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Zeitungsleser unter den Azubis sind fit

"Zeitung und Ausbildung in Hessen" Zeitungsleser unter den Azubis sind fit

Während andere junge Leute ihres Alters im Internet surften oder auf dem Smartphone eine Kurznachricht (SMS) tippten, haben sie Tageszeitung gelesen. Und das ein ganzes Jahr lang sechsmal die Woche, im Durchschnitt 20 Minuten täglich.

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Fast 200 Ausbilder und Vertreter der Unternehmen kamen zur Abschlussveranstaltung ins Kinopolis in Gießen.

Quelle: Friese

Marburg. Dass fast 90 Prozent der zu Beginn rund 380 Teilnehmer am Projekt „Zeitung und Ausbildung in Hessen“ ein solches Durchhaltevermögen zeigten, freute Hans Georg Schnücker, Vorsitzender des Verbandes Hessischer Zeitungsverleger, ganz besonders. Nicht nur, weil die Azubis damit ihre Wertschätzung für dieses Projekt des Verbandes zeigten, sondern auch, weil jeder für sich selbst davon profitiere.

„Das Einzige, was den Muskel da oben trainiert, das ist das Lesen“, betonte Schnücker, als er gestern in einem der großen Säle des Gießener „Kinopolis“ fast 200 Auszubildende von knapp 100 Unternehmen zuzüglich Betreuer und Projektbeteiligter zur Abschlussveranstaltung begrüßen konnte. Nachdem jetzt alle bei diversen, auch monatlichen Tests über Faktenwissen Textverständnis oder Rechtschreibung gewonnenen Daten ausgewertet sind, berichtete der wissenschaftliche Leiter Professor Gregor Daschmann von der Mainzer „forum! Marktforschung GmbH“ von einem „Ergebnis, das wir in dieser Form nicht erwartet hatten“.

Zumal ein „fulminantes Nachrichtenjahr hinter uns liegt“, in dem die Meldungen von neuen Krisenherden förmlich „auf die Auszubildenden eingeprasselt sind“. Wie Daschmann anhand einer abschließenden Umfrage unter den Azubis feststellte, war der von jedem selbst eingeschätzte Grad der Informiertheit über das weltpolitische Geschehen von zirka 30 Prozent vor einem Jahr dennoch auf nunmehr über 50 Prozent angewachsen. Was sich der Publizistik-Experte der Uni Mainz nur damit erklären konnte, dass die jungen Leute, motiviert durchs Zeitunglesen, über aktuelle Themen „mehr wissen möchten“. Letzteres belege auch die gegenüber dem Projektstart merklich zugenommene Nutzung der Medien Internet, Fernsehen und Radio, so Daschmann.

Zeitunglesen fördert soziale Intelligenz

Eine Kontrollgruppe mit 147 Azubis, die keine Zeitung zugestellt bekamen, zeigte da einen genau gegenläufigen Trend. Für den wissenschaftlichen Leiter sind diese Erkenntnisse „etwas ganz Tolles“.

Belegten sie doch, dass die durchschnittlich 21-Jährigen entgegen den über diese Altersgruppe häufig geäußerten Vorurteilen sehr wohl Interesse zeigen. „Durch die Teilnahme sind sie auch selbstbewusster geworden“, ergänzte Daschmann. Genauso gerne dürften die Unternehmensvertreter im Saal von Hans Georg Schnücker vernommen haben, dass damit ein „sichereres Auftreten“ verbunden ist. Gleichzeitig fördere Zeitunglesen neben kognitiven Fähigkeiten die soziale Intelligenz und bereite auf das Zusammenarbeiten mit anderen Menschen vor.

Daher legte Schnücker seinen jungen Zuhörern ans Herz: „Bleiben Sie dabei, lesen Sie Zeitung, egal ob in Print- oder digitaler Version.“ Abschließend dankte er allen Projektbeteiligten für die Unterstützung und den dadurch zustande gekommenen Erfolg.

Für drei junge Frauen hatte sich die Teilnahme an der mit einem Stehempfang mit Imbiss und exklusiver Vorführung des neuen Kinofilms „A most wanted man“ fortgesetzten Veranstaltung besonders gelohnt. So gewannen bei einer Verlosung die Auszubildenden Anna Herbel (Landkreis Gießen), Fabienne Hofmann (Universität Gießen) und Leonie Nagel (DAK Wetzlar) jeweils einen iPad mini.

von Frank O. Docter

Hintergrund
„Zeitung und Ausbildung in Hessen“ ist ein Projekt des Verbandes Hessischer Zeitungsverleger mit dem Ziel, Allgemeinwissen und sprachliche Kompetenz von Auszubildenden  zu erhöhen. Dazu erhalten die Azubis aller teilnehmenden Unternehmen ein Jahr lang die Ausgabe einer regionalen Tageszeitung. Über ein Online-Portal nehmen sie monatlich an   Wissens- und Kompetenztests mit Fragen zu Themen aus Politik, Wirtschaft,   Kultur und Sport teil. Mittels einer Vergleichsmessung wird nach dem Projektjahr ermittelt, welchen Effekt die regelmäßige Zeitungslektüre – in Verbindung mit begleitenden Aufgaben  – auf die Kenntnisse und Ausdrucksfähigkeiten der Teilnehmer hat. Gregor Daschmann, Professor am Institut für Publizistik der Uni Mainz, ist als Projekt-Leiter für die wissenschaftliche Konzeption verantwortlich. Schirmherr  des Projekts ist Ministerpräsident Volker Bouffier.
Teilnehmer aus dem Kreis und freie Plätze

Für die Dauer von zwölf Monaten erhalten die Auszubildenden täglich die OP nach Hause geliefert. Ziel des Projektes ist es, die Lesekompetenzen der Teilnehmer zu steigern, die Rhetorik zu verbessern und die Allgemeinbildung zu fördern. Die Initiative richtet sich dabei an Auszubildende aller Berufsgruppen vom ersten bis zum dritten Lehrjahr.

  • Folgende heimische Firmen und Institutionen, die ausbilden, beteiligen sich im Ausbildungsjahr 2014/2015 an dem Projekt: Magistrat  der Stadt Biedenkopf, mymedia GmbH, Stadtverwaltung (Magistrat) der Universitätsstadt Marburg, Philipps-Universität Marburg, Nolta GmbH, Magistrat der Stadt Stadtallendorf, Rewe Naumann GmbH & Co. KG, Stadtwerke Marburg, Elektroplan Schneider, Hitzeroth Druck + Medien GmbH & Co. KG, Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH, VR Bank Hessenland. Es sind noch Plätze frei. Weitere Teilnehmer, die ihre Azubis bewusst fördern wollen, sind willkommen.
  • Unternehmen können sich bei OP-Vertriebsleiter Steffen Ehrmann unter 06421/409-190, E-Mail steffen.ehrmann@op-marburg.de melden.
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Zahlen belegen den Erfolg des Projektes

Wie heißt der türkische Ministerpräsident? Die Antwort Recep Erdogan wussten 95 Prozent der Teilnehmer, ein Jahr zuvor – vor Beginn des Projekts „Zeitung und Ausbildung“ – waren es rund 70 Prozent.

Gießen. Als sich im September vergangenen Jahres 374 Auszubildende aus dem ganzen Bundesland im Online-Portal des Projekts „Zeitung und Ausbildung in Hessen“ registrierten, war nicht abzusehen, wie viele bis zum Ende durchhalten würden. Dass es beim Abschlusstest ein Jahr später immer noch 328 waren, also rund 88 Prozent, sei „eine Riesen-Quote“, betont der wissenschaftliche Leiter Professor Gregor Daschmann vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „Der enorme Aufwand, den wir betrieben haben, hat sich gelohnt.“ Unter Federführung des Mainzer Marktforschungsunternehmens „forum!“, dem Daschmann als wissenschaftlicher Beirat angehört, hatten sich 98 Unternehmen, wovon mit fast einem Drittel der größte Anteil aus der Banken-/Versicherungsbranche stammte, beteiligt. Die meisten der Azubis (192) absolvierten im Projektzeitraum ihr erstes Ausbildungsjahr. Im Durchschnitt waren die 44 Prozent teilnehmenden Männer und 56 Prozent Frauen 21 Jahre alt. 241 haben  Abitur oder Fachabitur. Um einen Vergleichswert zu haben, wurden zusätzlich 147 Auszubildende rekrutiert, die keine Tageszeitung lesen. Sie bildeten die Kontrollgruppe. „Nur so lässt sich überhaupt ein Erfolg ablesen“, erklärt der Leiter.

Die nach zwölf Monaten ermittelte durchschnittliche Zeitungslesedauer von 20 Minuten sei „ein sehr hoher Wert“, stellt Daschmann fest. „Ohne das Projekt wäre das nicht erreicht worden.“ Die Motivation zur regelmäßigen Lektüre kommt sicherlich auch durch die monatlichen Tests, bei denen angelesenes Wissen aus den verschiedensten Bereichen abgefragt wurde, von Politik und Wirtschaft über Kultur und Sport bis hin zu regionalen Themen. Als Beispiel für den Wissenszuwachs nennt Daschmann die Frage nach dem Ministerpräsidenten der Türkei, Recep Erdogan. Hatten dies beim Eingangstest noch rund 70 Prozent richtig beantwortet, lag der Wert ein Jahr später bei nahezu 95 Prozent.

Ohne dass die Teilnehmer freilich wussten, dass diese Frage wiederkommen würde. Hier sei klar ein „Lerneffekt“ zu erkennen. Neben Fragen zu Faktenwissen, die allesamt unter Zeitdruck zu beantworten waren, wurden bei Kick-Off- und Abschlusstest auch Veränderungen in Textverständnis, Problemlösefähigkeit, Wortschatz und Rechtschreibung überprüft. Überall finden sich im Vergleich zur Kontrollgruppe Zuwächse. So etwa bei der Aufgabe, 22 Fragen mit jeweils zwei Antwortmöglichkeiten innerhalb von nur zwei Minuten zu beantworten. Was laut Daschmann nicht zu bewältigen gewesen sei, aber Erkenntnisse über Lesetempo und Textverständnis brachte. „Die Auszubildenden sind hier deutlich schneller geworden“, berichtet der wissenschaftliche Leiter. Genauso hätten sich signifikante Verbesserungen gezeigt bei der Unterscheidung von Sachverhalten, prozeduralem Wissen (Prozentrechnung) oder Inhalt und Stil eines mit eigenen Worten wiedergegebenen Zeitungstextes. Letzterer war vorher für die Teilnehmer nur kurz auf dem Bildschirm zu sehen.

Die wohl entscheidendste Frage für den Erfolg des Projekts war die, ob sich die jungen Leute nach einem Jahr ausreichend über das politische Geschehen informiert fühlen. Dies wird von rund 55 Prozent der Teilnehmer bejaht, bei Projektbeginn waren es noch 30 Prozent. „Das ist ein bombastischer Zuwachs und mehr als wir erwartet hatten“, sagt Daschmann. In der Kontrollgruppe hingegen ist die Quote von 40 auf 25 Prozent gefallen. „Obwohl die Welt in dieser Zeit komplizierter geworden ist“, erinnert der wissenschaftliche Leiter an neue Konflikte und Krisen wie etwa in der Ukraine, „haben die Projektteilnehmer das Gefühl, dass sie besser Bescheid wissen.“ Für Daschmann ist das ein klarer Hinweis darauf, dass „wer mehr Zeitung liest, sich auch für mehr Themen interessiert und mehr darüber informiert“. Dies sei ein „ganz tolles Ergebnis“ und für die Unternehmen eine „wichtige Botschaft“.

von Frank O. Docter

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