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Auch Uni war Teil der Heimatfront

Serie "Erster Weltkrieg" Auch Uni war Teil der Heimatfront

An der Philipps-Universität veränderte der Erste Weltkrieg den Studienalltag radikal. Obwohl viele Studenten in den Krieg zogen, wurde der Lehrbetrieb - wenn auch eingeschränkt - weiter aufrechterhalten.

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Mit dieser zum Uni-Jubiläum 1927 aufgestellten Löwen-Skulptur, die jetzt vor dem Uni-Hörsaalgebäude steht, erinnert die Universität an ihre Toten beider Weltkriege. 

Quelle: Manfred Hitzeroth

Marburg. Im Sommersemester 1914 waren rund 2500 Studenten an der Marburger Universität immatrikuliert. Mehr als 70 Prozent der Studenten und mehr als die Hälfte der Dozenten leistete in der Folge ihren Kriegsdienst für Deutschland im Ersten Weltkrieg ab, der am 1. August vor 100 Jahren begann. Diese Zahlen nannte die Marburger Historikerin Dr. Andrea Wettmann in ihrer in 2000 veröffentlichten grundlegenden Studie mit dem Titel „Heimatfront Universität. Preußische Hochschulpolitik und die Universität Marburg im Ersten Weltkrieg“, für die ihre Marburger Doktorarbeit aus dem Jahr 1997 die Grundlage bildete.

„Im Vergleich zu den anderen Universitäten hat die Philipps-Universität keine Sonderrolle gespielt“, macht Wettmann deutlich. Allerdings waren die linksliberalen Professoren im Gegensatz zu anderen Uni-Städten wie etwa Heidelberg deutlich in der Minderheit. Zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte war im von 1914 bis 1918 dauernden Ersten Weltkrieg auch die Zivilbevölkerung in die Mobilmachung einbezogen. Auch die Marburger Hochschule war Teil der „Heimatfront“.

Junge, kriegsbereite Studenten

„Es war das oberste Ziel der Universitätsangehörigen, alles zu tun, um dem Krieg und dem Vaterland zur Verfügung zu stehen“, erklärt die Marburger Historikerin. Vor allem lieferte die Universität junge, kriegsbereite Studenten für den „Vaterländischen Krieg“, die auch in Marburg von der Kriegsbegeisterung im August 1914 angesteckt worden waren. Doch bereits in den ersten drei Monaten des Krieges starben 55 Studierende auf den Schlachtfeldern. Mehrere hundert im Krieg gefallene Studenten folgten.

Grundlage ihrer Doktorarbeit bildete die Analyse von Akten, Briefen und Tagebüchern sowie Gespräche mit zwei Zeitzeuginnen. Zu den Quellen zählten die Spezialakten des damals für die Universität Marburg zuständigen preußischen Kultusministeriums und das Schriftgut der Marburger Universitätsverwaltung, aber auch Feldpostbriefe von Marburger Studenten.

Aus den Briefen der Studenten aus dem Krieg ist zu erkennen, wie schnell in den „Stahlgewittern“ des brutalen Krieges bei den Kriegsteilnehmern die Ernüchterung den „Hurra-Patriotismus“ ablöste.

Selbst stramm deutschnationale Professoren waren am Ende des Krieges verzweifelt über die Auswirkungen wie den Tod vieler ihrer Studenten (siehe „Kriegstagebuch“). Die Marburger Professoren blieben größtenteils an der Universität, weil der Lehrbetrieb weiterlaufen sollte. Eine ihrer Aufgaben war es, der Bevölkerung in allgemein verständlichen Vorträgen politische, militärische und sonstige Hintergründe zum Krieg zu erklären. Ansonsten waren die Medizin-Professoren auch viel beschäftigt, die Kriegsverwundeten in den unter anderem in mehreren Kliniken aufgebauten Lazaretten zu behandeln.

Krieg beeinflusste die Inhalte kaum

Eine Besonderheit im Ersten Weltkrieg war wegen der kriegsbedingten Abwesenheit vieler Studenten die erstmalige Überzahl der Studentinnen in Vorlesungen und Seminaren. „Vielen Professoren gefiel das aber gar nicht. Sie beklagten eine Verschlechterung des Niveaus an der Universität wegen der Studentinnen“, erzählt Andrea Wettmann.

Zu laut beklagten sich die Professoren allerdings auch nicht, denn die Marburger Hochschullehrer waren besonders in Kriegszeiten auf die Hörergelder aller Besucher der Vorlesungen und Seminare angewiesen. Neben der stetig wachsenden Zahl von Studentinnen profitierten von dem immer noch umfangreichen Lehrangebot an der Marburger Hochschule im Verlauf des Kriegs auch die zahlreichen studentischen Kriegsheimkehrer. Obwohl die Organisation des Unterrichts an der Universität durch den Krieg beeinflusst worden sei, hätten kriegsspezifische Inhalte jedoch kaum dessen Inhalte beeinflusst, analysiert die Marburger Forscherin.

Entschieden negativ wirkten sich die Kriegsjahre auf die Situation der Forschung aus. „Die besonders an der Medizinischen Fakultät gestiegene Arbeitsbelastung der Professoren, fehlendes wissenschaftliches Personal, der Mangel an Rohstoffen, vor allem aber der Kriegsdienst an sich führten bei etablierten Universitätslehrern, in noch stärkerem Maße aber bei dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu einer ganz erheblichen Verminderung der Forschungsleistungen“, berichtet Wettmann.

von Manfred Hitzeroth

Hintergrund: Kriegstagebuch

In seinen Kriegstagebüchern vermittelte der Marburger Altphilologe Professor Theodor Birt ein anschauliches Bild des Alltags und der Gedankenwelt eines Professors in Marburg im Ersten Weltkrieg.
 Dominierte im August 1914 noch seine Euphorie über den Ausbruch des Kriegs, so notierte Birt bereits Ende 1915 eher seine Erfahrungen mit dem allgegenwärtigen Hunger. Er schrieb während des so genannten „Kohlrübenwinters“ im Winter 1916/1917: „Mir ist flau. Meine Flauheit kommt vom Hunger. Ich fühle mich so schwächlich, daß ich mich legen möchte. Trotz allem, was ich mir gelegentlich extra leiste, fühle ich, daß meine Ernährung nicht genügt. Jetzt hab ich meine gute Buchweizengrütze nicht mehr, auch keine Nudeln und Maccaroni mehr!“
Noch einmal packte den deutschnationalen Professor die Begeisterung im Laufe der deutschen Frühjahrsoffensive im März 1918. Er schrieb in seinem Kriegstagebuch: „Mein Geburtstag war der große Schlachttag, und unser Vorstoß ist augenscheinlich sofort geglückt. Eine nachträgliche Kampferregung, ein Schlachtenfieber kommt über Einen, und mit förmlich vibrierenden Nerven lauf ich auf die Straße, und möchte jedem die Hände schütteln: eine Stimmung wie bei den ersten Siegen des Jahres 1914.“
 Die bald folgende endgültige Niederlage der deutschen Armee empfand Birt auch als persönliche Niederlage. Sein Kriegstagebuch beendet er mit folgenden Worten: „Es tönt mir immer in den Ohren: der Krieg ist verloren! Mir ist elend, elend zum Umkommen zu Mut; ein Würgen in mir, als müßte ich mich erbrechen. Bismarcks Werk zerstört! So rasch kommt die Wendung! Mein Vaterlandsstolz dahin, den ich als Jüngling gelernt und durch mein Leben getragen habe. Es ist mein Los, zu irren, für Sachen zu erglühen, die Schiffbruch leiden.“

Kriegswichtige Forschung:

An der Marburger Universität  gab es im Ersten Weltkrieg auch eine ­ganze Reihe von Forschungsprojekten, die als kriegswichtig galten.
Zwar gab es im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg im Ersten Weltkrieg keinen amtlich angeordneten „Kriegseinsatz der Wissenschaften“ an den deutschen Universitäten. Dennoch habe der Erste Weltkrieg das Forschungsinteresse auch einiger Marburger Wissenschaftler beeinflusst, schreibt die Historikerin Andrea Wettmann in ihrem Buch über die Universität Marburg zwischen 1914 und 1918.
So sei beispielsweise ein Mathematiker der Uni Marburg mit einem Geheimprojekt beim Stellvertretenden Großen Generalstab betraut gewesen. Dabei habe er an der Auswertung von Flugzeugaufnahmen zur Herstellung militärischer Karten mitgearbeitet.

Der Direktor des Marburger Physikalischen Instituts publizierte eine Abhandlung, in der es um das Thema der Sichtbarkeit der Unterseeboote von Luftfahrzeugen ging.

Lehrwerkstatt für Kriegsbeschädigte

Ein Physiker in der Universität baute eine Lehrwerkstatt für Kriegsbeschädigte auf, in der Zünder für Granaten hergestellt wurden. Ein Geologe kam auf die Idee, die Herstellung synthetischer Diamanten vorzuschlagen. Dieser etwas ausgefallene Vorschlag zur Gewinnung von für den Waffenkauf nutzbaren Reichtümern verließ allerdings nie das Planungsstadium.

Vor allem einige Gebiete der Medizin boomten im Krieg: Die Kinderheilkunde und die Lehre von den Hautkrankheiten wurden in Marburg jetzt fest installiert. Das lag bei der Dermatologie daran, dass die Geschlechts- und Hautkrankheiten vor allem aufgrund der Promiskuität der Soldaten sowie wegen der schlechten Hygiene-Situation rapide zunahmen.

Der Direktor des zahnärztlichen Institutes veröffentlichte gleich zwei Publikationen. Noch während seines Militärdienstes veröffentlichte er das Werk „Die zahnärztliche Hilfe im Felde. Ein Kompendium für Ärzte“. Außerdem publizierte er zum Thema „Über Kieferverletzungen im Felde“.

Seine kieferchirurgischen Erfahrungen wandte er auch bei der Behandlung von Kieferverletzten im Marburger Reservelazarett an, wo es unter anderem um die Behandlung von Spätschäden und die Herstellung von Prothesen ging.

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