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Museum des Unerträglichen: Wiens alptraumhafter Narrenturm

In Wien gibt es das passende Museum zur dunklen Jahreszeit: den Narrenturm mit der größten und ältesten pathologischen Sammlung der Welt. Extrem verstörend. Garantiert unvergesslich.
Bizarres Ausstellungsstück: Dieser Kopf wurde angeblich aus dem Magen eines Haifisches geborgen.

Bizarres Ausstellungsstück: Dieser Kopf wurde angeblich aus dem Magen eines Haifisches geborgen.

© Christoph Driessen

Wien. Wien und der Tod - das sei eine ewige Liebe, sagt man. Da gibt es den Zentralfriedhof mit den Gräbern von Beethoven, Falco und drei Millionen anderen Toten, da gibt es die Katakomben unter dem Stephansdom mit ihren aufgestapelten Pestgerippen. Doch keine dieser Attraktionen hinterlässt einen so bleibenden Eindruck wie der

Narrenturm mit seiner pathologisch-anatomischen Sammlung. Besucher seien gewarnt: Die Bilder aus diesem Turm werden sie so schnell nicht mehr los.

 

Der Narrenturm wurde 1784 fertiggestellt. Er ist ein kreisrunder, fünfstöckiger Zylinder mit 139 Zellen, in denen Geisteskranke festgekettet waren. Anstelle von Narren beherbergen die Zellen heute alle vorstellbaren und unvorstellbaren Monstrositäten. Der Narrenturm gilt als das größte und älteste pathologische Museum der Welt.

Man kann die etwa 50 000 Objekte grob in zwei Bereiche einteilen: in Spiritus eingelegte Leichen oder Leichenteile und wächserne Nachbildungen erkrankter Körperteile. In der Epoche vor Erfindung der Farbfotografie waren diese Modelle bei der Ausbildung junger Mediziner unerlässlich.

Die Anfertigung der sogenannten Moulagen war extrem teuer: "Eine Moulage herzustellen, dauert 48 Stunden im Dauereinsatz", erläutert Prof. Maria Teschler-Nicola, Direktorin der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums, der die Sammlung seit 2012 angegliedert ist. Dementsprechend sind manche Moulagen - und mögen sie auch ein Vaginalkarzinom darstellen - wie Kunstwerke eingerahmt.

Es ist unmöglich, das Museum zu besuchen, ohne mit eigenen Ängsten vor Krankheit und Tod konfrontiert zu werden. "Primäreffekt der Syphilis am männlichen Geschlechtsteil", steht auf einem alten Lehrposter, an dem sich gerade eine Schülergruppe entlangschiebt. Wegschauen kann man nicht, denn links und rechts sind weitere Unerträglichkeiten ausgestellt: Pestlunge, Aleppo-Beule, Tuberkulose des Fingers, Erfrierungen dritten Grades, Pockengesicht... Da wirkt die Körpersteinsammlung eines lang verblichenen Urologen geradezu putzig.

Bizarr ist der Totenschädel eines Teilnehmers der ersten Weltumseglung der österreichischen Kriegsmarine von 1858: Der Kopf wurde von seinen Kameraden angeblich aus dem Magen eines Haifisches geborgen.

Die Feuchtpräparate sind nicht allgemein zugänglich, sondern nur nach vorheriger Anmeldung. "Wir haben immer im Hinterkopf, dass da eigentlich ein Mensch dahintersteckt", erläutert Eduard Winter. Er ist der Verwalter der Sammlung, ein erstaunlich munterer junger Mann mit Spitzbart und weißem Kittel.

Ihn selbst belastet sein Arbeitsplatz nicht im Geringsten. "Im Gegenteil, für mich ist es aufbauend: Ich geh' hier durch und denke: "Ein Glück, die Krankheit da, die kannst du heute auch nicht mehr bekommen!"" Ähnlich dürfte auch zu erklären sein, warum sich überhaupt jedes Jahr 25 000 Menschen dem Horror dieses Museums aussetzen: Indem man die Entstellungen der Kranken betrachtet, vergewissert man sich der eigenen Normalität.

dpa


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