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Wenn die Sucht dein Leben kontrolliert

Interview mit einem Betroffenen Wenn die Sucht dein Leben kontrolliert

Laut Angaben des Blauen Kreuzes, die uns anlässlich einer Schulveranstaltung besuchten, sterben jährlich etwa 74.000 Menschenan dem Konsum von Alkohol, dagegen 1.228 an illegalen Drogen. Das heißt, wenn sich alle alkoholkranken Menschen in Deutschland die Hände geben würden, würde sich eine Menschenschlange bilden, die von Oslo bis nach Gibraltar reicht.

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Die am häufigsten gebrauchte illegale Droge ist Cannabis, auch als Haschisch oder Marihuana bekannt.

Quelle: Kay Nietfeld

Marburg. Wir haben ein Interview mit einem Alkohol -und Drogenabhängigen vom Hof Fleckenbühl, eine Einrichtung für hilfesuchende Süchtige, geführt.

Schüler: Vielen Dank, dass sie sich dazu bereit erklärt haben, mit uns dieses Interview zu machen. Können sie uns zum Einstieg etwas über Ihr Leben vor Fleckenbühl erzählen?

Peter P.: Also mein Name ist Peter P., ich werde im Juni 51 Jahre alt und komme ursprünglich aus Niedersachsen. Ich bin im Heim aufgewachsen, hatte keine Eltern und es war von Anfang an nicht leicht für mich, was aber nicht unbedingt der Grund für frühen Kontakt mit Drogen und Alkohol sein muss. In meinem Fall könnte es sich auch um eine vererbte Anfälligkeit für Süchte handeln. Ich war in der vierten Klasse schon alkoholabhängig, zwar noch nicht im hohen Maße, aber es machte sich durch meine Aufmüpfigkeit bemerkbar, habe aber trotzdem meine Schule gut gemacht. Ich bekam oft Hausarrest, bin dann wegen Fehlstunden vom Gymnasium nach und nach auf die Hauptschule gekommen, wo ich trotzdem irgendwie meinen Abschluss gemacht habe.

Ich habe dann eine Lehre gemacht, wo ich wusste, dass Alkohol da war, im Straßenbau. Danach bin ich zur Marine, habe dann für vier Jahre unterschrieben, wo alles mit Alkohol und Drogen noch schlimmer wurde. 1989 lernte ich jemanden aus den Vereinigten Staaten kennen, ließ mich auf ihn ein und wanderte dann 1992 nach Amerika aus. Ich hatte dann die Abfindung der Marine im Wert von 30.000 Mark, davon kann man gut eine Zeit lang leben. 1996 bin ich dann in die amerikanische Armee gegangen, habe mich gleich 20 Jahre verpflichtet, hatte in dieser Zeit mehrere Therapien und Rückfälle. Habe dann 6 Jahre clean gelebt, bis ich nach Kuba versetzt wurde, wo es schwierig für mich war die Kriegssituationen wahrzunehmen und deswegen mehr auf Drogen gegangen bin, sprich Kokain und Alkohol.

Drogen- und Waffenhandel in Mexiko

Zurück in Deutschland, habe ich 2004 meine Frau kennengelernt, 2005 haben wir geheiratet und darauf unsere Tochter bekommen. Ende 2005 wurde ich nach Afghanistan versetzt, wo ich 2007 angeschossen wurde. Meine Frau wurde krank, das war dann einer der Hauptgründe, warum ich nach Mexiko gegangen bin, um Geld zu verdienen, fing dann an, mit Drogen, Zigaretten und Waffen zu handeln, womit ich hauptsächlich mein Geld verdiente, denn die Masse macht das Geld. Dann landete ich das erste Mal für ein Jahr im Gefängnis, später dann erneut für fünf Jahre, habe mich dann jedoch vier Jahre freigekauft.

Anstatt aus meinen Fehlern zu lernen, wurde alles viel schlimmer und stieg um auf LSD, Kokain, Alkohol und so weiter... Meine Frau ist 2014 gestorben, das war ein Grund für mich überhaupt nicht mehr weiter zu machen. In Deutschland stand ich mit so gut wie nichts da, dann fing das trinken natürlich gleich wieder an, ich war komplett orientierungslos. Zwei Jahre später schloss ich mich einer Drückerkolonne an, was mir sehr unangenehm war, doch wenn ich etwas Kokain in mir hatte, ging es dann. Ich suchte mir nach einer längerer Zeit Hilfe, und ließ mich entgiften. Da ich keine zeitlich festgelegte Therapie mehr wollte, wurde mir Hof Fleckenbühl empfohlen.

Schüler: Sie sind jetzt 50 Jahre alt, wie und wann hat das mit dem Drogenkonsum angefangen?

Peter P.: Mit den Drogen hat es angefangen mit elf oder zwölf, durch meinen älteren Bruder, mit dem ich aber heute keinen Kontakt mehr habe.

Schüler: Es heißt, dass Marihuana die sogenannte Einstiegsdroge ist, war das bei Ihnen auch der Fall oder womit hat es bei Ihnen begonnen?

Peter P.: Ich habe angefangen mit Alkohol und direkt danach mit Heroin. Eine kurze Zeit war auch Haschisch dabei, das ist vergleichbar mit Marihuana.

Es entsteht ein "Egal-Gefühl"

Schüler: Was waren die härtesten Drogen die Sie genommen haben und wie haben sie sich danach gefühlt?

Peter P.: Sagen wir es so, jede Droge die ich genommen habe, war ein Witz dagegen, was Alkohol mir angetan hat. Aber von den chemischen Drogen her war es Heroin. Nach der Einnahme bin ich für mich wie ein außerkörperliches Experiment gewesen. Ich habe meinen Körper gesehen und dann über mich selbst gelacht. Es ist so eine Art Traumwelt, obwohl man immer noch funktioniert, aber wenn man später darauf angesprochen wird, weiß man es nicht mehr genau. Und irgendwann wird man abhängig, dann macht es keinen Spaß mehr, aber man kann ohne nicht funktionieren. Die Wirkung kommt aber auch auf die dosierte Menge an. Es entsteht ein „Egal-Gefühl“, es ist aber auch immer entscheidend wie man sich fühlt, bzw. wie eine Person vom Charakter her ist. Allgemein ist es sozusagen wie ein Orgasmus, nur auf Drogen.

Schüler: Drogen sind ja nicht gerade billig, wie haben Sie das mit Kosten geregelt?

Peter P.: Wenn man anfängt, Drogen zu nehmen hat man schon Geld, man nimmt ja nicht Unmengen von dem Zeug. Das Taschengeld ist dann auch nicht mehr genug, da muss man anfangen, selber irgendwie zu arbeiten, oder selber anfangen zu handeln, wodurch man dann besser an freie Drogen herankommt.

Schüler: Hatten Sie denn keine Angst erwischt zu werden?

Peter P.: Es war der Kick, darin erwischt werden zu können, beziehungsweise etwas illegales zu tun, etwas was sonst keiner macht. Man verliert den Halt an der Realität.

Schüler: Hat sich die Sucht auch auf Ihre körperliche Gesundheit ausgeübt?

Peter P.: Ich denke, ich habe Glück gehabt. Es wurden eine Menge Gehirnzellen bei mir zerstört und das schnelle Denken ist nicht mehr so wie früher. Aber was mir Probleme bereitet ist, dass ich eine vernarbte und stark verfettete Leber habe und ich kurz davor war, Leberzirrhose zu bekommen. Meine Lunge ist auch betroffen, was man an meiner Stimme erkennen kann. Ich bin aber immer sehr sportlich gewesen, wodurch ich alles schnell wieder abgebaut habe.

"Die Sucht wird immer da sein"

Schüler: Welche Gründe gab es für Sie, das erste Mal Drogen zu nehmen, eventuell Gruppenzwang? 

Peter P.: Nein, Gruppenzwang nicht. Ich bin ein Mensch, der sich gerne gegen Regeln stellt, anstatt sie zu befolgen, bei mir war es eher der Drang mich zu wiedersetzen.

Schüler: Was hat sie dazu bewegt einen Entzug zu machen?

Peter P.: Der Grund war, dass mich meine Tochter, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, anrief, aus Deutschland, und ich total zugedröhnt war und nicht an das Telefon kam. Mein Körper hat mich einfach nicht gelassen, da machte es klick bei mir. Der andere Grund ist, dass ich meiner Tochter wenn sie 18 ist, mit klaren Gedanken und klarem Verstand gegenüber stehen möchte, um ihr zu erzählen, was los gewesen ist, von Herzen, ohne ihr was vormachen zu müssen. Und ich hoffe, dass sie das versteht, wenn nicht, habe ich es trotzdem von meiner Seite versucht und alles gegeben was ich geben kann.

Schüler: Sie haben schon mehrere Entzüge gemacht, was war der Grund, warum Sie rückfällig geworden sind? 

Peter P.: Die Sucht, sie steht immer da und wird auch immer da sein. Ich habe keine einzige Therapie zuvor freiwillig gemacht, ich habe nur darauf gewartet, da rauszukommen. Es entsteht irgendwann diese „scheiß egal“-Einstellung und wenn die kommt, dann ist auch alles egal. Es gibt keine Zukunft und keine Vergangenheit, nur das hier und jetzt.

Legalisierung? "Drogen und Alkohol sind tödlich"

Schüler: Ein Entzug bringt ja schlimme Nebenwirkungen mit sich, war das bei ihnen auch so und wie sind sie damit umgegangen?

Peter P.: Vor Fleckenbühl habe ich mich entgiften lassen, also ein Entzug mit Medikamenten im Krankenhaus. Ich habe aber auch schon kalte Entzüge hinter mir, wo das Zittern kommt, Selbstmordgedanken, Krämpfe und man sich übergeben muss. Um es auf den Punkt zu bringen, die Nebenwirkungen variieren und es kommt auf die vorher genommenen Drogen an.

Schüler: Was würden Sie davon halten, wenn Drogen legalisiert werden würden?

Peter P.: Zwei verschiedene Antworten: Vor 30 Jahren hätte ich gesagt stört ja keinen, außerdem würde es eine Menge an Geld sparen. Jetzt, vor allem seit der Geburt meiner Tochter, denke ich, die Gesetzte kommen ja von irgendwo. Denn Drogen und Alkohol sind tödlich, nicht nur für einen selber sondern auch für andere.

Schüler: Haben Sie in Fleckenbühl Pläne für die Zukunft entwickeln können?

Peter P.: Bisschen früh zu sagen, aber ja. Bald bin ich ein Jahr hier und das war auch mein Ziel. Für die spätere Zukunft würde ich gerne meinen Drogenberater machen, beziehungsweise Suchthelfer. Oder ich würde gerne in den medizinischen Bereich gehen, das heißt in den Bereich Massage und Akupunktur und mich dort eventuell selbstständig machen.

Schüler: Wie war es für Sie, mit uns über ihre Vergangenheit zu reden?

Peter P.: Es hat mir Spaß gemacht. Und ich hoffe, dass ich hiermit zeigen kann, wo das alles hinführt und wie man sich fühlt, wenn man süchtig ist. Ich schaue lieber in die Zukunft, denn die Vergangenheit kann ich nicht ändern, ob ich daraus lernen werde, dass wird sich zeigen.

von Lisa Greder und Vivien Hallfeldt, 9. Klasse, Freie Waldorfschule Marburg

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