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Auf einem Spielfeld zum Untergang

Ausstellung zum Ersten Weltkrieg Auf einem Spielfeld zum Untergang

„Nicht, dass sie tot sind, all die Kameraden, ist der Schmerz, sondern, dass man sie vergessen wird. Trotz aller Monumente.“ So endet Walter Kempowskis Roman „Aus großer Zeit“, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielt.

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Harald Pausch und Kerstin Ebert mit dem vielleicht kostbarsten Exponat. Während des Krieges mussten Gummireifen als kriegswichtiger Rohstoff abgegeben werden. Der Ersatz: Felgen mit Spiralfedern. Von diesen Rädern soll es nur noch zwei Exemplare geben. Dieses Rad ist eine Leihgabe von Peter Knack.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Kempowskis Lebensthema war die Vergeblichkeit menschlichen Leidens in Folge staatlicher Gewaltherrschaft. Alles umsonst. Sein Leben lang hat der Autor gegen das Vergessen angeschrieben. Einen Beitrag wider das Vergessen aus der Perspektive der Stadt Kirchhain leistet der Heimat- und Geschichtsverein Kirchhain mit einer Sonderausstellung zum Ersten Weltkrieg. „Der Krieg - ein Kinderspiel!?“ ist die Ausstellung überschrieben, die noch bis zum 28. September in den Vereinsräumen im Hause Biegenstraße 7 zu sehen ist. Die Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag von 17 bis 19 Uhr und Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr.

Um es vorweg zu nehmen: Den Ausstellungsmachern mit Harald Pausch und der Vereinsvorsitzenden Kerstin Ebert an der Spitze ist etwas Großartiges gelungen. Die Ausstellungsmacher haben gar nicht erst versucht, die Ausstellungsbesucher mit Wikipedia-Wissen über den Ersten Weltkrieg mit seinen 10 Millionen Kriegstoten und 20 Millionen Verwundeten zu langweilen. Stattdessen erzählen sie die Geschichte des Krieges konsequent aus der Sicht der Stadt und ihrer 500 Kriegsteilnehmer, von denen 99 Soldaten ums Leben kamen. Ihre Namen stehen auf einem Monument im Kirchhainer Annapark.

Eine geradezu geniale Idee liegt der Ausstellungsstruktur zu Grunde: „Der Völkerkrieg“ war ein vor 100 Jahren beliebtes Kinderspiel, dessen Intention viel über den Militarismus und Zeitgeist jener Zeit verrät. Während der Ausstellungseröffnung zitierte Harald Pausch aus der Spielanleitung: „Wenn Euch der Vater oder Bruder von den Kämpfen und Siegen unserer braven Soldaten erzählt, da habt Ihr doch sicher alle den Wunsch, auch einmal Kam-pfesfreude und Siegesjubel, aber auch Leiden und Entbehrungen eines Krieges durchkosten zu dürfen.“

Ein Kinderspiel führt durch die Ausstellung

Die einzelnen Stationen dieses Brettspiels bilden verschiedene Kriegssituationen ab und sie führen am Ende zur völligen Vernichtung einer Stadt. Für die Ausstellungsbesucher ist das Spiel auf dem Fußboden nachgezeichnet und sie führen jeweils zu Exponaten, die der im Würfelspiel auf den Ereignisfeldern beschriebenen Situation entsprechen.

Die Reise zum Untergang beginnt in der Vorkriegszeit. Die Kirchhainer haben sich in der Kaiserzeit behaglich eingerichtet, die Stadt prosperiert und die Geschäftsleute machen in der Stadt der Märkte und des Handels gute Geschäfte. Fast allen gemeinsam ist die Verehrung für „unseren jungen, herrlichen Kaiser“. Wilhelm II. ist weder jung noch herrlich ist, sondern ein ungehobelter, vulgärer, wankelmütiger, feiger und fauler Schnösel, der seiner Mutter großen Kummer macht. „Er ist so roh, unangenehm und frech wie nur möglich“, klagte sie über den selbsternannten „Amtmann Gottes“, der 70 Schlösser und Herrensitze und 120000 Hektar Land besaß, und sich von 2000 Hofbediensteten umsorgen ließ.

Zu den Freuden seines kaiserlichen Lebens gehörten die öffentliche Demütigung seiner Offiziere und die Jagd. Von seiner größten Heldentat aus dem Dezember 1902 zeugt ein Granitblock auf dem Gut des Fürsten Henckell von Donnersmarck mit der Inschrift: „Hier erlegte S. M. Kaiser Wilhelm II. Allerhöchst seine 50000. Kreatur, einen weißen Fasanhahn.“

All das wissen die Kirchhainer nicht. Die Männer stürmen zum Kriegsausbruch die Rekrutierungsbüros, viele wollen beim vaterländischen Ringen dabei sein. Wenn die Militärkapelle durch die Stadt zieht, laufen die Kinder neben dem Mann mit dem Schellenbaum her. Das wird von den Militärs gern gesehen. Die Kinder von heute sind die Soldaten von morgen. „Zum Frühstück nach Paris“, steht auf Güterwaggons, die die Rekruten an die Front bringen. Die Fahrt endet nicht in Paris, sondern auf den Schlachtfeldern in Frankreich und Belgien, wo ein unendlicher und militärisch sinnloser Stellungskrieg tobt.

Karl Schmitt ist Kirchhains erster Kriegstoter

Für die Männer im Feld weicht die Euphorie schnell dem Entsetzen. Und die Heimat erreichen schlechte Nachrichten: Der Schuhmachermeister Karl Schmitt steht auf der Verlustliste des Reserveinfanterie-Regiments Nr. 83, Marburg. Der Gefreite fiel wenige Wochen nach Kriegsausbruch am 28. August 1914. Der Schuhmacher ist Kirchhains erster Kriegstoter, der erst 18-jährige Kriegsfreiwillige Daniel Bohl wird zum jüngste Opfer der Stadt. Er fiel am 16. Mai 1915 bei La Bassée in Frankreich.

Die Besucher passieren auf dem Rundgang etlicher solcher Einzelschicksale, ehe sie auf dem Feld 100 Anlagen gelangen: Dort steht der Grabstein von Ferdinand Käß. Dieser ist das letzte erhaltene Grabmal eines im Ersten Weltkrieg umgekommenen Kirchhainer Soldaten.

Ausstellungsbesucher, die sich auf die vielen Dokumente einlassen und sich die Zeit zum Lesen nehmen, werden viel über das Denken der Menschen in Kirchhain vor und während des ersten industrialisierten Massenvernichtungskriegs lernen. Sie können sich dieses Wissen aber auch mit nach Hause nehmen, denn Harald Pausch hat ein Buch mit dem Titel „Kirchhain im Ersten Weltkrieg“ geschrieben, das während der Öffnungszeiten in den Ausstellungsräumen verkauft wird.

Zu sehen gibt es neben den Dokumenten und vielen Fotos auch tolle Exponate von hohem musealen Rang. Diese stammen aus dem Kleinen Dachmuseum der Bürgergarde Kirchhain oder sind Leihgaben.

Entsprechend begeistert zeigten sich die Ehrengäste bei der Ausstellungseröffnung. Lobende Worte fanden Landrätin Kirsten Fründt und der Kreistagsvorsitzende Detlef Ruffert. Und Bürgermeister Jochen Kirchner konstatierte zu Recht, dass die Ausstellung weitaus mehr biete, als man von einer regionalen Ausstellung erwarten dürfe.

Kerstin Ebert kündigte an, dass die auch Schulklassen zum Besuch der Ausstellung einladen werde. Diese hat großen Zuspruch verdient - nicht nur wegen ihrer Qualität, sondern auch wegen der vielen Arbeit, die erkennbar in ihr steckt. Harald Pausch bekannte: „Ich habe meiner Frau versprechen müssen, dass ich die nächste Ausstellung erst in 100 Jahren gestalte.“ Mögen diese 100 Jahre schnell vorübergehen.

von Matthias Mayer

Dokumentation aus der Ausstelung: Feldpost von der Front.

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Feldpost von der Front

Die Ausstellung zeigt zahlreiche Feldpostbriefe Kirchhainer Soldaten. Die OP dokumentiert einige dieser:

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