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Freie Waldorfschule Marburg

Freiheit für den Kopf

Die türkische Autorin und Frauenrechts-Aktivistin Emel Zeynelabidin nahm nach dreißig Jahren ihr Kopftuch ab. Lisanne Wedekind traf sie für ein Interview.
Kopftuch zu tragen, hat für Emel Zeynelabidin nichts mit ihrem Glauben zu tun. Die Frauenrechts-Aktivistin (rechtes Bild, links) und Schülerreporterin Lisanne Wedekind posieren vor dem Marburger Rathaus. Fotos: Wolfram Steinberg/privat

Kopftuch zu tragen, hat für Emel Zeynelabidin nichts mit ihrem Glauben zu tun. Die Frauenrechts-Aktivistin (rechtes Bild, links) und Schülerreporterin Lisanne Wedekind posieren vor dem Marburger Rathaus. Fotos: Wolfram Steinberg/privat

Marburg. Die Frau, die das Kopftuch nach dreißig Jahren abnahm, wohnt jetzt in der gleichen Stadt wie ich, in Marburg. Bevor sie nach Hessen kam, lebte sie mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern in Berlin. Geboren wurde sie in Istanbul in der Türkei. Als sie sieben Monate alt war, zog ihre Familie aus beruflichen Gründen nach Deutschland. Gefragt nach ihrer Kindheit sagt sie: „Es war eine sehr, sehr schöne Zeit. Ich wurde mit viel Liebe erzogen. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinem Vater. Wir hatten sehr ähnliche Charaktereigenschaften.“

Schon als Kind hatte sie ein großes Interesse am Lesen. Sie besuchte ein Gymnasium und machte später dort ihr Abitur. Direkt danach heiratete sie einen muslimischen Mann, der von ihrem Vater mit Bedacht ausgewählt wurde. Bereits in der zehnten Klasse hielt er um ihre Hand an.

Studium erst nach Hochzeit

Auf Wunsch ihres geliebten Vaters studierte sie Anglistik und Islamwissenschaften erst nachdem sie verheiratet wurde. Aber wieso nahm sie ihr Kopftuch ab? Sie erklärte mir, dass sie sich während der Kopftuchdebatte mit den Gründen der Verhüllung genauer beschäftigt hatte und dann herausfand, dass das Kopftuch nichts mit der Religion zu tun hat. Ihrer Meinung nach ist der Koran und der Islam „eine sehr praktische Religion“. Der Koran sei heute ohne den Propheten Mohammed nicht zum Verstehen, sondern zum Anschauen und Anhören da.

Das Kopftuchtragen entstand, um die gläubigen Frauen von den Sklavinnen zu unterscheiden, damit sie nicht mehr von den Männern belästigt werden. Dieser Brauch ist bis heute noch erhalten geblieben. Nur dass es heute die damaligen Sklavinnen nicht mehr gibt. Daher beschloss Emel Zeynelabidin, dass das Tragen eins Kopftuches keine Bedeutung mehr für sie hat.

Im Februar 2005 nahm Emel Zeynelabidin ihr Kopftuch nach dreißig Jahren zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ab. Sie erinnert sich, dass es an diesem besonderen Tag sehr kalt war.

"Wünsche mir mehr Mut für muslimische Frauen"

Es war für sie ein neues und ungewohntes Gefühl. Ihre Familie und Verwandten waren von diesem Schritt schockiert. Nun sind zehn Jahre vergangen. „Mit dem Kopftuch fühlte ich mich als muslimische Frau und ohne als Emel“, sagte sie.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? „Ich wünsche mir für die Frauen mehr Mut, um über ihr Leben und ihren Glauben nachzudenken.“ Ich hoffe, dass viele muslimische Frauen und Menschen in der nicht muslimischen Gesellschaft viel mehr ins Gespräch kommen.

Ich habe das Thema Kopftuchtragen gewählt, da ich es interessant fand, wie Emel Zeynelabidin als muslimische Frau bisher ihre Wege ging und somit ihr Leben veränderte. Für ihr Engagement und ihre konsequenten Auseinandersetzungen mit der islamischen Religion erhielt sie 2007 den Luther-Preis „Das Unerschrockene Wort“. Ich habe sie als liebevolle und selbstbewusste Frau mit großem Humor kennengelernt. Für mich wäre es unvorstellbar, ein Kopftuch zu tragen. Als ich noch klein war, fürchtete ich mich vor den verhüllten Frauen.

von Lisanne Wedekind, 9. Klasse,Freie Waldorfschule


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