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Aus altem Buch wird ein neues Buch

Chronik Aus altem Buch wird ein neues Buch

Die Dorfnamen sollen nicht in Vergessenheit geraten: Horst Köhler hat Informationen über Lohraer Bürger, die in den Ersten Weltkrieg zogen, in einem Buch für die Ewigkeit gesichert.

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Horst Köhler zeigt seinen beiden Schätze: Die von Anna Kraft verfasste Chronik und das daraus vom Hobby-Historiker erarbeitete Werk „Erinnerungen vom 1. Weltkrieg“. Das kleine Bild zeigt eine typische Seite aus dem Werk über das Leben in Lohra vor 100 ­Jahren.

Quelle: Gianfranco Fain

Lohra. Ein gutes Buch ist nicht nur Gold wert, manchmal kann es auch die Idee für ein weiteres Buch in sich tragen. Zu dieser Erkenntnis kam Horst Köhler, als er vor einigen Jahren ein ehemals wohl weißes, schon angegrautes Exemplar eines dünnen Buches im A4-Format in die Hände bekam. Es verfügt zwar über verhältnismäßig wenige Seiten, doch für den Gemeindearchivar waren die Aufzeichnungen einer gewissen Anna Kraft Gold wert; beschreiben die Texte doch, wie es damals in Lohra war, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Kraft berichtet nicht nur von der allgemeinen Mobilmachung, die auch in Lohra am 1. August 1914 stattfand. Sie beschreibt auch, wie die Bevölkerung gespalten war: Ein Teil war begeistert und wollte das Vaterland schützen, ein anderer war in Furcht um Verwandte und vor dem Leid, dass der Krieg unweigerlich mit sich bringen würde, erzählt Köhler.

Zu lesen sind auch Berichte über Goldsammlungen oder der vierten Kriegsanleihe, eine Auflistung von Preisen für Güter des täglichen Bedarfs sowie Gedichte und Erzählungen aus dem Schulalltag - und wie alles unter den Auswirkungen des kriegerischen Konflikts litt. Dokumentationen die jeden, dessen Hobby die Heimat-Geschichte ist, begeistern dürften. Das war bei Köhler der Fall, der nicht nur beruflich mit Geschichte zu tun hatte, sondern dieser auch in seiner Freizeit nachging. So gehört er zum Beispiel zu den Mitbegründern des Lohraer Geschichtsverein, der seit 1992 besteht.

Den wahren Schatz entdeckte Köhler allerdings erst am ­Ende der Kraftschen Aufzeichnungen. Es war eine Auflistung der Soldaten, die Lohra in den Jahren 1914 bis 1918 in Richtung Front verließen. „Rund 160 Soldaten waren es“, sagt Köhler, von denen 19 nicht wiederkehrten. Ihre Namen und Schicksale interessierten den Hobbyhistoriker. Sie wollte er in einem Buch festhalten und beschreiben. Dabei ging es dem gebürtigen Lohraer nicht um Heldenverehrung oder Anklagen, er wollte die Erinnerung an die Namen erhalten. Zum Beispiel an Wissebackesch oder Lindes. „Das sind Dorfnamen. Früher wusste jeder, wer damit gemeint war“, erzählt Horst Köhler. Johannes Laucht wurde zum Beispiel Annliese genannt oder Heinrich Dörr Gottfrieds. „Doch wenn man heute einen jungen Menschen zu jemanden schicken will und den Dorfnamen nennt, wird häufig gefragt, wer das sei.“

Und so machte sich Köhler an die Arbeit. „Übersetzte“ Anna­ Krafts Aufzeichnungen aus Deutschschrift, listete die Namen und Dorfnamen auf, Wohnorte, Auszeichnungen, Geburts- und Sterbedaten. Er recherchierte im Gemeindearchiv, kontaktierte Nachfahren der Soldaten. Mühselig war die Arbeit, gibt es doch viele Schorges oder Platts in der Gemeinde. Drei Jahre sollte er dazu benötigen, bis sein Werk vollständig war und doch nicht ist. „Manche sind aus Lohra weggezogen, andere haben keine Nachfahren mehr“, fand Köhler heraus. Es gibt also einige ungeklärte Schicksale und zudem gab es Nachkommen, die kein Foto oder weitere Daten der Verstorbenen für ein Buch zur Verfügung stellen wollten.

Nun ist das Werk fertig und ergänzt Köhlers Buch über den Zweiten Weltkrieg. Der 74-jährige Hobbyhistoriker hat einige Exemplare binden lassen, drei davon stehen jedem zur Einsicht zur Verfügung: Jeweils ein Buch „Erinnerungen vom 1. Weltkrieg“ ist im Gemeindearchiv Lohra sowie in Marburg im Staatsarchiv und der Universitätsbibliothek vorhanden.

Doch ein Geheimnis bleibt: „Wer Anna Kraft war, konnte ich nicht herausfinden“, sagt Horst Köhler mit einigem Bedauern.

von Gianfranco Fain

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