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Kommt mehr Tierwohl aus der Marktnische heraus?

Ernährung Kommt mehr Tierwohl aus der Marktnische heraus?

Angesichts von Kritik an der Massentierhaltung schließen sich Handel und Ernährungsbranche zusammen, um freiwillige Verbesserungen in den Ställen anzustoßen - mit einem neuen Ansatz für den Millionenmarkt.

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Beim Einkaufen von Fleisch und Wurst fragen sich viele Verbraucher inzwischen, unter welchen Bedingungen die Tiere wohl gelebt haben.

Quelle: Ingo Wagner

Berlin. Es soll kein weiteres Spezial-Siegel für die Packung sein. Im hartumkämpften Lebensmittelmarkt wollen Landwirtschaft, Fleischhersteller und der Einzelhandel höhere Standards bei der Tierhaltung verankern - und zwar auf breiter Front. Nach längeren Verhandlungen ist eine gemeinsame "Initiative Tierwohl" startklar, die Anreize über Bonuszahlungen für Landwirte geben soll. Wie das neue System bei den Supermarktkunden ankommt, muss sich noch zeigen.

 

Warum wird die Ernährungsbranche aktiv?

 

Riesige Ställe mit tausenden Schweinen oder Puten stehen nicht nur bei Tierschützern in der Kritik. Beim Einkaufen von Fleisch und Wurst fragen sich inzwischen auch viele Verbraucher, unter welchen Bedingungen die Tiere gelebt haben. In einer Umfrage im Auftrag des Bundesernährungsministeriums sagten 44 Prozent der Befragten, auf entsprechende Standards zu achten. Orientierung bieten schon mehrere Logos, die Produkte kosten meist auch mehr. Der Massenmarkt ist dadurch aber nicht in Bewegung gekommen - hier will die Initiative ansetzen. "Damit kriegen wir Tierwohl aus der Nische heraus in die Fläche", sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Bauernverbands.

 

Was plant die Initiative?

 

Ausgelegt ist das System für die großen Mengen der Discounter und Supermarktketten. Die Handelsunternehmen zahlen demnach in einen Fonds ein, aus dem Landwirte für zusätzliche Leistungen gezielt honoriert werden. Vorgesehenes Volumen für die ersten drei Jahre: bis zu 195 Millionen Euro. Dabei geht es um Verbesserungen, die über die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen. Bauern können freiwillig mitmachen, müssen sich dann aber kontrollieren lassen. Als Trägerin gründeten mehrere Branchenverbände eine "Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung". Starten soll das neue System möglichst Anfang 2015 - für Schweine und wohl auch für Geflügel.

 

Wie sollen die Bonuszahlungen für Bauern funktionieren?

 

Pflicht für teilnehmende Höfe sind bestimmte Grundanforderungen, die pauschal mit 500 Euro Bonus pro Jahr vergütet werden. Dazu gehört, Angaben aus Befunden der Schlachthöfe in eine Datenbank zu speisen. Sie lassen Rückschlüsse auf Haltungsmängel zu. Dazu müssen Landwirte nach dem Baukastenprinzip Extra-Kriterien wählen, für die es jeweils Zuschläge gibt - etwa, dass nicht nur Fertigmischungen verfüttert werden, sondern Heu. Honoriert wird, wenn Bauern in offene Ställe mit viel Frischluft und Tageslicht investieren oder auf betäubungslose Ferkelkastration verzichten. Zusammenkommen müssen so Mindestbeträge, die pro Tier gezahlt werden: ein Euro in der Ferkelaufzucht, zwei Euro für die Zuchtsauenhaltung und drei Euro in der Schweinemast.

 

Was sagt der Handel?

 

Dabei sind alle Handelsriesen, die für 90 Prozent des Marktes stehen. "Mit der Initiative kommen wir den Wünschen der Verbraucher nach einem Mehr an Tierschutz nach", heißt es bei der Metro-Gruppe, die mit ihren Real-Märkten vertreten ist. Aldi und Edeka verweisen auf ihre unternehmerische und gesellschaftliche Verantwortung. In den Fonds zahlen die Händler vier Cent je verkauftes Kilo Schweinefleisch und Wurst ein. Dies bezieht sich auf ihre gesamte Verkaufsmenge - unabhängig vom Anteil der Lieferungen aus teilnehmenden Ställen mit mehr Tierwohl und unabhängig vom aktuellen Marktpreis für Fleisch.

 

Was ändert sich für die Verbraucher?

 

Wie die Kunden in den Supermärkten informiert werden, ist noch offen. Sie sollen erkennen können, dass eine Kette bei der Initiative dabei ist, heißt es beim QS-Prüfsystem als Koordinator. Über ein Konzept wird diskutiert. Dabei spricht sich Lidl dafür aus, eine Teilnahme an der Initiative auf der Verpackung zu kennzeichnen. Ob und wie der Handel Mehrkosten möglicherweise auf die Preise aufschlagen könnte, muss sich ebenfalls zeigen. "Der Preis für unsere Produkte richtet sich nach der Marktlage", erläutert eine Sprecherin von Aldi Süd.

 

Wie geht es weiter?

 

"Der Erfolg der Initiative wird davon abhängen, wie die Kriterien für mehr Tierschutz konkret aussehen werden und wie viele Landwirte sich beteiligen", sagt Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU). Laut Bauernverband dürfte ein gutes Viertel der 27 000 Schweinehalter zum Start dabei sein. Die Pläne werden noch vom Bundeskartellamt geprüft. Angestrebt wird, dass weitere Unternehmen der Lebensmittelproduktion einsteigen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hält das System dagegen für unzureichend und zu wenig transparent. Eine gesetzliche Haltungs-Kennzeichnung sei das einzige Instrument, damit Verbraucher Tierschutz an der Ladentheke praktizieren könnten.

dpa

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