Schusswaffen durch die unerfahrenen Soldaten, so dass sich Truppenteile versehentlich beschießen.

Es ergeht der Befehl, gegen unbegründetes Schießen aus den eigenen Reihen scharf vorzugehen.

Der erste Versuch, am 15. August die Brücke über die Maas zu nehmen, missglückt verlustreich. In den folgenden Tagen gibt es weitere „Aufklärungsgefechte“. Bei Dinant wird ein enormes Militärpotenzial konzentriert. Der Angriff vom 23. August, bei dem das Jäger-Bataillon Nr. 11 einem Truppenteil aus Sachsen unterstellt ist, bringt die Einnahme des Maasübergangs.

Sie ist verbunden mit einem „großen Strafgericht“: An mehreren Orten treiben die Angreifer seit dem frühen Morgen kleinere und größere Gruppen von Zivilisten zusammen und erschießen 312 Menschen. Bei der größten Geiselerschießung am Nachmittag finden als „Abschreckungsmaßnahme“ 137 von ihnen den Tod. Die Massaker kosten insgesamt 674 Menschen das Leben.

Hauptmann Erik Claassen, Führer der 4. Kompanie des Jäger-Bataillons Nr. 11, fasst das, was er von diesen Aktionen der deutschen Soldaten mitbekommt, in seinem Tagebuch in zwei Worten zusammen: „Grauenhafte Bilder.“ Von den Offizieren räumt später nur er eine Mitverantwortung der Marburger Jäger für die Massenerschießungen ein.

Jäger feiern Sieg vor gespenstischer Kulisse

Die französischen Truppen sprengen inzwischen die Brücke über die Maas und ziehen sich dann nach Süden an die belgisch-französischen Grenze zurück, um eine neue Verteidigungslinie aufzubauen. Für die Jäger endet der Tag mit einem alle tief bewegenden Gemeinschaftsgefühl, das Udo Rollfing schildert: „Im Sturmschritt ging es die steilen Maasberge hinauf, über Stacheldraht und Dornenbüsche, und mit Hurra waren wir oben.

Im Tale spielte die Musik „Deutschland, Deutschland über alles“. Der Übergang war erzwungen, die Höhen im Sturm genommen, es war Abend. Ein heißer Tag lag hinter uns, mancher liebe Kamerad war nicht mehr in unserer Mitte.“ Ihren Sieg feiern die Jäger vor einer gespenstischen Kulisse: „Die ganze Stadt brannte, der Tod schlich umher und suchte seine Opfer zu zählen.

Es war ein schaurig-schöner Anblick: diese brennenden Häuser im tiefen Tale.“

Im Kontext der deutschen Kriegspläne erwiesen sich diese Kampfhandlungen in zweifacher Hinsicht als folgenreicher Fehlschlag: Es gelang den Franzosen, den deutschen Vormarsch ein Woche lang aufzuhalten, und die Kriegsverbrechen schadeten dem Ansehen der deutschen Truppen im westlichen Ausland.

Hintergründe zu den Aufzeichnungen

Noch ein Wort zu den hier benutzten Aufzeichnungen. Über Udo Rollfing ist wenig bekannt. Als im August 1933 Auszüge aus seinem Tagebuch veröffentlicht werden, heißt es lediglich, er habe der 3. Kompanie angehört und sei 1918 vor Kriegsende „gefallen“.

Das Tagebuch befand sich damals im Besitz des Bäckermeisters Carl Bersch (1869-1959), dem bis 1919 das Gasthaus „Zum Alten Ritter“ am Markt gehört hatte; später war er Inhaber vom Wiener Café, Am Plan. Anlässlich des 8. Jägertags stellte er 1933 einige Tagebücher von Marburger Kriegsteilnehmern aus; sie gelten heute allesamt als verschollen.

Der aus Schlesien stammende Berufsoffizier Erik Claassen (1880-1957) kam 1913 nach Marburg. Von 1918 an lebte er nacheinander in Berlin, Kassel, Melsungen, dann wieder in Kassel, ehe er sich, inzwischen geschieden, 1932 in Beiseförth, heute ein Ortsteil von Malsfeld im Schwalm-Eder-Kreis, niederließ.

Von der in Marburg tätigen Offiziervereinigung, die darum bemüht war, die Vergangenheit der „Jäger“ zu verklären, hielt Claassen sich fern. 1937 heiratete er ein zweites Mal, das Ehepaar hatte drei Kinder. Der jüngste Sohn von Erik Claassen verwahrt die wichtigen Aufzeichnungen seines Vaters.

Unser Autor Dr. Klaus-Peter Friedrich ist promovierter Historiker, Mitglied der Marburger Geschichtswerkstatt und Mitautor der von der Stadtverordnetenversammlung in Auftrag gegebenen Studie zur Geschichte der Marburger Jäger.

von Klaus-Peter Friedrich

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