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Freie Waldorfschule

Ein Leben unter Kannibalen

Yamuna Nelke's Opa Wolfgang Nelke lebte als erster weißer Mensch unter Kannibalen in Papua Neuguinea. In ihrem Bericht beschreibt sie einen kleinen, aber eindrucksvollen Auszug aus der gemeinsamen Zeit von Wolfgang Nelke und den Fa-Tal-Ureinwohnern.

Das Bild zeigt Wolfgang Nelke mit einem Kind der Ureinwohner Papua Neuguineas.

© Privatfoto

Marburg. „Klar und hell sind Luft und Licht; nur ein seichter, wärme verheißender Nebelschleier liegt noch über den Bergen des Hochlandes: 5:25 Uhr. Ich steige aus meiner kleinen,selbstgebauten Bambushütte und laufe Richtung Dorf, bereits die Stimmen der Dorffrauen und Dingos im Ohr.“ So beginnt ein Tag des Ethnologen Wolfgang Nelke im Jahr 1975.

Wolfgang Nelke wurde von 1975 bis 1977 im Auftrag der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) zu wissenschaftlichen Forschungszwecken für 1,5 Jahre auf die Reise ins westliche Papua Neuguinea / Irian Jaya, geschickt. Im Alleingang begab er sich mit nur einem Rucksack, Zelt und Minimalausrüstung auf einen Drei-Tages-Marsch in den Urwald und erreichte so das kleine unbekannte Dorf Mairala am Fluss Sepik, wo er 1,5 Jahre als erster weißer Mensch lebte und forschte.

Rituale für Geburt, Tod, Fest und Kampf

Die Menschen dort leben im üppigen Urwald, fernab von Zivilisation und all dem, was wir „unsere Welt“ nennen. Ihr Zuhause sind Erde, Wasser, Wald und Sonne. Sie leben in Männer- und Frauenhütten zusammen mit ihren Hausschweinen und Dingos (die dortigen Hunde).

Sie haben Rituale für Geburt, Tod, Fest und Kampf. Sie sind Kannibalen, die die Körper ihrer Gegner essen, um ihre Kraft in sich aufzunehmen. Danach trennen sie die Köpfe ab, lassen sie austrocknen und füllen die Augenhöhlen mit kleinen Kaurimuscheln aus. Diese Totenschädel sind für die Eingeborenen Ausdruck von Jagderfolg und Stolz.

„Primitives“ Leben

Wenn allerdings einer aus dem Dorf gestorben ist, wird der Leichnam in entfernte Bäume des Dorfes gesetzt, damit die Seele des Verstorbenen das Dorf verlassen kann. Aus unserer hiesigen Sicht könnte man es primitiv nennen; auf der Stufe der Altsteinzeit. Sie haben keine Töpfe, sondern garen das selbst gejagte frische Fleisch in Erdlöchern unter heißen Steinen und großen Blättern.

Sie ernähren sich von Süßkartoffeln, Gemüseblättern, Taroknollen, Beeren, Insekten, Würmern, Schlangen, Ratten, Nagetieren, Vögeln, Vogeleiern und Schweinefleisch. Die Männer tragen nur eine Peniskalebasse, die aus der harten Schale einer Kürbispflanze bestehen und als Schutzhülle für das Glied dient, die Frauen und Mädchen kleine Baströckchen um die Hüften.

Nelke als Kraftverleiher

Wolfgang Nelke lebte als erster weißer Mensch in ihrem Dorf. Er lernte ihre Sprache, ihre Bräuche und Lebensart, und wurde von ihnen zwar als Fremdling, jedoch nach anfänglicher Skepsis herzlich aufgenommen und mit der Zeit sogar als sehr wichtiger Mann angesehen. Im Gegensatz zu den Ureinwohnern, die klein und zierlich und kaum behaart sind, wirkte er groß und fremdartig auf sie mit seinem Vollbart, seiner kräftigen Statur und Brille im Gesicht.

Wolfgang Nelke fotografierte und dokumentierte die Ureinwohner bis ins kleinste Detail. (Privatfoto)

Mit der Zeit sahen sie ihn als sehr stark und kraftvoll an. Bei der Geburt eines Kindes in einer Frauenhütte durfte er als einziger Mann dabei sein und das Baby unmittelbar nach der Geburt an seine Brust halten. Sie glaubten und hofften, dies möge dem Kind Kraft verleihen. Er führte täglich Tagebuch und dokumentierte jedes kleinste Detail und Ereignis über Pflanzen, Tiere, Natur und das Verhalten der Ureinwohner des Fa-Tals.

Tausende Fotos noch unveröffentlicht

Er überstand Krankheiten ohne medizinische Versorgung und überlebte sogar ein schweres Erdbeben. Nicht nur seine einzigartigen Tagebücher aus dieser Zeit, sondern auch tausende hochwertige Fotos der Landschaft, Tier- und Menschenwelt in Papua Neuguinea sind bis heute unveröffentlicht und ein wahrer Schatz an Erfahrungen und Wissen aus einer uns fremden Welt voller Urkraft und Natürlichkeit.

Mein Opa Wolfgang Nelke ist im Jahr 2012 verstorben. Meine Mutter Astrid Nelke und meine Oma Angelika Stöpel haben mir viel über ihn erzählt und so ist dieser Bericht entstanden. Ich finde mein Opa Wolfgang Nelke hat viele spannende Abenteuer erlebt und ich hoffe, dass auch andere Menschen seine Erlebnisse interessant finden.

von Yamuna Nelke, 9. Klasse, Freie Waldorfschule Marburg


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