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"Bio muss immer mit Fairness einhergehen"

Bio "Bio muss immer mit Fairness einhergehen"

Ist Bio fair? Eigentlich war ich, ohne es mir bewusst zu machen, immer davon ausgegangen. Doch auf meinem dreiwöchigen Landwirtschaftspraktikum auf einem Bio-Hof habe ich dies oft in Frage gestellt. 

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Drei Wochen lang hat Margarita Mommertz auf einem Bio-Hof in Norddeutschland gearbeitet. "Die Arbeit war vor allem im Gegensatz zu dem normalen Schulalltag körperlich sehr anstrengend", schreibt sie in ihrem Schülerartikel.

Quelle: Margarita Mommertz

Marburg. In der Waldorfschule muss man in der 9. Klasse ein Landwirtschaftspraktikum absolvieren. Bei einem Landwirtschaftspraktikum leben die Schüler drei Wochen lang auf einem Bauernhof ihrer Wahl und sollen das Leben eines Bauern kennenlernen und miterleben. Dies ist eine große Umstellung, weil die meisten Schüler aus der Stadt die Arbeit nicht gewöhnt sind. Auch ich bin in diesen drei Wochen an meine Grenzen gestoßen.

Meine Freundin und ich, beide Schülerinnen der Waldorfschule Marburg, haben uns einen Bio-Hof in Norddeutschland ausgesucht.

Ein Landwirtschaftspraktikum? Was ist das?

Die ganzen drei Wochen waren wir hauptsächlich auf dem Feld und haben Unkraut gejätet. Das Unkraut musste von Hand gejätet werden, da auf dem Biobauernhof natürlich nicht gespritzt werden darf. Wir arbeiteten also von halb neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends auf dem Feld. Die Tiere wurden vor und nach der Feldarbeit gefüttert. Unser Arbeitstag ging also von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends.

Die Arbeit war vor allem im Gegensatz zu dem normalen Schulalltag körperlich sehr anstrengend. Für uns waren die drei Wochen zwar ungewohnt schwer, doch wir mussten diese Arbeit nur drei Wochen machen. Die Azubis, Angestellten und Gesellen hingegen müssen die gleiche Arbeit jeden Sommer verrichten.

Dafür, dass sie so hart arbeiten, hatte ich das Gefühl, dass sie zu wenig Geld ausgezahlt bekommen. Auf meinem Hof mussten sie zusätzlich 400 Euro für eine Unterkunft und Essen bezahlen. Durchschnittlich bekamen sie nur 2,50 Euro die Stunde, also nicht mal ansatzweise den Mindestlohn. Überstunden bekamen sie nicht bezahlt. Ein Auszubildender berichtete mir, dass er im letzten Jahr 1500 Überstunden gearbeitet hatte.

Trotz dieser Überstundenzahl hat er dementsprechend für einen Monat nur 180 Euro ausgezahlt bekommen, obwohl er im dritten Lehrjahr war und keine wirkliche Freizeit gehabt hatte.

Werden Tiere auf dem Bio-Hof fair behandelt?

Dies ist wahrscheinlich die Frage, die ich mir am häufigsten gestellt habe. Den Tieren geht es zwar sehr viel besser als auf einem konventionellen Hof, jedoch hatte ich oft das Gefühl, dass  ihr Leben davon abhing, wie leistungsfähig sie waren.

Ein Bulle, der noch zehn Jahre zu leben hätte, wird schon nach drei Jahren geschlachtet, da er den Bedingungen nicht mehr nachkommt. Und um zum Beispiel beim Stier zu bleiben: der Stier hat in seinen drei Jahren noch keine einzige Weide gesehen, er war immer nur in seiner Box. Es wäre zwar aufwendiger, doch auch machbar, den Stier auch mal raus lassen. Genauso ist es mit den Kühen. Sie müssen zwar nicht wie die Kühe auf den konventionellen Höfen 50 Liter Milch pro Tag geben (25 Liter reichen aus), trotzdem werden sie, wenn sie 25 Liter geben oder wenn die Kosten den Ertrag für die Milch übersteigen, geschlachtet.

Auch die Schweine: Sie leben in einem kleinen Stall sechs Monate lang und bevor sie geschlechtsreif sind, werden sie schon geschlachtet. Sie leben dafür getötet zu werden, und das finde ich persönlich grausam. Ich weiß, dass die Bauern auch darauf achten müssen, dass sie selbst überleben. Doch das entspricht nicht meiner Vorstellung von Bio. Die Kategorie BIO müsste meiner Meinung nach immer mit Fairness einhergehen: Fairness bezüglich einer gerechten Entlohnung und dass die Tiere auch noch leben dürfen, wenn sie nicht mehr alles geben können.

von Margarita Mommertz, 10. Klasse der Freien Waldorfschule Marburg

 

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