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Freie Waldorfschule

Spies: „Jugendpolitik ohne Jugendliche wäre ein Witz“

Vor der Oberbürgermeisterwahl in Marburg hat Schüler Christoph Winzenburg mit dem SPD-Kandidaten Dr. Thomas Spies gesprochen.

Dr. Thomas Spies will Oberbürgermeister werden. Er will vor allem in die Kinder- und Jugendförderung investieren.

© Nadine Weigel

Marburg. Dr. Spies nimmt Stellung zu einer Mitmach-App für die Stadt, dem Schulsystem und dem Thema Flüchtlinge.

Schüler: Herr Dr. Spies, wie sind Sie vom Beruf des Arztes, zum Beruf des Politikers gekommen?

Dr. Thomas Spies: Bei uns zu Hause galt: Jeder sollte sich eine Zeit in seinem Leben für das Gemeinwohl einsetzen. Am besten in der Politik, denn Politik betrifft alle. Deshalb haben wir alle früh angefangen, uns ehrenamtlich politisch zu engagieren. Als Arzt habe ich irgendwann gemerkt, wie wichtig soziale Ursachen für Krankheit sind.

Armut ist die wichtigste Krankheitsursache, Arbeitslosigkeit die zweitwichtigste, und arme Menschen leben bei uns mehr als zehn Jahre kürzer als reiche Menschen. Ich finde das unerträglich. Soziale Verhältnisse und das Gesundheitswesen verändert man durch Politik, deshalb bin ich zur Politik gewechselt und habe da auch einiges erreicht. Aber ich habe den Beruf nicht aufgegeben, ich fahre immer noch ein- oder zweimal im Monat 24 -Stunden-Dienste auf dem Notarztwagen.

Schüler: Gibt es etwas, was Sie in der Stadt Marburg verändern oder erreichen wollen?

Spies: Es gibt viel, was ich für die Stadt Marburg erreichen will. Die Stadt ist in einem guten Zustand. Die Finanzen sind solide und besser als alle vergleichbaren Städte. Besonders wichtig scheint mir, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen und uns vor den Risiken zu schützen. Ich möchte für Marburg ein flächendeckendes Wlan. Aber es geht nicht nur um Technik.

Digitale Bürgerbeteiligung heißt, dann kann jede und jeder mit der Mitmach-App direkt mit der Stadt (oder direkt dem Oberbürgermeister) digital in Kontakt treten und Vorschläge machen oder Kritik anbringen. Lokaler Online-Handel und lokale Dienstleistungsvermittlung sind weitere Möglichkeiten für lokale Nutzung. Statt von Monopolen abhängig zu sein will ich Open-Source für die Stadtverwaltung prüfen. Medienbildung und Hilfe zum Datenselbstschutz gehören natürlich genauso dazu. Die digitale Stadt ist ein Projekt, das ich total spannend finde und das wir nicht verschlafen sollten.

Schüler: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung von Jugendlichen in der Stadt Marburg ein?

Spies: Marburg hat ein gutes Angebot, mit großem Kino, guten Sportanlagen, Jugendclubs und so weiter. Aber man muss eigentlich nicht mich, sondern die Jugendlichen fragen: ist das Angebot so, wie ihr es haben wollt? Was kann man besser machen? So sehe ich die Aufgabe eines Politikers: erstmal fragen und zuhören, dann Lösungen finden.

Schüler: Und Sie würden dann auch auf Nachfrage die Möglichkeiten theoretisch noch erweitern?

Spies: Ja natürlich! Ich bin kein Jugendlicher, also muss ich die Jugendlichen fragen, was passt, was geht, was wollt ihr? Jugendpolitik machen, ohne die Jugendlichen zu fragen, wäre ein Witz.

Schüler: Was halten Sie von dem heutigen Schulsystem an staatlichen Schulen?

Spies: Das Wichtigste ist: Schule muss Kinder und Jugendliche begeistern, sonst funktioniert sie nicht. Kinder sollten länger gemeinsam lernen, weil Kinder und Jugendliche nicht nur vom Lehrer, sondern genauso viel voneinander lernen. Wir brauchen Ganztagsschulangebote, damit Schule mehr ist als die Fächer, die wir kennen. Kinder und Jugendliche vor allem das Lernen lernen - schließlich kommt ständig neues Wissen hinzu. Und Schule muss sich viel stärker auf die einzelnen Schüler ausrichten statt Frontalunterricht. Außerdem denke ich: Schulerfolg ist eine Bringschuld der Erwachsenen, sie sind verantwortlich - Kinder sind ja noch Kinder.

Also müssen wir uns immer fragen, ob wir Erwachsenen wirklich gute Bedingungen geschaffen haben, und zwar die Schüler. Seit vielen Jahren möchte ich, dass wir Schulpolitik mit mehr Beteiligung der Schüler machen. Schüler sind eindeutig Schul-Experten, und die sollten wir viel stärker mitreden lassen.

Schüler: Wie stehen Sie zu dem Thema Flüchtlinge in Deutschland und welche Maßnahmen kann man konkret durchführen, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen?

Spies: Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Gefahr für Leib und Leben fliehen, verdienen, dass wir mit ihnen freundlich und aufmerksam umgehen. Wir sollten großzügiger mit der Aufnahme sein: im Libanon sind ein Fünftel der Bevölkerung Flüchtlinge aus Syrien. Wir müssen Flüchtlinge ordentlich unterbringen, ihnen Deutsch beibringen und helfen, dass sie sich zurechtfinden.

Ohne das viele ehrenamtliche Engagement wäre das kaum zu schaffen. An manchen Unis dürfen Flüchtlinge unbürokratisch zuhören, das habe ich für Marburg auch vorgeschlagen. Und ich finde: Pegida-Demonstrationen braucht kein Mensch!

von Christoph Winzenburg, 9. Klasse, Freie Waldorfschule Marburg

[Peter Gassner]

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