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Ernährung

Foodsharing will Lebensmittel vor der Mülltonne "retten"

Verteilen, statt wegwerfen: Die Initiative Foodsharing sammelt in Konstanz und anderen Städten Lebensmittel ein, die andere in die Mülltonne schmeißen, und verteilt sie weiter.
Wer Lebensmittel nicht wegwerfen möchte, informiert die Foodsharer. Sie holen die Produkte ab und teilen sie mit anderen.

Wer Lebensmittel nicht wegwerfen möchte, informiert die Foodsharer. Sie holen die Produkte ab und teilen sie mit anderen.

© Patrick Seeger

Konstanz. Das kostenlose Essen ist heiß begehrt.

Die Bilanz von Andreas Kramer lässt sich sehen: Eine Kiste Birnen, drei Bund Radieschen, vier Gurken und zwei Kilo Trauben hat er an diesem Markttag "gerettet". Der Doktorand ist Teil der Konstanzer Initiative Foodsharing, die Essen lieber verteilt, statt wegzuschmeißen. Auf Fahrrädern klappern er und seine Mitstreiter Marktstände und Betriebe ab und sammeln Lebensmittel ein: Obst mit kleinen Dellen, Brot vom Vortag oder nichtverkauftes Gemüse. "Wenn man die Marktstände anspricht, reagieren eigentlich alle positiv und finden es gut, was wir machen", sagt Kramer. Die Lebensmittel bringen sie dann an drei sogenannte "Fairteiler" in der Stadt, wo sie für jeden zur Abholung bereitstehen.

Die Abnehmer seien ganz unterschiedlich, sagt Ilmari Thömmes, der ebenfalls bei Foodsharing mitmacht: "Leute aus der Umgebung, Studierende, aber auch Leute, die man aus dem Tafelladen kennt, holen sich die Lebensmittel. Das Zeug ist immer ruckzuck weg". Langfristig sei es das Ziel, ein Bewusstsein für Müll zu schaffen, sagt der 22-Jährige. "Wenn wir sehen, dass Lebensmittel in einem Betrieb weggeschmissen werden, bieten wir an, dass wir es abholen. Wichtig ist, dass das alles ohne Geld läuft."

Initiativen wie Foodsharing, die sich in den letzten Jahren in zahlreichen Städten in Deutschland entwickelt haben, hätten einen "sozialen Ansteckungsprozess", sagt der Soziologe Ulf Liebe. "Es scheint gerade eine Art Hype in bestimmten sozialen Kreisen zu geben: "Da mach ich mal mit." Es ist ein Bewusstsein in der Gesellschaft vorhanden und durch solche Projekte haben Menschen die Chance, dem nachzugehen."

Das Internet spiele dabei eine große Rolle, sagt der Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltige Gesellschaftsentwicklung an der Universität Bern. Über Netzwerke wie Facebook ließen sich Informationen austauschen und Aktionen koordinieren. "Viele Personen sind der Ansicht: "Alleine kann man nicht viel ausrichten." Wenn sie aber sehen, dass schon andere mitmachen, dann steigert das ihre Bereitschaft, selbst anzupacken."

In Konstanz spenden derzeit rund 20 Betriebe regelmäßig Lebensmittel an die Initiative Foodsharing. "Sachen, die wir nicht mehr verkaufen, teilen wir gerne mit Bedürftigen", sagt ein Markthändler, der sich daran beteiligt. "Wir wollen mit unseren Lebensmitteln nachhaltig sein. Im Grunde müsste das jeder machen."

Auch Christine Agorastos stört schon lange, dass so viel weggeschmissen wird. Sie hat das erste Repair-Café in der Stadt gegründet. Toaster, Laptops, Kassettenrekorder, Staubsauger und vieles mehr werden dort von tüchtigen Handwerkern und Hobby-Elektronikern wieder in Schuss gebracht. Statt auf dem Müll zu enden, können die Sachen danach wieder verwendet werden. "Das Projekt zieht seine Kreise", sagt Agorastos. "Überall kommen neue Repair-Cafés dazu."

"Das entspricht unserem Zeitgeist", sagt auch der Student Sebastian Tetzlaff. Statt Geld für teure Möbel auszugeben, haben er und sein Mitbewohner ihre Wohnung mit Hilfe der Internetplattform "Verschenk's Konstanz" kostenlos eingerichtet. Sofas, Tische und viele andere Gegenstände werden dort täglich verschenkt. 21 284 Mitglieder hat die Facebook-Gruppe des Projekts inzwischen.

"Bisher ist es keine Massenbewegung", sagt Liebe mit Blick auf die Initiativen. "Die Frage ist, unter welchen Bedingungen bekommt das Ganze eine größere Tragweite. Die Einstellung allein reicht nicht, Geld und Strukturen müssen da sein. Wenn verschiedene Akteure der Gesellschaft einspringen, beispielsweise Supermärkte reagieren würden, wäre das eine enorme Chance und so was könnte sich etablieren."

dpa


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