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Hilfe für Opfer und Täter

Interview Hilfe für Opfer und Täter

Sexuelle Gewalt ist ein Thema, über das häufig geschwiegen wird. Zwei Schülerinnen der Adolf-Reichwein-Schule sprachen mit dem Sexual-Pädagogen und Berater Bernd Christmann von der Beratungsstelle Pro Familia.

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Sophie Bernhard mit Bernd Christmann von der Beratungsstelle ProFamilia.

Quelle: Christiane Winterfeld

Marburg. Schüler: Was versteht man unter sexueller Gewalt?
Bernd Christmann: Es gibt keine einheitliche Definition zu sexueller Gewalt. Wir beziehen uns auf eine relative Definition, damit meinen wir im Grunde jede Form von Grenzüberschreitung, bei der  Sexualität im Spiel ist. Nicht nur körperliche, sondern auch durch psychische und emotionale sexuelle Gewalt, also man wird sexuell belästigt, dies kann auch durch Chats ausgeübt werden. Wir definieren sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt, und im Extremfall mit einer Vergewaltigung.

Schüler: Wie viele Fälle haben sie hier schon gehabt, also wie oft werden sie mit sexueller Gewalt konfrontiert?
Bernd Christmann: Nicht sehr oft, dadurch bedingt, dass es in Marburg eine eigene Fachberatungsstelle zum Thema sexuelle Gewalt „Wildwasser“ in der Wilhelmstraße gibt. Dort können Jugendliche und Kinder hingehen um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, auch Erwachsene, die es in der Kindheit erlebt haben. Und es gibt noch den Frauennotruf.
Schüler: Wen betrifft es hauptsächlich, welche Altersklassen und welches Geschlecht?
Bernd Christmann: Aus der Statistik wird deutlich, dass Frauen und Mädchen häufiger betroffen sind als Jungen und Männer. Trotzdem ist dies nicht sicher, da man davon ausgeht, dass die männliche Seite solche Geschehnisse oft nicht preisgibt. Und von dem Altersspektrum gibt es einen Schwerpunkt unter zwölf Jahren.

Schüler: Welche Problematiken können bei der Aufklärung eines sexuellen Missbrauches auftreten?
Bernd Christmann: Viele Betroffene gehen nicht sofort zur Polizei auf Grund ihrer Verfassung, wodurch die Suche nach dem Täter natürlich erschwert wird. Auch wenn die DNA des vermeintlichen Täters bei der betroffenen Person festgestellt werden kann, beweist das noch keinen sexuellen Missbrauch. Viele Angeklagte argumentieren auch: „Die betroffene Person habe das ja gewollt, es sei eine freiwillige Sache gewesen.“ Wegen solcher Aussagen von Tätern ist die DNA kein Beweis an sich für einen Gewaltakt sondern lediglich für eine sexuelle Handlung. Die weiteren Umstände sind dadurch natürlich nicht geklärt. Und da es zudem auch noch Täter gibt, die kalt auf ihrer eigenen Version beharren, und es außer der Aussage der betroffenen Person nichts weiter stichhaltiges gibt, kann das Gericht kein klares Urteil fällen.

Schüler: Was tut man in solchen Fällen, also als Opfer speziell, aber auch als helfende Person, der die betroffene Person sich anvertraut.
Bernd Christmann: Für die betroffene Person ist es wirklich wichtig, sich in irgendeiner Form so schnell wie möglich Hilfe zu suchen. Es ist nicht unbedingt notwendig, direkt zur Polizei zu gehen, aber man sollte sich auf jeden Fall jemandem anvertrauen. Ob das jemand aus dem Freundeskreis oder der Familie ist, bei dem man ein gutes Gefühl hat, oder jemand aus einer Beratungsstelle oder ein Therapeut, ist nicht so wichtig. Aber dass man versucht jemanden zu finden, mit dem man reden kann und dass man dann auch gemeinsam über das weitere Vorgehen nachdenkt. Wobei man natürlich auch gucken muss, ob eine Anzeige sinnvoll ist. Es ist in diesem Fall wichtig abzuwägen ob sie der betroffenen Person in irgendeiner Form hilft oder ob der Wunsch nicht besteht und ob es vielleicht nicht sogar zu viel wäre, die betroffene Person einem Gerichtsverfahren auszusetzen und den ganzen Fall an die Öffentlichkeit zu bringen. Man sollte in so einem Fall einfach versuchen, möglichst schnell nicht mehr alleine mit der Last der Geschehnisse zu bleiben. Für alle Personen, die in irgendeiner Form mit so etwas konfrontiert werden, ist es erst mal wichtig, ruhig zu bleiben und der betroffenen Person nicht das Gefühl zu geben, dass man sofort zur Polizei müsse.

Schüler: Gibt es allgemein irgendwelche speziellen Initiativen, um Opfern zu helfen oder den Tätern nachzugehen?
Bernd Christmann: Es gibt spezifische Beratungsstellen, für Opfer und teilweise auch Angebote für Täter, was man auch nicht vergessen darf. Wenn solche Fälle von sexuellem Missbrauch an die Öffentlichkeit geraten, geht es hauptsächlich darum, dass die Täter für ewig weggesperrt werden sollen.
Damit verhindert werden kann, dass  so etwas noch einmal geschieht, ist es auch wichtig, mit ihnen zu arbeiten, damit sie vielleicht aus ihrer Täterstruktur herausgebracht werden können. Ich finde vor allem den Ansatz positiv und denke, dass es ausbaufähig wäre, dass man viel früher anfängt mit übergriffigen Jugendlichen oder sogar schon mit auffälligen Kindern zu arbeiten, welche beispielsweise oft unangebrachte Sprüche bringen oder sogar andere Kinder, Mädchen oder auch Jungs antatschen. Wenn man früh mit so etwas anfängt, kann man an potentiellen Täterkarrieren vielleicht noch etwas ändern. Ansonsten ist Aufklärung sehr wichtig, womit man in der Kita oder der Grundschule schon anfangen kann.

von Christiane Winterfeld und Sophie Bernhard, Klasse BG11F,  Adolf-Reichwein-Schule Marburg

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